OpenAir beim Aalener Sinfonieorchester

Musik liegt in der Luft

Zwei gute Nachrichten zuerst: Aalens Oberbürgermeister Thilo Rentschler will die erfolgreiche Reihe "Musik vom Rathausdach" auch in Nach-Corona-Zeiten fortsetzen und das Aalener Sinfonieorchester  hat bereits sein Neujahrskonzert für den Januar 2021 fest eingeplant. Gute Aussichten also, auch wenn sich die Musikfreunde am Wochenende lediglich mit zwei kleinen Platzkonzerten des Orchester begnügen mussten, am Samstag vor dem Rathaus, am Sonntag im Hof der Aalener Löwenbrauerei.

Ein Hauch von Kurort wehte an diesem besagten Samstag durch die Stadt, erklang doch tatsächlich allerorten Musik, unter anderem gespielt von der Jungen Philharmonie Ostwürttemberg und vom Aalener Sinfonieorchester. Kristallisationspunkt hierbei der Rathausvorplatz und das Rathausdach. Die Blechbläser des sinfonischen Orchesters prusten von oben herab, die Streicher zelebrieren Feines auf Augenhöhe auf dem Vorplatz. Corona trennt, auch die Musiker. Und das Publikum, gilt doch das Anti-Corona-Prinzip  "AHA". Kleine rote Striche auf dem Boden markieren, wer wo stehen darf. Folgerichtig erweist sich dieses spätsommerliche Konzert der Aalener Sinfoniker nicht ganz so entspannt wie es seit Jahren eigentlich gute Tradition ist.  Musikgenuss in Zeiten grassierender Pandemie bedeutet notwendigerweise Platzkonzert und Open Air. Aalens Sinfoniker unter der Leitung ihres neuen Dirigenten Dayner Tafur machen allerdings aus der gegebenen Situation das Beste und sorgen so für eine unterhaltsame Stunde. Eine, die dank der dargebotenen Musik wie im Fluge vergeht und die ein wenig an die einstigen Sommerkonzerte des Manfred-Schiegl-Quartetts auf dem Spritzenhausplatz erinnert.  

Bei der Stückauswahl beweisen die Sinfoniker ein gutes Gespür für die gegenwärtige Ausnahmesituation, servieren abwechslungsreiche wie populäre Melodien mit Wohlfühlpotential.  Hilfreich unterstützt von blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein. Bestes Kaiserwetter, das mehr Zuhörer anlockt als angemeldet, wobei lediglich 80 in den abgesperrten Bereich dürfen.

Den Gegebenheiten entsprechend sei das Orchester in kleinere Ensembles unterteilt worden, erläutert Moderator Michael Jahn vor Konzertbeginn. Auch seien nicht alle Musiker zugegen, beispielsweise fehlten die Holzbläser. Dafür stehen die Kollegen vom Blech auf dem Rathausdach bereit, um das kleine Konzert mit Jeremiah Clarkes "Trumpet Voluntary" zu eröffnen. Barocke Prozessionsmusik, auffallend luftig gespielt. Wie  übrigens auch danach "Bourrée" und "Hornpipe" aus Händels "Wassermusik", interpretiert vom Streicherensemble, schön tänzerisch ausgeführt, ohne  Bläser aber etwas weniger "alla française" , wie Händel urteilen würde. Umso deutlicher  werden die Musici beim nachfolgenden "Prélude" (Charpetier), das selbst in solch reinem Streicherklang unverkennbar als beliebte Eurovisionsmelodie durchgeht. Noch populärer geht kaum. Dennoch reiht sich das nachfolgende Horn-Quartett mühelos mit dem Volksweisen-Sammelsurium "Fidele Grünröcke" ein. In diesem führt Komponist  Alfred Diewitz den "Jäger aus Kurpfalz" durch den wilden Wald reitend mit anderen Grünröcken zusammen. Musikalisch versteht sich.

Für ein gelungenes Highlight sorgen freilich die Kontrabassisten, die sich Franz Schuberts "Forelle" annehmen. " In einem Bächlein helle da schoß in froher Eil / Die launische Forelle vorüber wie ein Pfeil" - das Lied steht in der Originalfassung für hohe Stimme, die Tempoangabe lautet „Etwas lebhaft“, um den Eindruck der fröhlichen, lebendigen Forelle widerzuspiegeln. Schubert denkt an die Violine als Interpretationsinstrument, nicht an den grummeligen Bass. Für die Musiker kein Problem gekonnt und "in süßer Ruh / Des muntern Fischleins Bade / Im klaren Bächlein" zuzusehen, besser musikalisch zu begleiten. Die Forelle mal karpfenartiger, aber genauso prächtig.  Und ganz in Schubert´schen Sinne, gab er doch selbst gleich vier Variationen vor.  Und so ist begeisterter Beifall der Zuhörer wohlverdientes Lob. Und wie es sich für ein waschechtes Platzkonzert gehört, darf ein Marsch nicht fehlen. Auf dem Rathausplatz geben die Blechbläser Max Bruchs "Marsch" aus den "Schwedischen Melodien" zum Besten. Eine unterhaltsame Stunde, aber ein Schmankerl zum Abschluss darf dennoch sein: das Blechbläser-Quintett bittet mit Manuel Penellas "Pasodoble-Torero" zum Tanz. Aber nur musikalisch, denn Tanzen geht in Corona-Zeiten gar nicht.

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Aalener Kulturjournal