Konzertring Aalen:  Liederabend mit André Schuen und David Heide

Ein Hauch von Traum, Seligkeit und Mysterium

Kleine Lieder, große Dramen - Aalens Konzertring beweist mit seinem Programm immer wieder aufs Neue ein gutes Gespür für Niveau und Qualität. Schönes Beispiel war vor vier Wochen das großartige  Konzert mit dem kanadischen "Rolston String Quartet" und nun mit einem außergewöhnlichen Liederabend.  Einer, wie er leider nicht mehr allzu häufig geboten wird, zumindest auf der Ostalb. Während die Stuttgarter Hugo-Wolf-Akademie regelmäßig mit diesen so in der Zeit verlorenen Genre aufwarten kann, kommen solche Liederabende höchstens in der Villa Stützel beziehungsweise beim Kammermusikforum in Baden-Württemberg aufs Programm. Erinnert sei an Franz Schuberts "Winterreise" mit der Pianistin Rinko Hama dem Bariton Friedemann Röhlig vor zwei Jahren. Anfang der Woche durfte sich nun auch der Konzertring einen diesbezüglichen Verdienstorden ans Revers heften.

Draußen tobt Sturm Sabine rau über die Dächer der Stadt, drinnen auf der Stadthallenbühne brilliert Bariton André Schuen mit verführerisch dunkler Stimme. Unangestrengt singt er über Leben, Liebe und Leid, kongenial von Daniel Heide am Flügel begleitet. Wer vor der Sinnlichkeit der Musik von Franz Schubert und Gustav Mahler nicht von vornherein die Augen schließt, um den "Liedern eines fahrenden Gesellen" und des "Fischers Liebesglück" noch andächtiger lauschen zu können, nimmt zwei Künstler wahr, die ausgezeichnet aufeinander eingespielt sind, um überzeugend und mit der erforderlichen Nonchalance in die Seelenschwere der Romantik zu entführen. Das Thema Liebe verbunden mit etwas Weltschmerz steht dabei im Mittelpunkt. Die reine Liebe versteht sich, denn Gustav Mahlers Liedzyklus vom "fahrenden Gesellen" entstand aus seiner Zuneigung zur Sopranistin Johanna Richter, eine leidenschaftliche Verehrung, aber eben eine einseitige.  

Indes eine folgenschwere, denn der gerademal 23-jährige Komponist schrieb für Johanna Gedichte, die er hernach vertonte. Daraus entstand das erste Mahler-Werk von Rang, das wie André Schuen überzeugend belegt, noch heute zum Kernrepertoire jedes ambitionierten

Baritons gehört. Nicht zuletzt da allein mit der Stimme der Seelenzustand eines jungen Mannes anschaulich, den die unerwiderte Liebe innerlich fast zerreißt (sagt Mahler), veranschaulicht wird. "Ich hab' ein glühend Messer, / Ein Messer in meiner Brust, / O weh! Das schneid't so tief / In jede Freud' und jede Lust." Schuens Gesang drückt aus, was Mahler so schmerzlich beschreibt. Indem er stimmlich auf die Bedeutung jede einzelnen Wortes verweist, baut sich, unterstützt vom Piano, Spannung auf. Expressiv vorgetragene Musik, der man gerne (Gustav Mahlers) "ewiges Leid und Grämen" abnimmt.

„Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück“ - Werner Heymanns Schlager entstand zwar nach Franz Schubert, nimmt aber dessen Intension unüberhörbar auf, schwankt es doch charmant zwischen Optimismus und Melancholie. Ein bisschen wie bei Schubert, mit einem leichten Überschuss an Schwermut. André Schuen wechselt gewandt sein stimmliches Timbre, wird ruhiger, in sich gekehrter, weltabgewandter.

"Füllest wieder Busch und Tal / Still mit Nebelglanz, / Lösest endlich auch einmal / Meine Seele ganz" - Schubert vertont Goethes "An den Mond" so feinfühlig und innig, dass Schuen ganz zu sich finden muss, um diese Verse in ihrer Intensität kunstfertig ausdrücken zu können, ohne in allzu tiefe Schwermut zu verfallen. Nur so gelingt es ihm, Stimme und Gesang ebenmäßig mit dem leicht verhaltenen Klang des Flügels auszubalancieren.

"Im Frühling", "Der Schiffer", "Abendstern" - André Schuen und Daniel Heide nehmen mit in Schuberts berührende Musik, die auch nach zwei Jahrhunderten nichts an  melancholischer Schönheit verloren hat. Eine, welche die beiden Musiker souverän wie artifiziell gestalten. In den intensiven Passagen durchaus markant, wobei der Bariton mit üppiger Stimme auch gerne ungewöhnlich tiefe Lagen bedient, um dem Text gerecht zu werden. Dazu fügt Daniel Heide ein detailreiches, fein differenziertes Arrangement hinzu, beflügelt so den meist schwermütigen, manchmal gar zeitverlorenen Duktus in Schuberts Kompositionen. Das kommt deren  Charakter plausibel entgegen, wollte doch Schubert selbst das Klavier vom Gesang emanzipieren, die Melodie zum ebenbürtigen Gegenpart des Textes werden, wie er es  ausdrucksstark bei  "Die schönen Müllerin" beziehungsweise "Die Winterreise" ins Notenheft schrieb, bei den Liedern an diesem Abend indes nur ansatzweise umsetzte.

Bei den abschließenden Rückert-Liedern von Gustav Mahler verbindet sich alles wie selbstverständlich, um Sprache, Gesang und Begleitung zu einem höheren Ganzen zu führen. Fein ausgedrückt beispielsweise in "Ich atmet´ einen linden Duft". All das Vorhergesagte kulminiert in Mahlers "Ich bin der Welt abhanden gekommen". Der tiefe Ernst und die emotionale Ausdruckskraft von Text und Musik entrücken der Zeit, entfalten einen Hauch von Traum, Seligkeit und Mysterium. Eine Atmosphäre verhaltener Ruhe, der André Schuen mit warmer, tief sitzender Stimme Ausdruck und Sinn verleiht. "Ich bin der Welt abhanden gekommen, / Mit der ich sonst viele Zeit verdorben, / Sie hat so lange nichts von mir vernommen, /Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben! / Es ist mir auch gar nichts daran gelegen, / Ob sie mich für gestorben hält, / Ich kann auch gar nichts sagen dagegen, / Denn wirklich bin ich gestorben der Welt. / Ich bin gestorben dem Weltgetümmel, / Und ruh' in einem stillen Gebiet! / Ich leb' allein in meinem Himmel, / In meinem Lieben, in meinem Lied!" Ein beklemmendes Bekenntnis, über das Gustav Mahler jede Interpretation verweigerte. Bis auf den Satz: "Es ist Empfindung bis in die Lippen hinauf, die sie aber nicht übertritt - und: das bin ich selbst!" Andre´ Schuen und Daniel Heide wissen in ihrer feinfühligen Interpretation darum.

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Aalener Kulturjournal