Ingrid Hertfelder - Fotoausstellung im Fachsenfelder Schloss

Die Ostalb und ihre kreativen Köpfe

Seit jeher sieht sich die Fotografie in einer zwiespältigen Beziehung zur Kunst, wobei Fotografen selbstredend keinerlei Probleme damit haben. Dennoch wurde Fotografie vor allem als technisches Medium betrachtet, mit welchem all die anderen bildenden Künste dokumentiert, publiziert und reproduziert werden können. Die Kontroversen von einst sind heuer Schnee von gestern, beweisen doch viele Fotokünstler, dass das Ergebnis ihrer Arbeit sehr wohl Kunst sein kann – eine ausdrucksvolle, phantasiereiche wie auch subjektive.

Insbesondere, wenn ambivalente Bilder gelingen, deren ikonischer Wert und kulturelle Wirkmacht vergleichbarer Werke anderer Kunstgattungen in nichts nachsteht. Wenig verwunderlich also, dass die Fotoausstellungen wie ein Magnet auf Kunstfreunde wirken, zumindest wenn die Bilder inhaltlich als eine Art Echokammer verstanden werden können. Speziell die Porträtfotografie. Derzeit verwandelt sie das Ökonomiegebäude des Fachsenfelder Schlosses in einen Spiegelsaal der Ostalb, zeigt doch hier die aus Gmünd stammende Fotografin Ingrid Hertfelder "Kreative Köpfe". Darunter wichtige Impulsgeber höchst unterschiedlicher Bereiche aus Politik, Gesellschaft und eben der Kunst. Übrigens nicht die erste Photo-Ausstellung der Stiftung Schloss Fachsenfeld, gab es doch bereits 2011 die "Automotiv"-Schau und 2016 thematisierte der 4. Kunstsalon die vermeintliche Objektivität der Fotografie („Lügen haben lange Beine“). Nun also Portraits. 28 ausgewählte Bilder von derzeit etwa 50 hängen im Ausstellungsraum, alle in Schwarzweiß. Jedes einzelne behutsam ausgeleuchtet, entfalten diese eine durchaus intensive Wirkung auf den Betrachter.  Wobei vor allem auffällt, dass alle Porträtierten - bis auf den im vergangenen Jahr verstorbenen Bildhauer Eckhart Dietz - unmittelbar in die Kamera schauen.

Zugegebenermaßen überwiegend freundlich dreinblickend, Menschen, wie man sie zu kennen glaubt. Das Ergebnis einer ungezwungenen, dennoch sorgsam komponierten Art zu fotografieren, die zwar einen nahen, jedoch keinen allzu aufdringlich analytischen Blick erlaubt.

Technisch perfekt in makellosem Schwarzweiß. Dieses verleihe den Fotos eine außergewöhnliche Charakteristik, lobt Kurator Hermann Schludi, der zur Begründung den renommierten Fotojournalisten Ted Grant zitiert: “Wenn du Menschen in Farbe fotografierst, dann fotografierst du ihre Kleidung. Wenn du sie in schwarz-weiß fotografierst, dann fotografierst du ihre Seelen.” Die Portraits von Ingrid Hertfelder seien ein Beleg für diese Aussage, gelinge es doch der Fotografin, "in ihren Porträts nicht nur auf die Köpfe der kreativen Personen zu blicken, sie schafft es auch hinter den Gesichtern die schöpferische Persönlichkeit aufblitzen zu lassen." Dazu diene der Verzicht auf farbige Informationen, so Hermann Schludi.

"Die Schwarz-Weiß-Dynamik und das Wechselspiel aus Licht und Schatten schaffen in ihren Fotographien mehr Interpretations-Spielraum. Das Gehirn des Betrachters braucht mehr Zeit, das Bild einzuordnen. Der Betrachter wird damit automatisch dazu gezwungen hinter das Offensichtliche zu blicken und die monochrome Atmosphäre, die das Foto ausstrahlt, wahrzunehmen. Schnelle subjektive Eindrücke und Meinungen zur porträtierten Person – wie

wir sie in unserer von Bildern überfluteten Welt her zu bilden gewohnt sind – werden somit erschwert. Zum einen ist dies sicherlich ein Nachteil – zum anderen ist es von Vorteil, weil wir im schwarzweißen Bild dazu gezwungen werden, uns auf die Gesichtszüge und den Charakter eines Menschen zu konzentrieren."

Das Wechselspiel von Licht und Schatten ermögliche einen entdeckungsreichen Interpretationsspielraum.

"Denn da, wo die Farbe dem Schwarzweiß weicht, übernehmen klare Formen, harte Linien und markante Strukturen beziehungsweise Texturen die Aufgabe unsere Wahrnehmung zu steuern. Und alle Schattenspiele, die zwischen tiefstem Schwarz und hellstem Weiß entstehen, lenken die Aufmerksamkeit des Betrachters unmittelbar auf die Gesichtsszenerie. In dieser finden sich die Spuren, die das Leben in den jeweiligen Gesichtern eingeschrieben hat: Sorgenfalten, Lachfalten und Narben. Hier lassen sich Energie, Skepsis und Schöpferkraft ablesen."

Als Vernissageredner zeigt sich Hermann Schludi von Ingrid Hertfelders Portraits so angetan, dass er gar einen Bogen zu Dante Alighieri spannt. „Das Gesicht verrät die Stimmung des Herzens“ zitiert er den Philosophen und Dichter, um mit einer allegorischen Wendung zu Hertfelders Bildern zurückzukehren: "In ihrer Gesichtstopographie sind die Lebenslinien vermerkt, die sie geprägt haben. Im altersbedingten „Faltenwurf“ der Konterfeis lässt sich das Seelengewand vermuten, in das sich die Lebensgeschichte des Abgebildeten kleidet."

Was fehlt, ist freilich der Abstand. Keine Unaufmerksamkeit, sondern Absicht.  Ingrid Hertfelder rücke ihren Modellen bewusst dicht auf die „Gesichtspelle“, um die emotionale Botschaft ihrer Menschenbildnisse zu formulieren. "Sie bringt uns die Porträtierten dadurch im wahrsten Sinne des Wortes näher. Und ihre Bilder strahlen diese Nähe auch wirklich aus. Es spricht für das große Können der Fotografin, dass sie bei ihrer fotografischen Gesichtserforschung nie die Intimsphäre oder die Würde ihrer Modelle in Frage stellt. Trotz porentiefer Fotorealistik bleibt ein respektvoller, die Persönlichkeit achtender Gestaltungsstil in ihrer Porträtkunst deutlich erkennbar." Mit einem Zitat von Friedrich Dürrenmatt fasst Hermann Schludi die Fotokunst der Gmünderin zusammen: „Das Wesen des Menschen bei der Aufnahme sichtbar zu machen, ist die höchste Kunst der Fotografie."

 

 

FOTOS: Kerstin Müller, Ingrid Hertfelder, kul

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Aalener Kulturjournal