Schubart-Literaturpreisträger (2009) Peter Schneider wird 80

Irrtum nicht ausgeschlossen

Der Berliner Schriftsteller Peter Schneider sah sich schon als 68er als Freigeist und Querdenker. Eigenschaften, die er sich bis heute bewahrt hat. Anlässlich seines runden Geburtstags erscheint ein  neues Buch: "Denken mit dem eigenen Kopf". In dieser Essay-Sammlung beweist er erneut weitsichtige Fähigkeiten, wie sie auch im "Mauerspringer", in "Lenz", "Paarungen" oder eben in der 68er-Abrechnung "Rebellion und Wahn" zum Vorschein kommen. In seinem "Bildungsroman des Verstandes" nimmt Peter Schneider auch die jüngere deutsche Nachkriegsgeschichte aufs Korn, von Gerhard Schröder über Flüchtlingskrise bis hin zu Pegida und AfD.

Schneiders Beschäftigung mit deutscher Zeitgeschichte, in bewusster Verschränkung von Politik und Literatur, stehe in der Tradition des freiheitlichen und aufgeklärten Denkens Schubarts, betonten 2009 die Jury-Mitglieder des Aalener Schubart-Literaturpreises.

Besonders überzeugt habe sein Buch über die 68er Zeit „Rebellion und Wahn“, seine darin offenbarte Redlichkeit im Umgang mit der - auch eigenen - Vergangenheit. Daran ließ Dr. Mathias Schreiber in seiner damaligen Laudatio keinen Zweifel. Er zeichnete ein differenziertes, farbiges Bild der literarischen und politischen Entwicklung der Bundesrepublik in den 1960er und 1970er Jahren und der Rolle des Schubart-Preisträgers Peter Schneider.

Der „Schlingel der frühen Jahre“, der „Kleingewaltromantiker“, wie Schneider sich im Rückblick selbst bezeichne, sei dem linken Aktionismus und der grotesken Befreiungsrhetorik der Achtundsechziger entkommen, so Schreiber. Mit „Lenz“ und „Der Mauerspringer“ habe sich die Kluft zu den unbelehrbaren Weltverbesserern weiter vertieft. Auch von Adornos strengen Postulaten zur Lyrik nach Auschwitz und der Unmöglichkeit des Erzählens (1954) habe sich Schneider nicht beeinflussen lassen, was ihn umgehend zum Vorbild vieler junger Autoren machten.

In der Tradition von Christian Friedrich Daniel Schubart

Ein Jahr nach der Preisverleihung kam Peter Schneider 2010 erneut nach Aalen, diesmal um aus seinem Buch "Rebellion und Wahn" zu lesen. Dabei verdeutlichte er, wie offenherzig und kritisch zugleich er seine Rolle in den Zeiten der Studentenrevolte betrachtet. Von seinen Altersgenossen nicht immer gerne gehört, entsprechend überschaubar war 2010 die Besucherzahl. Dennoch durchaus überraschend, zumal kurze zuvor Schneiders Kollegin Petra Durst-Benning mit ihrer „Russischen Herzogin“ ganze `Heerscharen´ anlockte.

Politisch Lied ist eben doch ein garstig Lied und das wollten sich anscheinend nur wenige Literaturfreunde antun. Bei Schneider allerdings die falsche Entscheidung, verpackt er doch seine „revolutionären“ Jahre mit Humor und viel Selbstironie. Und so kommt seine Rebellion unvergleichlich witzig, bisweilen auch realsatirisch daher. Und es gibt keinen Abschnitt ohne famose Pointe.

Dass Peter Schneider mit damals 70 Jahren seine  68er-Zeit so vehement aufgearbeitet hat, der jugendlich-studentische Protest einer vergangenen Epoche ihn aber noch immer bewegt, durfte bei der Lesung vernommen werden.

„Brecht dem Schütz die Gräten, alle Macht den Räten“ -  Nachgeborene können damit wenig anfangen, auch nicht mit den voreiligen Überlegungen der einstigen Weltverbesserer. Beispielsweise die Frage, wer denn nach der geplanten Revolution Senatorenposten bei Kultur, Forst und Müll sein Eigen nennen dürfe. Daraus wurde bekanntlich genausowenig, wie aus der beabsichtigten Räterepublik Westberlin. Peter Schneider zuzuhören war ein Vergnügen für sich. Beim Vorlesen verschränkte er immer wieder die Arme, stützte sich zuweilen auf die Ellbogen, legte ein ums andere Mal sein Buch zur Seite, um frei über das Leben im einst so aufmüpfigen West-Berlin, über Wortführer, Kampfgefährten und Weggenossen zu plaudern. Ein antiautoritäres radikaldemokratisches Leben, das die Bodenhaftung verlor und sich selbstverliebt nie in Frage stellte.

Fotos: Peter Schneider kam, las und gab Autogramme: Der Schubart-Literaturpreisträger berichtete 2010 im Aalener Rathaus aus seinem Alt-68er-Leben. Am heutigen 21. April feiert er seinen 80. Geburtstag.

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal