„Reallabor Space Sharing“ zeigt im Rathaus beispielhafte Betonarchitektur

  Brutalismus - das ungeliebte Stiefkind der Moderne

Abriss oder Sanierung? Die Diskussion über eine neuen Zukunft oder über das nahe Ende des in die Jahre gekommenen Aalener Rathauses geht in die nächste Runde. Frischen Diskussionsstoff liefert eine Gruppe Studenten der  Klasse für Entwerfen, Architektur und Gebäudetypologie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste  Stuttgart. Während sich gegenwärtig die Ausstellung „SOS-Brutalismus – Rettet die Betonmonster“ (Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt/Main, Kurator: Oliver Elser) noch in der Rathausgalerie vielschichtig mit der Geschichte und Entwicklung der Betonarchitektur auseinandersetzt, wagen sich die Studenten der Kunstakademie an die kreative Weiterentwicklung der einst so innovativ und modern bewerteten Gebäude.

Unter dem Motto „Reallabor Space Sharing“ suchen sie den notwendigen Dialog zwischen Forschung und Praxis, hilfreich unterstützt durch ein Pop-up, so die neudeutsche Umschreibung, ein in die laufende "SOS-Brutalismus"-Ausstellung eingeschobenes Dialogfenster, das mit Texttafel, Nachbauten in Miniaturformat und diversen Mitmachangeboten die Diskussion um diese gerne als  "Betonmonster" bezeichneten Bauwerke bereichern soll. Dabei geht es um den Baubestand der sogenannten brutalistischen Nachkriegsarchitektur der 1960er bis 1980er Jahre, um deren architektonischen, materiellen und gesellschaftlichen Potentiale und um die alles entscheidende Frage, ob diese bis heute heiß umstrittene Architektur vor dem Verfall gerettet werden sollte, um sie einer wie auch immer gearteten Weiternutzung zuzuführen.

Während sich die Ausstellung in der Rathausgalerie auf eine globale Sicht und auf eine grundlegende Auseinandersetzung mit dem Brutalismus bezieht, geht es im ersten Obergeschoss des Rathauses nun um exemplarische Gebäude, die überwiegend im Stuttgarter Raum aufgespürt wurden und deren Zukunft so gut wie besiegelt scheint.

Wichtig zu wissen: Brutalismus ist ein oftmals missverstandener Begriff, hat er doch  nichts mit dem Adjektiv „brutal“ zu tun, auch wenn manch ein Gebäude aus der Brutalismus-Zeit dies nahe legt, sondern leitet sich vielmehr vom französischen „béton brut“ ab, was am besten mit „roher Beton“ zu übersetzen wäre. Entstanden ist die Architekturströmung unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Einfluss von Le Corbusier und dem englischen Architektenduo Alison und Peter Smithson.

Offen für eine zweite Chance

Das vom baden-württembergischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst unterstützte "Reallabor Space Sharing" spricht sich, wie auch die Ausstellung in der Galerie, eindeutig für den Erhalt aus, insbesondere für die Entwicklung neuer Nutzungskonzepte. Die notwendigen Argumente dafür liefern eine projektbezogene trans- und interdisziplinäre Forschung,  eine intensive Vernetzung von Wissenschaft und Gesellschaft sowie ein offener Dialog und Austausch, wie ihn die beiden Ausstellungen ermöglichen. Ganz konkret an den von den Studenten im Maßstab anfertigten Modellen, die in der Ausstellung allein durch ihre Präsenz ein  Abschweifen ins Wolkenkuckucksheim verhindern.

Wolkenkuckucksheim, Professorin Marianne Mueller greift zu diesem Begriff, um die Realitätsnähe des Projekts "Reallabor Space Sharing" von wie auch immer gearteten Phantasieprojekten zu unterstreichen. Wobei sie unumwunden eingesteht, dass die Betonarchitektur nicht "von allen geliebt" werde. Aber sie verweist auf den Zeitgeist der 1960er Jahre, auf den damaligen gesellschaftlichen Auf- und Umbruch, der alle Lebensbereiche erfasste. So auch die Architektur. "Plötzlich wurde alles anders." Raus aus der räumlichen Enge, hin zu einer großzügigen Weite.

Die Professorin und ihr Akademischer Mitarbeiter Constantin Hörburger sehen dies beispielhaft im Aalener Rathausgebäude verwirklicht. Foyer groß, Flure breit - hier kann mehr stattfinden als nur verwaltungstechnischer Alltag und notwendiger Publikumsverkehr.

Noch einen zweiten Begriff nennt Prof. Müller gerne, den der "grauen Ästhetik", die selbst in den präsentierten Modellen spiegelt, beispielsweise im Nachbau des 1967 entstandenen Gemeindezentrums Nikodemus in Stuttgart-Botnang. Eines von derzeit 23 typisierten Bauten - Verwaltungsgebäude, Schulen, Kirchen und Wohnanlagen - in deren Architektur sich die Aufbruchsstimmung von einst kulminiert und die sich zugleich ein Alles-ist-möglich auf die Fahnen geschrieben hat. Keine blühenden Phantasien, vielmehr an der konkreten Architektur des jeweiligen Gebäudes orientierte Nutzungskonzepte haben die am Reallabor beteiligten Studenten entwickelt, um die architektonischen "Leuchttürme" der Vergangenheit zu erhalten, andererseits aber auch, um der unumgänglichen Anpassung an die sich verändernden Herausforderungen einer anderen Zeit gerecht zu werden. So könnte beispielhaft ein einstiges Gemeindezentrum zum Sommer-Campus, ein Kirchturm zum Kletterturm, ein Flachdach zum Unterbau für Wohngebäude (vergleichbar denen auf dem Aalener Mercatura) werden.

Weg vom Backstein, hin zum Beton

„Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“ - die Gesellschaft verabschiedete sich Mitte der 1960er Jahre vom Modergeruch der Nachkriegszeit. Bundeskanzler Willi Brandt wird zum Synonym für gesellschaftlichen und politischen Wandel und für ein neues Lebensgefühl. Hierfür bot der Brutalismus eine ideale und teils ideologiefreie Projektionsfläche, die zugleich den Weg zu einer neuen Form von Wohnungsbau ebnete, mit dem zugleich die urbanen Wunden des Krieges geschlossen werden konnten.

Sichtbeton, geometrische Formen und skulpturale Erscheinung sind die Hauptmerkmale des Brutalismus. Positiv betrachtet, denn die "Graue Ästhetik" steht zwar  für roh belassene Betonwände, für sichtbare konstruktive Details und letztlich für einen Baustil, der eine ästhetisch radikale, bewusst antibürgerliche Haltung einnimmt, welche den Wandel der damaligen Zeit spiegeln sollte. Doch die nackte Betonwand  sorgte in ihrer unpolitischen Aufladung - gemeint sind zurecht die düsteren Fassaden trivialer Wohn- und Büroblocks - auch für ablehnenden Furor und dafür, dass selbst der wohlgemeinte und gelungene Brutalismus bis heute ein verachtetes Stiefkind der Moderne ist, das vom britische Thronfolger  Prinz Charles Ende der 1980er Jahre spöttisch mit „Furunkel im Gesicht eines geliebten Freundes“ bezeichnet wurde. Vielleicht auch ein Seitenhieb  auf die Ideen des  Architekten Le Corbusier, der gerne von Wohnmaschinen sprach. Ein brutalistischer Wohnhaustyp, der wirtschaftliche Effizienz und Wohnkomfort demokratisieren und modernen Wohnraum einer breiten Masse zugänglich machen sollte. Sein Leitbild war die vertikale Stadt mit übereinander gestapeltem Wohnraum, der unabhängig von jedweder Umgebung entstehen könnte. Die einstige DDR nahm ihn beim Wort und stutzte die Idee zum Plattenbau zurecht. 

Der Zahn der Zeit nagt auch an grauen Wänden

Die Ausstellung "Reallabor Space Sharing" sucht indes einen differenzierteren Blick auf die Brutalismus-Architektur. Professorin Müller hebt deshalb die in Zusammenarbeit von Künstlern und Architekten entstandenen Entwürfe hervor, bei denen jedes noch so kleine Teil dem Gesamtobjekt unterworfen wurde. Vergleichbar dem Baustil und Zierrat des Art Nouveaus beziehungsweise Art Decos Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.

