Kooperation zwischen Theater Aalen, O-Team Stuttgart und HochX München

"Crash & Care" - Kein Sicherheitstraining!

Treffpunkt Bahnhofstraße. Mundschutz, Händedesinfektion, Abstand. Theater in Coronazeiten verändert vieles, ist aber beileibe kein Grund auf alles zu verzichten. Zumal bei diesem Stück ein Sicherheitstraining  Sicherheit verspricht. Oder etwa nicht?  Eine Frage, die die Stimme aus dem Off (per Kopfhörer, den alle Trainingsteilnehmer tragen müssen) mit ihren Hinweisen und Verhaltensregeln zu beantworten versucht.  

Noch klingt alles harmlos, manches kann gar mit einem Lächeln quittiert werden. Doch spätestens mit der Aufforderung sich in den Tunnel (Hirschbachunterführung) zu begeben, beginnt das Sicherheitstraining verdächtig philosophisch zu werden. Schließlich steht im Traumkontext der Tunnel unter anderem auch für den allerletzten Weg.

Der Coach aus dem Off spielt ein wenig mit dem damit einhergehenden Seelenzustand, was freilich nicht verwundert, kennt doch diese Tunnelsituation nur ein Geradeaus. Zur Beruhigung im Voraus: Beim Aalener Theater blendet glücklicherweise am Ende des Tunnels ein Licht.

Gegeben wird "Crash & Care"? Aber das Spiel beginnt nicht, wie Theater eigentlich beginnt. Obwohl zunächst straßenkrimihaftes Potential vermutet werden darf. Rasch zeigt sich jedoch, was sich das Aalener Stadttheater in Kooperation mit dem Stuttgarter O-Team hat einfallen lassen, übertrifft den Untertitel  "Ein Sicherheitstraining".  Im Mittelpunkt dieses sogenannten Audiowalks steht ein reales Unfallauto, positioniert auf dem Parkplatz des Kulturbahnhofs  als Quasi-Installation.

"Ich befinde mich in Ihrem Kopf", sagt die Stimme  

Noch verdeckt ein graue Plane das Objekt und dessen Geschichte, derweil das Theaterpublikum wie bei einer Stadtführung zum Ort des Geschehens geführt wird. Hier wartet aber weder ein bequemer Theaterstuhl, noch eine traditionelle Bühne.

Die Zuschauer umringen den Unfallwagen, das Sicherheitstraining wird zur interaktiven Berichterstattung mit all den unverzichtbaren technischen Details.

Unerwartet schleicht sich das vage Gefühl ein, der anonyme Sicherheitsingenieur spricht nur vordergründig von alltäglichen Gefahren, während es ihm in Wirklichkeit um etwas ganz anderes geht. Die Erzählung über den Unfall, eine Erzählung über die eigene Unversehrtheit und Freiheit? Das ramponierte Auto bloße Metapher? 

Angsttraum Dunkelheit (Hirschbachunterführung), Gewissheit (Licht am Ende des Tunnels), Beklemmung (Unfallauto) - sorgsam und planmäßig führt der namenlose Sprecher mit melancholischer Stimme durch ein Auf und Ab unterschiedlichste Seelenzustände, in denen selbst technische Erläuterungen zum Trauma mutieren. Die Stimme fordert Theaterbesucher auf, Unfallopfer zu spielen. Das macht das Unfassbare noch realer. Leid und Schmerz zeigen sich als Teil des Lebens.

Transformation wäre eine gute Überschrift. Der unbekannte Erzähler erhält endlich ein Gesicht: Folkert Dücker spielt den schwermütig klingenden Sicherheitsingenieur. Die Jahrzehnte im Unfalllabor sieht und hört man ihm an.

  Fortsetzung im Innern des Kulturbahnhofs

Akribisch legt er seine Worte auf die Waage, gibt ihnen eine ambivalente Bedeutung. Der faktensichere Techniker entpuppt sich als mitfühlender Humanist, dessen Weltsicht in Bachs "Komm, süßer Tod" (Violoncello: Barbara Borgir) mündet.  Die Gewissheit von der Zerbrechlichkeit menschlichen Seins erhebt sich zur Sinnfrage nach der Vergänglichkeit.

