" Wenn dia Leit se anguckat ond sich ebbes en ihne regt, bin i zfrieda!"

Der stille Klang - Sieger Köder in Wasseralfingen

Dass Gott nicht würfelt, wusste schon der Physiker Albert Einstein. Auch nicht, wenn es um hehre Kunst - besser um deren Protagonisten - geht. Und weil das so ist und überdies des Zufalls Wege verborgen bleiben, wird es für immer ein Geheimnis sein, warum die „Gnade der Geburt“ Sieger Köder ausgerechnet nach Wasseralfingen verschlagen hat. Kunstfreunde werden „zum Glück“ sagen, aber wenn schon Kunst, dann müsste dieser Künstler eigentlich in dem einst von Bergbau-, Eisen- und Verhüttungsindustrie geprägten Aalener Stadtbezirk „Eisenwalzwerke“ á la Adolph Menzel oder wenigstens Eisenbahnen wie Hermann Pleuer malen. Doch dem ist nicht so und darüber freut sich nicht nur die hiesige Kunstwelt. 2015 verstarb Monsignore Sieger Köder mit 92 Jahren. Nun sind seine Bilder wieder im Wasseralfinger Bürgerhaus zu sehen.

Aalens Oberbürgermeister sieht im Künstlerpfarrer Sieger Köder einen Glücksfall für die Ostalb. Sein Verweis gilt dem Sieger-Köder-Wanderweg, der in naher Zukunft zum immerhin 45 Kilometer langen Rundweg - eingebettet in die Ostalb und in Rosenberg, Hohenberg, Ellwangen, Wasseralfingen, Abtsgmünd und Adelmannsfelden mit der Kunst Sieger Köders bestückt - ausgebaut werden soll. Geplant sei auch, so der OB, die kulturelle Bildungsarbeit für Kinder und Jugendliche mittels einer Jungendkunstschule zu intensivieren. Ein besonders wichtiges Anliegen ist Oberbürgermeister Renschler indes auch eine Initiative zur Auslobung eines Sieger-Köder-Kunst-und Kulturpreises.

Ein Künstlerpfarrer wollte er nie sein

Wer hätte das gedacht, da vertraut ein gerademal Zwölfjähriger seinem Tagebuch eindrucksvolle Zeichnungen an und keiner kann auch nur ansatzweise ahnen, was daraus einmal wird. Auch nicht als derselbige zehn Jahre später, 1947,  mit weiteren Bleistiftskizzen nachlegt, aus denen bereits die charakteristische Struktur späterer Kunstwerke herauszulesen ist und die sozusagen zum Fundament seiner Malerei wird. Die Rede ist von der Kunst des Wasseralfinger Urgesteins  Monsignore Sieger Köder. Bei diesem Namen tauchen vor dem geistigen Auge einzigartige Bilder auf: "Jakobusfest", "Pennäler Schnitzelbank", "Maskenträger", "Harlekin" und immer wieder jene Malerei, in deren Mittelpunkt eine rote Rose zu finden ist.

Fünf Jahre nach dem Tod des Künstlers zeigt die Wasseralfinger Museumgalerie nun eine höchst interessante Retrospektive. "Der stille Klang - Sieger Köder in Wasseralfingen" bringt Werke des leidenschaftlich malenden Monsignore zusammen, die wohlbekannt sind und vielfach schon ausgestellt waren, die man aber dennoch immer wieder gerne anschaut - von der kleinen Zeichnung bis hin zum großen Gemälde. 

Sieger Köders Themenpalette scheint hierbei unendlich und reicht vom Religiösen bis hin zu Allzumenschlichem, von vergeistigter Ausdruckskraft bis zu praller Sinnenfreude. Seiner eigenen Natur entsprechend spielt er auch gerne mit Selbstironie, lässt Figuren schon `mal den Heiligenschein an den Nagel hängen. Gelegentlich driftet er auch ins Karikaturhafte ab, wenn er beispielsweise aus Kreisformen Schafherde oder Weihrauch entspringen lässt.