Reallabor-Projektleiter Constantin Hörburger fokussiert sich in diesem Kontext auf die Potentiale der Weiternutzung des Baubestands der 1960er bis 1980er Jahre. Viele Bauten dieser Zeit seien zwischenzeitlich in einem altersbedingten kritischen Zustand. "Sie bedürfen Erneuerung, Sanierung oder werden nicht länger gebraucht." Hörburgers Zauberformel heißt deshalb "Space Sharing", ein alternativer Ansatz zu einer nutzungsorientierten Neuerfindung dieser schwierig erscheinenden Gebäudetypen.  Seine Ideen gehen in Richtung  Parallel- und Mehrfachnutzung sowie gen Raumteilen, eingebettet in ein ökologisch, ökonomisch und gesellschaftlich stimmiges Gesamtvorhaben. Das dafür geoplante "Sharing Brutalism" soll zunächst alle entsprechenden Gebäude erfassen, die einstigen Entwürfe sichten, erklären und über spezielle Space-Sharing-Konzepte fortentwickeln, um so eine künftige Neunutzung zu ermöglichen. 

Die notwendigen Voraussetzungen dazu sollen über einen sogenannten Typologie-Atlas, den das Reallabor zusammenstellt, geschaffen werden. Hierin verzeichnet ist die Inventarisierung der Bestandsbauten durch Zeichnungen, Fotografien und Modelle. Kein in sich abgeschlossenes Konzept, da Bürgerdialoge, neue Nutzungsstrategien, Mitmach-Ausstellungen, Architekturspaziergänge und andere dialogische Formate für Offenheit gegenüber neuer Ansätzen sorgen. Sichtlich erfreut davon zeigt sich Markus Haas, der Leiter der Aalener Gebäudewirtschaft. Sowohl die Ausstellung "SOS Brutalismus" wie auch das "Reallabor Space Sharing" passe gut in die aktuelle Diskussion um die Zukunft des Aalener Rathauses, betonte er bei der Ausstellungseröffnung. Ausdrückliche Unterstützung für Erhalt und Weiternutzung brutalistischer Bauten kommt von Constantin Hörburger. Er preist am Beispiel Aalener Rathaus die handwerkliche wie technische Perfektion des Gebäudes, die klassische Erschließung, die Funktionalität und Effizienz der Raumteilung sowie die gelungene Gesamtkonstruktion. Eine noch immer zeitgemäße durch die "Wandbildung" zur Verkehrsstraße hin und der Staffelung ("Abtreppung") gen Marktplatz und Fußgängerzone, die letztlich im Foyer als quasi öffentlicher Platz mündet. Diese Konzeption habe Potential für eine weitere Zukunft, ist sich der Reallabor-Projektleiter sicher.

INFO

 

Ausstellung

Reallabor Space Sharing
Bis Sonntag, 29. März 2020
Architekturstudierende der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (ABK) zeigen brutalistische Bauten im Großraum Stuttgart

 

SOS Brutalismus - Rettet die Betonmonster!

Bis Sonntag, 29.03.2020

Ein gemeinsames Projekt des Deutschen Architekturmuseums und der Wüstenrot Stiftung

Galerie im Rathaus Aalen

Marktplatz 30

73430 Aalen

 

Rahmenprogramm

Führungen durch die Ausstellung:

Samstag, 1. Februar 2020, 11.30 Uhr 

Samstag, 15. Februar 2020, 11.30 Uhr 

 

Öffnungszeiten:

Montag bis Mittwoch von 8.30 bis 17 Uhr
Donnerstag, 8.30 bis 18 Uhr
Freitag, 8.30 bis 12 Uhr, 14 bis 17 Uhr
Samstag, 10 bis 13 Uhr
Sonntag, 14 bis 17 Uhr
Geschlossen am 20. und 25. Februar 2020

 

Informationen unter Telefon: 07361 52-1110 oder unter E-Mail: kunst@aalen.de
Eintritt frei.

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Aalener Kulturjournal