Konzertring Aalen: Rolston String Quartet

  Das Power-Quartett aus Kanada

Aalens Konzertring hatte bei seinem ersten Konzertabend in diesem Jahr Besuch von einem ganz besonderen Ensemble, vom kanadischen "Rolston String Quartet".  Doch Hand aufs Herz, wer kann mit Rolston oder gar dem Gründungsort Banff etwas anfangen.  Aber wie es sich in der Aalener Stadthalle zeigte, unbekannt ist eben doch nicht unbekannt, weshalb überraschend viele Musikfreunde zu diesem außergewöhnlichen Konzert eilten. Vorab vielleicht doch eine Namensklärung.

Im beschaulichen kanadischen Banff gründeten  Luri Lee und Emily Kruspe (Violinen), Hezekiah Leung (Viola) und Jonathan Lo (Violoncello) das Quartett, wobei für den schwer erkrankten Cellisten mittlerweile Joshua Halpern den Bogen schwingt. In diesem Banff , am Fuße der östlichen Rocky Mountains, lebte und wirkte  auch der Geiger und Dirigent Thomas Rolston (1932-2010). Dessen Tochter Shauna Rolston Shaw stellt wiederum Luri Lee eine ansehnliche Violine von Carlo Annibale Tononi aus dem frühen 18. Jahrhundert zur Verfügung. So kam der Name zustande. Apropos Klarstellung. Schon im Auftakt, Mendelssohns "Streichquartett in a-moll" (op.13) zeigt sich, bei den jungen Musikern ist alles irgendwie anders, vor allem die Sache mit der Hierarchie (der Instrumente) haben die Vier angenehm  eigenwillig gelöst: Grenzenlose Gleichberechtigung herrscht, nur der Cellist darf im Konzert nur einmal und nur kurz sich davon verabschieden. Und so klingt die Musik des String Quartets  wunderbar, weil makellos austariert.

Dass zum 250. von Beethoven derselbige als geistiger Übervater mitmischt, versteht sich, denn schon der 18jährige Mendelssohn sah sein a-Moll-Streichquartett eng an Beethovens Themen und Werken gebunden, vielleicht auch, weil er darin eine gewisse Provokation des Etablierten sah. Heute freilich kein Thema mehr, aber allerhöchstes Hörvergnügen bereitet es schon, wie das Quartett beispielsweise im einleitenden Adagio durch auffallend heftigen Zugriff auf das Hauptthema des ersten Allegro nimmt. Mendelssohn gibt einen punktierten Rhythmus in dieser äußerst polyphonen Komposition vor, der das Quartett im Verlauf einen fast pathetisch wirkenden Höhepunkt, anhaltend bis zum Presto des Finales, verleiht.

Gerade hier wird deutlich, welch körperliche und intellektuelle Konzentration den von Dynamik und Rhythmus regelrecht mitgerissenen Musikern abverlangt wird. Resolut, leidenschaftlich und dennoch auf besondere Art zart besaitet musizieren sie sich durch das Streichquartett. Mendelssohn eben? Sicher nicht. Vielmehr sorgen virtuose Spieltechnik und zupackende Lust für solch eine veritable Interpretation. 

Freche Musik am Puls der Zeit

Eine technische wie artifizielle Herangehensweise, die sich bei Erwin Schulhoffs "Fünf Stücke für Streichquartett" wiederholt, in denen aber die vier Musiker zugleich ihre chamäleonhaften stilistischen Fähigkeiten und ihre Vorliebe für luftig-leichtes Musizieren selbst in komplexesten Passagen offenbaren.  Bei Schulhoff kommt noch die Betonung von dessen unverwechselbarer Originalität hinzu, die immer wieder in kraftvollen Sequenzen münden. Ganz in der Intention des Komponisten, der die prägnanten kurzen Sätze suitenhaft aufeinanderfolgen lässt, um, wie er es nannte, eine freche Musik am Puls der Zeit in die Konzerthäuser zu bringen.

Erwin Schulhoff gehörte in den 1930er Jahren zu den vielversprechenden Komponisten der tschechischen Moderne. Die deutschen Besatzer verschleppten ihn als Juden und "entarteten Musiker" ins bayrische KZ Wülzburg, wo er 1942 an Tuberkulose starb.

Beim Rolston String Quartett klingen seine "Fünf Stücke" (1924) nach "multikultureller"  Lebensfreude, französisch angehaucht beginnend, im zweiten Satz mit Wiener Walzer-Sentimentalität und einer Prise Ironie (siehe freche Musik) gewürzt, die man durchaus auch noch beim Andante, das er keck "Alla Tango Milonga" nennt, zu hören glaubt. Nur im Finale gibt er sich bei böhmisch inspirierter Folklore ernst. Zumindest ein wenig, müssen doch die vier Musiker den Satz schneller als schnell spielen und mit Feuer: Prestissimo con fuoco.

Bei so viel virtuosem Eifer wären wunde Finger keine Überraschung gewesen. Überraschend jedoch, wie flink das "Rolston String Quartet" dieser Gefahr trotzt, alles Vorhergehende fast wie eine spielerische Fingerübung betrachtet, um danach das eigentliche Highlight, Beethovens "Streichquartett Nr. 13 in B-Dur" (op. 130), zu servieren. Selbstredend nicht die "einfache", gängige Variante, sondern Beethovens Lieblingsversion, die mit der "Großen Fuge" (op.133).

In dieser sah bereits Robert Schumann "die äußersten Grenzen der menschlichen Kunst und Phantasie" erreicht. Eine Musik, die einst ihrer nicht enden wollenden Komplexität wegen beim Publikum verpönt war. Beethoven musste die "große Fuge" als eigenes Opus separieren. Andere Zeiten, andere Sitten. Aus heutiger Sicht unverständlich, wie das "Rolston String Quartet" überzeugend belegt. Mit der kleinen Einschränkung:  so Musiker es spielen können. Die Kanadier können es! Blendend bewegen sie sich durch diesen musikalisch-mysteriösen Irrgarten, lassen einen berauschenden Kosmos von dramatischer Intensität erklingen. Ein entfesseltes Spiel, das erst in der ätherisch interpretierten "Cavatina" (5.Satz) wieder zu Atem kommt, um deutlich und dennoch nahtlos den Übergang zur “Großen Fuge” zu meistern, die nun mit erstaunlicher Modernität den Zuhörern erst recht den Atem raubt.

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Aalener Kulturjournal