Lutz Görner und Nadia Singer über Johannes Brahms

  Das Leben des Anderen  

Lutz Görner wird gerne nachgesagt, ein profunder Rezitator und virtuoser Erzähler zu sein. Zurecht! Andererseits steht mit ihm die gerademal 28jährige Pianistin Nadia Singer auf der Bühne, die so charmant Worte in Musik fasst. Gemeinsam bilden sie ein exzellentes Duo, das sich überaus prächtig ergänzt, zwei Künstler, die Leben und Werk anderer Künstler entsprechend umfänglich wie anschaulich zu vermitteln weiß. Übrigens mittlerweile zum elften Male in Folge. Ein guter Grund Görner-Singer-Fan zu werden, wenn dem nicht bereits so ist.

Kurzweilige und amüsante Abende über Beethoven, Schumann, Liszt. Kleine Highlights im Kulturleben, die man so schnell nicht vergisst, zumindest, wenn man vom Kammermusikforum in Baden-Württemberg ins Fachsenfelder Schloss geladen wird. Zu einer Soirée, in deren Mittelpunkt heuer Johannes Brahms steht. Der Mensch und Künstler Brahms, der Romantiker, gar Hochromantiker, der unermüdliche Komponist und Tausendsassa. Dargestellt in vielen bekannten, aber noch mehr unbekannten Geschichten, sorgsam ausgewählten Anekdoten und selbstredend mit exemplarischer Musik. Das ist zwar alles nicht neu, doch dem Duo Görner/Singer gelingt es alle Jahre wieder, hierüber berühmte Künstler in Szene zu setzen, manch Überliefertes ins rechte Licht zu rücken, Zusammenhänge verständlich zu erklären, um letztlich aufzuzeigen, wie weitreichend und nachhaltig ein Individuum in seiner Zeit und über diese hinaus wirken kann. Das Schöne an Lutz Görner ist, dass er so unprätentiös mit wenigen  Gesten seine gut pointierten Texte spricht, mit launiger Ironie unterhaltsame Spannung schafft, den Menschen Brahms vom Künstler Brahms trennt und beide mit beschwingtem Dreh wieder zueinander führt.  Da lauscht man gerne, sorgt doch ein so gearteter Rapport für jede Menge Bilder im Kopf.

Seit sechs Jahren an seiner Seite, Nadia Singer. Die Pianistin, Görners Entdeckung, steht in feinem Kontrast zu ihm. Wo er zurückhaltend agiert, trumpft sie jugendlich frisch und dynamisch auf, beweist am Flügel mit formvollendeter Technik und verblüffender Spielsicherheit auf. Schönes Beispiel gleich zum Auftakt: Brahms allererste erhalten gebliebene Komposition, das "Scherzo es-Moll für Klavier, op. 4" von 1849, mit der er seine damaligen Musikerkollegen aufhorchen ließ. Zugleich ein kleines Werk, das ihm die Tür zu Robert Schumann öffnete. Richtig weit sogar, wie Lutz Görner verrät, schwärmte doch Schumann 1853 in einem legendär gewordenen Zeitschriftenartikel („Neue Bahnen“) über das Können des jungen Brahms und davon, dass „einzelne Clavierstücke, theilweise dämonischer Natur von der anmutigsten Form“ seien. Eine Herausforderung für Nadia Singer, die das Stückchen entsprechend kraftvoll, virtuos und überaus anregend spielt. Und mit Brahmschem Esprit! Das A und O solch einer Interpretation. Ganz gleich ob Opus eins, zwei oder zehn, ob sie nun aus Brahms "Fantasien" zitiert oder das Intermezzo aus dem Klavieropus 118. Nadja Singer beweist ein untrügliches Gespür, welche Intention Brahms seiner Musik mit auf den Weg gegeben hat, ob hierfür das Klavierspiel fantasievoll und sinnlich oder gar frech-frivol klingen muss. Ausgeprägte Musikalität und technische Perfektion sind zu diesem Zweck die unerlässliche Voraussetzung,

aber auch, aller unbekümmerter Leichtigkeit zum Trotz, das Verständnis Brahms reichem Klangfarbenspektrum mit gestalterischer Kraft und Leidenschaft zu begegnen - immer überaus transparent, feinfühlig und, wie bei der "Rhapsodie Nr. 2 in g-Moll" (op. 79), bei Bedarf auch höchst impulsiv.

Kaum zu glauben indes, das nun damit Schluss sein soll. Im September 2021 will das Duo in Wien ein allerletztes Mal gemeinsam auf der Bühne stehen. Während Nadia Singer als Klaviersolistin, eventuell bereits im Frühjahr 2021  auch in Aalen, auf der Bühne zu sehen und zu hören sein wird, verabschiedet sich Lutz Görner in den Ruhestand. Hier muss freilich ein großes Fragezeichen stehen, denn einer wie er geht nicht einfach so von der Bühne. Zumal er schon in der Vergangenheit angedeutet hat,  in seinem Labor noch manch ein Projekt zu entwickeln. Eines ist mit dem noch geheimen Arbeitstitel: "Arnold Schönberg" überschrieben. Dessen Musik sei in aller Munde, doch allzu viel wisse kaum jemand über den Komponisten, der „die Tonalität in ihrer spätromantischen Erscheinungsform konsequent zu Ende“ habe denken wollen. Vielleicht gibt´s im Fachsenfelder Schloss doch noch einmal ein Wiedersehen mit Lutz Görner und Nadia Singer.

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Aalener Kulturjournal