Noch bevor alles im Strudel aufkommender Melancholie versinkt, fordert der Ingenieur das Publikum auf, sich an seinem grüblerischen Philosophieren zu beteiligen. Es geht um die Frage, wie umgehen mit eigener Schuld? Auf der Suche nach einer Antwort wird eine Theaterbesucherin vor die Entscheidung gestellt,

einen Schalter zu betätigen oder es bleiben zu lassen. Sie drückt den Knopf und stürzt dadurch ungewollt einen Menschen (glücklicherweise nur eine Puppe) in den Tod. Wie bei einem fahrlässigen Unfall, kommentiert der Sicherheitsingenieur. Immer die Folgen eigenen Handelns bedenken, lautet die Warnung, schließlich könne jeder allen nur erdenkbaren Übeln ausgeliefert sein.

Aufgefädelt hängen Testpuppen in einem Raum, nach Körperteilen sortiert, an einem Seil baumelnd: Unterkörper mit Beinen, Oberkörper mit Armen, daneben Köpfe. Kein besonders schöner Anblick, aber technisch notwendig und sinnvoll, sagt der Sicherheitsingenieur, der gerade in Begriff  ist, einen dieser

Das Schicksal des Menschen und das des Crashtest-Dummies.

Plastikprobanden sorgfältig zusammenzusetzen und mit Sensoren zu verknüpfen. Mit auffallend liebevoller Aufmerksamkeit, als wär´s ein Stück von ihm. Wie ein kleines Kind, das mit seiner Puppe spielt. In dieser Szene wird die latente Transformation bildlich und hörbar. Er vermenschlicht den Dummy, spricht mit ihm, verwandelt sich fiktiv in ihn, spürt dessen "Empfindungen" nach. Die Maske des Crashtest-Dummies trägt seine Gesichtszüge. Die Sensortechnik hackt sein neuronales Netz, der Ausschlag der Instrumente entspricht nun seinem eigenen Schmerzempfinden. Eine unwirkliches Bild, bei der Premiere ätherisch intensiviert durch die letzten Strahlen der Abendsonne.

Wie aus dem Nichts erklingt dazu Bachs Kantate:

 

"Komm, süßer Tod, komm, selge Ruh!

Komm, führe mich in Friede,

weil ich der Welt bin müde,

ach komm, ich wart auf dich,

komm bald und führe mich,

drück mir die Augen zu.

Komm, selge Ruh!"


Anrührend. Fern jedweder Nekrophilie! Vielmehr ein Plädoyer für das Leben, das nur im Bewusstsein der Endlichkeit Sinn bekommt. Regisseur Florian Reichelt verdeutlicht dies, indem er fast unbemerkt gleich zwei Ebenen bedient, eine reale und eine imaginäre. So werden bei "Crash & Care" die Zuschauer in die empirische Tatsachenwelt eines Ingenieurs für Fahrzeugsicherheit mitgenommen, während sich parallel in ihren Gedanken eine posthumanistische anbietet, sich zu entfalten.

Der Dramaturgie-Regler steht auf Volllast

Um zu verhindern, dass "Crash & Care" zum lapidaren Stationentheater mutiert, dreht Jonathan Giele ganz sacht, aber wirkungsvoll am dramaturgischen Regler, so dass die Erzählung mit all ihren zwar erwartbaren, aber dennoch überraschenden Momenten spannend bis zur letzten Augenblick bleibt. Da wird selbst der finale Abgang des Ingenieurs und seiner Technikcrew (Robin Burkhardt, Samuel Hof) zum humorvollen Inselvergnügen. Performatives Objekttheater in Bestform? Unbedingt, aber nur Dank der schauspielerischen Leistung Folkert Dückers, der mit eindringlicher wie ruhig sonorer Stimme so großartig der verletzlichen Figur des Ingenieurs Leben einzuhauchen versteht.

 

INFO

 

Crash & Care (Kulturbahnhof)
Ein Sicherheitstraining für 10 Personen / Audiowalk von und mit O-Team, Florian Feisel und dem Theater der Stadt Aalen

 

Startpunkt Parkplatz Gala Dügün Salonu (Bahnhofstr. 86)

 

Karten & Theaterkasse: Telefon 07361 522 600   kasse@theateraalen.de

 

Weitere Aufführungstermine

 

Kulturbahnhof
Startpunkt Parkplatz Gala Dügün Salonu (Bahnhofstr. 86)

 

25.09. (17 & 20 Uhr)
26.09. (17 & 20 Uhr)
27.09. (15 & 18 Uhr)

 


 

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Aalener Kulturjournal