Aalener Sinfonieorchester und Konzertchor Aalen  

  Flieg, Gedanke, auf goldenen Schwingen

Zwischen einem tristen, weil winterlosen, Januar und einem vermutlich ebensolchen Februar , sehnt man sich regelrecht nach einem Aufbruch. Dieser darf gerne auch musikalischer Natur sein. Und was liegt näher, als dafür die Dienste des Aalener Sinfonieorchesters in Anspruch zu nehmen. Nebenbei erwähnt, wie alle Jahre schon zuvor. Zurecht, sorgen doch die veritablen Musici mit ihren erfolgreichen Neujahrskonzerten für ein abschließendes "Prosit Neujahr".

Apropos Aufbruch, diesmal gab es einen charmanten Griff ins Genre des romantischen Musiktheaters. Zunächst zu dessen populärstem Vertretern, zu Carl Maria von Weber. Sein "Freischütz" bildete den Auftakt, jene gnadenlos schöne Musik, der Webers Zeitgenossen so gerne die Floskel "national" anhängten. Schließlich durfte fortan auf der Opernbühne neben italienisch und französisch auch deutsch gesungen werden. Und Weber hatte wahrlich ein Händchen für der Deutschen Seele und für die Sehnsucht nach mystischen Bildern von Wald, Jägern und Natur. Rein musikalisch versteht sich. Kein Wunder also, dass sich Richard Wagner zu der Aussage hinreißen ließ: „Nie hat ein deutscherer Musiker gelebt als du!“ Andere wie Heinrich Heine amüsierten sich darüber, der bayrische Schriftsteller Paul Schallweg machte gleich eine "Wia a Jaager auf ned ganz saubere Weis zu seim Weib kemma is"-Parodie daraus. Wie denn auch sei, die Musik ist schlicht und einfach wunderbar, zumal sich die Aalener Philharmonisten so eloquent auf den romantischen Duktus verstehen, beim Musizieren gar über sich hinauswachsen, um mit behaglichem Schwung und Überzeugungkraft die dramatischen Stil- und Formmerkmale dieser Oper hervorzuheben. Will heißen, sie spielen Webers "Freischütz" so berauschend schön, dass die Zuhörer nicht genug davon bekommen können.

Allen voran natürlich in der Ouvertüre, in der die Hörner regelrecht zum Waldspaziergang einladen, obwohl bereits hier wie in der Introduction zum ersten Akt einzelne musikalische Elemente den Wald als Ort der Angst vorwegnehmen. Mit drei Arien verortet sich das Orchester hernach in den etwas wohligeren Melodien, wobei die drei famosen Solisten Julia Hinger (Sopran), Johannes Leander Maas (Tenor) und Daniel Fix (Tenor) mit kräftiger, voller und vor allem klangschöner Stimme von Jägersmann und Braut schwärmen.

Apropos - und das ist eigentlich nicht ganz unwichtig - das Aalener Sinfonieorchester wird bei diesem Neujahrskonzert erstmals von Lea Ray geleitet. Die gerademal 24jährige Dirigentin zeigt sich am Pult bemerkenswert souverän, führt ruhig und meist mit weit ausgetreckten Armen durch die Musik, gibt klare Anweisungen, lotst die Damen und Herren Musiker gewissenhaft selbst durch komplexeste Passagen. Entsprechend fabelhaft überzeugt das Orchester in Leistung und Qualität. In der Art der Darbietung, die immer so frisch, beschwingt klingt, die immer mit einer gewissen

Verve und Ausdrucksstärke gespielt wird. Da spürt man regelrecht, wie sich zum überzeugenden Niveau technisches Können, musikalische Stilsicherheit und ein harmonisches Miteinander gesellen. Bei einem Orchester, überwiegend aus Hobbymusikern bestehend, keine alltägliche Selbstverständlichkeit.

Bei diesem Neujahrskonzert kommt noch eine weitere Facette hinzu, bitten doch die Aalener Philharmoniker noch den Aalener Konzertchor mit auf die Bühne. Bekanntermaßen erprobte Sängerinnen und Sänger, die bei Verdis Oper "Nabucco" mit "Va, pensiero" dem Chor der Gefangenen kraftvoll Stimme geben. "Va, pensiero, sull’ali dorate -  Flieg, Gedanke, auf goldenen Schwingen" - höchst beeindruckend, wenn 150 Sänger und Musiker gemeinsam auf der Bühne ihre Stimme erheben.

Beeindruckend allerdings auch, nebenbei erwähnt, welch magnetische Wirkung sie - Chor und Orchester - auf die Musikfans haben. In Scharen zieht es diese zum Konzert, stehen geduldig in der Schlange, um Einlass zu begehren, während ihr vierrädriger Untersatz auch noch jedes freie Plätzchen in der näheren und weiteren Umgebung der Stadthalle gnadenlos in Beschlag nimmt. Im Konzertsaal selbst reichen folglich die Sitzplätze kaum, sodass viele Zuspätkommende sich mit Stehplätzen oder dem Fußboden begnügen müssen.

Doch es lohnt sich allemal! Carl Maria von Webers und Giuseppe Verdis Musik wegen, aber auch wegen Carl Zellers Komposition. Wem der Name vielleicht nichts mehr sagt, weil sich das Genre schon lange im Abschwung befindet, kann aber sicherlich mit der Operette "Der Vogelhändler" etwas anfangen. Die Auszüge daraus sind gut gewählt und einfach glänzend intoniert. Wenig verwunderlich, dass manch einer bei dem einen oder anderen Liedchen still und heimlich mitsingt, beispielsweise bei "Ich bin die Christel von der Post" und beim abschließenden "Vivat!" sowieso.

Das Resümee fällt entsprechend eindeutig aus: Schön war´s heuer wieder und schön ist auch nach so viel beschwingter Musik und fabelhaftem Wohlklang, sich auf das Neujahrskonzert 2021 zu freuen. Oder einfacher auf das Sommerkonzert des Aalener Sinfonieorchesters am 5. Juli 2020.

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Aalener Kulturjournal