Ausstellung in der Aalener Rathausgalerie

Brutal - dieser Brutalismus

Man glaubt fast, den Beton-Stein, der manch einem vom Herzen fällt, zu hören, als Olivier Elser den Satz ausspricht: "Viele Städte haben Gebäude mit einer Volkswagenfassade, aber Aalens Rathaus ist ein Mercedes!" Dafür erntet der Kurator des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt nicht etwa ungläubiges Staunen, sondern regen Beifall. Viel Kritik an der viel geschmähten "Betonburg Rathaus" war bei der Ausstellungeröffnung  in der Rathausgalerie denn auch nicht zu hören. Die schärfste Kritik kam gar von den Ausstellungsmachern selbst, denn nicht nur Texte, die sich ernsthaft mit der Betonarchitektur auseinandersetzten, fanden sich auf den Bildtafeln, sondern auch, wohlmeinend gesagt, undifferenzierte, gegen den Betonbau gerichtete. Aussagen wie "eine breiig-schmierige Masse charakterlos und demagogisch verformt" oder "Die graue Hölle is det hier!" sind dabei noch die harmloseren.

Notwendig in diesem Zusammenhang, den Begriff Brutalismus zu definuiere, bezieht er sich doch nicht wie oft fälschlicherweise vermutet auf das Wort „brutal“, sondern auf das französische „béton brut“, der Ausdruck für Sichtbeton. Wobei "brut", wie beim Champagner, gerne auch mit herb übersetzt wird. Der Architekt Le Corbusier soll angeblich eines seiner direkt nach dem Krieg errichteten Gebäude mit "beton brut" bezeichnet haben, nachdem d er auf das übliche Verputzen verzichtet hatte, um so die Rohheit als architektonisches Element hervorzuheben.

 Die Ausstellung im Rathaus nimmt diese "herb" positiv auf und tendiert unübersehbar dahin gehend, den  ästhetischen Reiz brutalistischer Bauten als entdeckungswürdig zu betrachten. Jedes Ding an sich hat schließlich schöne Seiten. Die erkennt man in der Galerie und im Rathausfoyer in den überdimensionierten Modellbauten, wie sie von Architekten einst (und noch immer) als 3-D-Veranschaulichung aus Pappkarton zusammengeklebt wurden, aber auch an den ästhetisierten Schwarz-Weiß-Fotografien.  Vom Sinnbild für die Rücksichtslosigkeit der Gegenwartsarchitektur, wie Kritiker immer gerne formulieren, ist nicht allzu viel zu sehen. Dennoch, die Ausstellung darf als gelungen, weil höchst informativ angesehen werden. Wer sich nicht festlegt kann hier durchaus Aspekte der Beton-Architektur kennenlernen, die mögliche Vorbehalte ins Wanken bringen.

Bei der Ausstellungseröffnung meint Aalens Baubürgermeister Wolfgang Steidle, es sei notwendig, die Schönheit des Rathauses wieder zu entdecken, auch wenn viele Aalener von einem Ungetüm und Betonbunker sprächen. Abreißen sei keine Lösung, vielmehr müsse über neue Strategien zur Modernisierung  nachgedacht werden, gerade wegen der multifunktionalen Aufgabe des Rathauses als Verwaltungsgebäude und Bürgerhaus. Vor allem gibt sich Bürgermeister Steidle davon überzeugt, dass Beton der Marmor des 20 Jahrhunderts sei. Darüber ließe sich gewiss trefflich streiten. Sicher ist indes, die Betonbauten aus dem letzten Jahrhundert sind weltweit in die Jahre gekommen. Für das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt a. M. und die Wüstenrot Stiftung Grund genug, sich einen weltweiten Überblick zum Brutalismus in der Architektur zu verschaffen. Der erste Baustein für ein mögliches Denkmalbewusstsein, immerhin entstanden die meisten der spektakulär-expressiven Bauten in einer Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs, in der Abkehr von der Notarchitektur der Nachkriegszeit.

Mittlerweile stünden diese Gebäude vor der Umgestaltung oder gar vorm Abriss, weiß Oliver Elser. Über eine Online-Kampagne wurden 1700 dem Brutalismus zugeordneten und nun bedrohten Bauten ausfindig gemacht. Griffig sind alle Gebäude nach dem Vorbild des weltweiten Artenschutzprojekts in Listen eingetragen worden: die rote versammelt Bauten, die direkt vom Abbruch bedroht sind, auf der blauen stehen gerettete und auf der schwarzen stehen die verloren gegangenen. Nebenbei wurde auch eine graue Liste angelegt, auf ihr finden sich Brutalismusvertreter, die noch im Originalzustand erhalten sind.

Als eigentlicher Auslöser des Projekts "SOS Brutalismus" nennt der Kurator die Sprengung einiger Gebäude im Stil des Brutalismus, unter anderem den Philosophenturm der Frankfurter Goethe-Universität (2014). "Diese Sprengung hat unglaubliche Emotionen ausgelöst." Damit kommt Oliver Elser dem heutigen Meinungsbild in der Aalener Bevölkerung ganz nahe. Die Diskussion um Abriss oder Sanierung führt auch hier  auf ein heftiges Für und Wider.  Um so wichtiger die jetzige Ausstellung. die mit ihren Architekturbeispielen die Stilart klassisch definiert, will heißen: Sichtbeton, markante Konstruktionsmerkmale und ein nachhaltiger optischer Gesamteindruck.

Angesichts einer manchmal "schlachtschiffartigen" Architektur, versteht man nur zugut die Bemerkung von  Prinz Charles, der geäußert haben soll, dass der Brutalismus in Großbritannien mehr Schaden angerichtet habe als der Zweite Weltkrieg. Die wuchtigen Bauten haben es nun einmal in sich und dienen immer wieder gerne als Gemütserreger. Wobei man zugegebenermaßen lieber durch das Fachwerkviertel einer Stadt schlendert, als zwischen den grauen Wänden von wuchtiger Betonburgen. Dennoch lohne es sich, den Brutalismus in der Architektur neu zu entdecken, meint Oliver Elser, gerade weil diese Architektur historisch und gesellschaftlich so interessant ist und zugleich für einen weltweiten Aufbruch stehen, insbesondere in der afrikanischen Architektur. Aalen müsse diesbezüglich den globalen Vergleich nicht scheuen, so der Kurator, der gerne mit der Forderung provoziert, dass man die Betonmonster aus den 60er-Jahren nicht abreißen sollte. "Sie (die Aalener) haben ein Gebäude (das Rathaus) , das nicht unter Denkmalschutz steht, aber unter Denkmalschutz stehen könnte! Nehmen sie also die Chance wahr und machen sie etwas Besonderes aus dem Gebäude. Die bundesweite Aufmerksamkeit wird ihnen sicher sein!"

 

 

Ausstellung

"SOS Brutalismus - Rettet die Betonmonster!"

Galerie im Rathaus Aalen

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Aalener Kulturjournal