Kunst, die mehr als "L´art pour l´art" sein will

Zwei künstlerische Ausdrucksweisen lassen sich entdecken. Einerseits wohlstrukturierte Arbeiten, minutiös angelegt, andererseits Bilder in freier Handarbeit. Letztere erscheinen unruhiger und nervöser, man erkennt, dass der Künstler auf der Suche nach Form und Ausdruck war: Verdichtung und Auflösung, helle und dunkle Fläch. Flüchtige Formandeutung nicht zu vergessen, nicht zu Ende gezeichnete Motive, Konturen nur angedeutet, der Zeichengrund als Teil der Gestaltung. Das Motiv puzzelt sich in den Gedanken des Betrachters zusammen. Diese Bilder schweben sozusagen zwischen Zeichnung und Malerei, vermitteln Linie und Fläche. Die impressionistischen Hell-Dunkelszenerien der Zeichnungen entwickelten sich in den Gouachen zu einer dramatischen, fast barocken  Licht- und Schattenverschränkung, bilden

aber zugleich den formalen wie inhaltlichen Übergang zur tatsächlichen Malerei, in der, wie die Ausstellung schön belegt, sich das Licht ebenfalls im Dunkel auflöst und das Dunkel im Licht.

Doch die Kunst Sieger Köders geht weit über bloße Kunstbeflissenheit hinaus, spiegelt sie doch gesellschaftliches Leben wider. Für den Künstler selbst, der unverzichtbare  moralisch theologischen Anspruch, ohne den seine Malerei inhaltslos wäre. Und ohne den seine eigentliche Antriebsfeder nicht zur Geltung kommen könnte. Die lässt sich am besten mit dem den Worten Martin Luthers umschreiben: „Sehet, welch ein Mensch.“ Dieses Ecce-homo-Motiv findet sich in nahezu allen Sieger-Köder-Arbeiten und mit ihm reiht sich der Monsignore in die lange Tradition einer Kunstgeschichte ein, deren Anfang im syrisch-byzantinischen Kulturkreis des 9. Jahrhunderts nahm, über das abendländische Mittelalter führte und schließlich in die Neuzeit.

Narren sind sie alle

Die Hälfte der Welt lacht über die andere, und Narren sind sie alle“, wusste bereits im 17. Jahrhundert der spanische Moralphilosoph Baltasar Gracián y Morales. Der Schwabe Sieger Köder machte daraus ein knappes "Woisch ond Narra send wir elle!". Den Harlekin hatte Sieger Köder ins Herz geschlossen. Er findet sich in den Arbeiten immer wieder. Auch wenn er hier oftmals als weltlicher Narr oder Clown erscheint, ist er dennoch kein bloßer Volksbelustiger. Sein Blick geht vielmehr in die Seele, des Monsignores eigentliches Anliegen, sein philosophischer Anspruch, wollte er doch seine Kunst auch als Gleichnis, verwurzelt in christlicher Tradition, verstanden wissen. Dies war Sieger Köder auch ein äußeres Bedürfnis, aus dem heraus er sich immer wieder zur Wasseralfinger Magdalenenkirche aufmachte, um hier inmitten von Vesperkirchenbesucher

biblische Geschichten mit Pinsel und Farbe zu versinnbildlichen. Als er einmal den Propheten Elias auf die Leinwand brachte, wollten ihn fleißige Vesperkirchenhelfer ein Essen bringen. Doch der Monsignore winkt, ohne von der Palette aufzublicken, ab. Nein, essen wolle er später, erst die Arbeit. Die Vesperkirche war eine Herzenssache für ihn. Nicht nur um `mal vorbeizuschauen und um Grüß Gott zu sagen, sondern auch um vor dem Altar zu malen. In den ersten Jahren konzentrierte er sich konsequent auf Schwarz-Weiß-Bilder. Dabei entstanden beispielsweise „Jesus und Simon von Kyrene mit dem Kreuz“, „Das Schweißtuch der Veronika“, „Elias“ und „Maria Magdalena am Grab am Ostermorgen“. Später nutzte er auch die für ihn so charakteristische Farbpalette für „Die Rose aus dem Wurzelstumpf“ (nach Jes.11),  „Speisung der Fünftausend“ (nach Joh. 6,9), „Der Herr mit Abraham im Hain Mamre“ (nach 1. Mose 18) und für die farbige Umsetzung des Fensterbildentwurfs: „Maria Magdalena verkündigt die Auferstehung des Herrn“.

