Skulpturen von Karl Ulrich Nuss im Fachsenfelder Schlosspark

Ernst ist das Leben, heiter die Kunst

Blauer Himmel und dazu passend drapierte Wolken. Darunter ein feines Landschlösschen samt wunderbarem Park. Und mittendrin gut gelaunte Kunstfreunde. Herz, was willst du mehr, ergibt sich doch daraus in der Summe die allerbeste Voraussetzung für eine  Ausstellung in deren Mittelpunkt der wohlbekannte Karl Ulrich Nuss steht. In den Schlosspark gebracht hat der Strümpfelbacher Bildhauer ein ebenso wohlbekanntes und dennoch mysteriöses Konsilium bronzener Zeitgenossen.

Karl Ulrich Nuss

Menschen in Tiergestalt oder umgekehrt? Sicher ist jedenfalls, diese seltsamen, glücklicherweise friedlich im Park weilenden  Zwitterwesen regen glänzend zum Grübeln an, nicht zuletzt, da ihnen der Künstler eine höchst symbolhafte wie kraftvolle kreatürliche Existenz beschert, eine für Nuss typische  Betrachtung menschlichen Seins in all seinen Äußerlichkeiten und Selbstbespiegelungen. Kunst, die fasziniert, Freude macht und zugleich die Phantasie beflügelt. Nicht zuletzt der gegenstandsbezogenen Darstellung von hoher erzählerischer Qualität und einer augenfälligen Körperlichkeit wegen. Entrückte Wesen voll prallen Humors, die unverhohlen Friedrich Schillers "Ernst ist das Leben, heiter die Kunst" frönen.

Gottfried Heubach

Coronabedingt trifft sich zur Ausstellungseröffnung im Schatten des Schlösschens nur eine kleine Schar an Kunstfreunden, vom Aalener OB Thilo Rentschler freundlich begrüßt. Kein allzu großes Geheimnis verratend spricht er davon, dass Karl Ulrich Nuss` Vater Fritz Nuss bereits die halbe Stadt mit Kunstobjekten bestückt habe. Sein Lob darauf mündet folgerichtig und angesichts der 20 im Park verteilten Nuss-Junior-Skulpturen in der Aufforderung, der "Lust auf Nuss" nachzugeben.

Nicht jedoch ohne zuvor von Vernissageredner Gottfried Heubach über die "Figuren im Park" (Ausstellungstitel) aufgeklärt zu werden, einschließlich deren Einordnung in das Nuss´sche Oeuvre. Dessen Quantität ist kaum zählbar, aber mehr zählt selbstredend die Qualität, insbesondere angesichts der überwältigenden Vielfalt der Motive. Nichts Menschliches scheint dem Künstler fremd zu sein. Von der Zeugung bis zum Tod finden sich, was das Leben bestimmt.

Der ganze Makrokosmos der großformatigen Arbeiten finde sich auch im Mikrokosmos der Kleinplastiken, wieder, so Heubach. Kunstwerke, die dem Künstler am Herzen lägen, weshalb Karl Ulrich Nuss die Figuren nur schweren Herzens losgelassen habe, "wie Kinder, die man ziehen lassen muss, um sich später zu freuen, wenn sie ihren Platz im Leben gefunden haben."

Die meisten der aufgestellten Plastiken entstanden zwischen 2001 und 2019, einer Zeit, in der

Karl Ulrich Nuss seinen künstlerischen Impetus auf skurril anmutende Tierwesen fokussierte. Menschen sind hier in der Minderheit, finden sich aber dennoch beispielsweise in den „Vier Temperamenten“ wieder. Die Arbeit zeigt, dass Sanguiniker, Choleriker, Phlegmatiker und Melancholiker gleichzeitig in jedem von uns stecken.  Gleich in der Nähe  „Leda mit dem Schwan“ und „Europa mit dem Stier“ und, wo bis dato die beiden steinernen Hunde des Barons Wache hielten, lassen nun zwei Vogelmenschen Tierisches und Menschliches "ganz organisch ineinanderfließen" (Heubach).

Vorbei an Seerosen und Rohrkolben, exotischen Bäumen und sonderbaren Sträuchern führt der Fachsenfelder `Skulpturenpfad´ zum alten Tennisplatz der Freiherren von Koenig-Fachsenfeld. Hier bilden die Nuss´schen Figuren ein schwäbisches Stonehenge, ein Tierkreiszeichenrund, das laut Gottfried Heubach nach der Strümpfelbacher Skulpturenallee, die größte in sich geschlossene und zusammenhängende Figurengruppe, die der Künstler je aufgestellt habe, sei. Das Besondere daran, Karl Ulrich Nuss übersetzt die bekannte Tierkreissymbolik in seine ureigenste Sprache.

Dieses Übersetzungswerk sei am anschaulichsten beim „Schützen“ zu erkennen, der vermutlich der erste in der Kunstgeschichte sei, der anstatt mit einem Bogen mit einer Pistole bewaffnet seiner ihm zugewiesenen Bestimmung nachgehe, vermutet Gottfried Heubach und nennt noch mehr für Karl Ulrich Nuss typische Beispiele: "Mit ihrem ganzen Körper drückt die Waage aus, wie schwierig es ist, die Balance zu halten. Recht und Unrecht stehen auf des Messers Schneide." Er sei Schöffe am Arbeitsgericht in Stuttgart, insofern berühre ihn diese Plastik ganz persönlich. "Sie drückt wunderbar aus, wie diffizil es ist, aus dem Grau der Wirklichkeit ein Schwarz oder Weiß, schuldig oder unschuldig ableiten zu müssen."

Gottfried Heubach gibt auch Sehtipps, um verborgen Offenkundiges zu entdecken. So fänden sich beim „Stier“ Hände statt Klauen, beim „Steinbock“ und „Widder“ menschliche Füße, der „Krebs“ habe einen Menschenleib und die „Fische“ verschlungene Menschenbeine.

"Wer die Tierkreiszeichen mit viel Nuss-Verstand betrachtet, entdeckt, dass der `Löwe´ etwas aus der Reihe tanzt. Diese 2012 modellierte Plastik ist die älteste in der ansonsten überwiegend 2019 entstandene Runde. Sie zeigt keinen Löwen mit menschlichen Beigaben, sondern einen

Menschen mit Löwen-Attributen. Wir sehen also kein verfremdetes Tier, sondern einen verfremdeten Menschen."

Verfremdung - mit Blick auf die Nuss´sche Kunst das eigentliche Zauberwort, das den Redner zu jener unerlässlichen Schublade führt, in der er den Künstler sehen möchte. "Karl Ulrich Nuss hat immer mal wieder kurze Ausflüge ins Abstrakte gemacht. Aber das Wasser, in dem er gerne schwimmt, war und ist das Konkrete. Trotzdem ist er kein Naturalist. (…) Bis heute liebt er das Verfremden, Verwandeln und Verschmelzen. Manche Arbeiten tragen zwar groteske Züge. Aber seine Arbeiten erscheinen nicht unwirklich oder traumhaft. Karl Ulrich Nuss bleibt geerdet."


 

 

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Aalener Kulturjournal