Wie einen Engel malen?

Dies wiederholte sich immer, wieder wenn er in der Vesperkirche zugange war. Ärmel hochkrempeln, Staffelei aufstellen und malen. Ab und an schaut er sich um, fragt Neugierige: „Wissen Sie, wie man einen Engel malt?“ Eine Antwort wartet er nicht ab, plaudert dafür über geflügelte Wesen, zitierte aus Gleichnissen und brachte sie insgeheim in seine Bilder. „Den Engel, der Elia erscheint, werde ich durch eine Hand symbolisieren, die Wasser und Brot reicht.“ Zielstrebig pflegte er sein Motiv umzusetzen. Bei diesem Elia arbeitete er nicht mit Verdichtung und Auflösung, er verzichtete auch auf die üblichen Hell-Dunkel-Flächen und die für ihn charakteristischen Lichteffekte. Seine Bildidee ging Pfarrer Köder graphisch an, es scheint, als wolle er mit dem Pinsel zeichnen. Aus Linien entstehen Konturen, Andeutungen, Symbole. Zum Schluss akzentuierte er sparsam mit Farbe. Warum er die Hand des Engels braun male, wollte damals eine Besucherin wissen. „Ha, weil i koi andere dabei hab“, schmunzelte Monsignore mit trockenem Humor. So war er.

Bei der Ausstellungseröffnung erzählte Joachim Wagenblast unterhaltsam von solchen Anekdoten. Die Ausstellung "Der stille Klang - Sieger Köder in Wasseralfingen" ist für den Kurator indes zugleich ein Möglichkeit, den Künstler und seine Kunst in einen großen Kontext zu stellen. Dazu dient ihm ein Zitat des aus Aalener stammenden Anthropologen und Buchautors Prof. Dr. Hermann Bausinger: ""Die Arbeit von Sieger Köder  erinnert daran, dass es eine andere, frühere Form von Globalität gibt. Die Schöpfung, an der alle Menschen Anteil haben. Sie verbietet im Prinzip starre undurchlässige Abgrenzungen, gleich ob es sich um politische oder konfessionelle Abgrenzungen handelt. Aber sie erlaubt die Liebe zu Räumen und Menschen, die einem besonders nahe sind. Im Bildkosmos von Sieger Köderkommt beides zur Geltung, die Intensität der Zuwendung, die sie der Heimat verdankt, sie aber auch immer von Neuem schafft und der mitfühlende Blick auf die Welt, der Ernst Blochs Apell ernst nimmt: Die Welt

zur Heimat umzubauen - in demütigem Wissen, dass es sich um eine utopische Forderung handelt. Heimat - das ist ein Problem, eine Frage. Aber es ist auch eine Antwort."

Dies sei in den Werken Sieger Köders spürbar, so der Kurator, der darin zugleich die eigentliche Antriebsfeder von dessen künstlerischen Schaffen sieht. Die Ausstellung bietet die Möglichkeit dies zu überprüfen, immerhin sind in der Museumsgalerie 80 Originalwerke zu sehen.  Vielleicht auch unter dem Aspekt, den einst der Maler selbst beisteuerte: "Kunst, die von der Liebe zur Heimat, zu den Menschen und vom Glauben an Gott kündet, vermag in vielen Herzen feinste Drähte zu spinnen. Die dann zu schwingen beginnen und einen stillen Klang erzeugen, der hilft zu verstehen." Die Erklärung für den "Stillen Klang" im Ausstellungstitel. Wobei Joachim Wagenblast noch ein Sieger-Köder-Kommentar dazu mitliefert: "Des isch genau des, was i mit meine Bilder erroicha will, wenn dia Leit se anguckat ond sich ebbes  en ihne regt!" Mit der Kunst den Gottesglauben zu beflügeln, die Botschaften der Bibel und die daraus zu gewinnenden Erkenntnisse zu verbreiten, das ist der Grundpfeiler in seinen Bildwelten.

 

INFO

Ausstellung (bis 1. Juni)

Der stille Klang - Sieger Köder in Wasseralfingen

 

Museum im Bürgerhaus Wasseralfingen
Stefansplatz 5
73433 Aalen-Wasseralfingen
Tel.: 07361 97 91 43
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Aalener Kulturjournal