Theater Aalen inszeniert "Das Heimatkleid" von Kirsten Fuchs

Kann dieses Kleid lügen?

"Der Zorn der Feiglinge", "Johanna im Ratssaal" und nun "Heimatkleid" - das dritte Stück in Folge, bei dem sich das Aalener Stadttheater mit der politischen Seite seines Spielzeitmottos "Innere Sicherheit" auseinandersetzt. Überraschend kritisch, sei angemerkt.

 Zur jetzigen Premiere kam ein quer durch alle Generationen gut gemischtes Publikum, eines, ganz im Sinne der aus Kassel stammenden Autorin Kirsten Fuchs, der es in "Heimatkleid" um genau diese bundesdeutsche Gesellschaft der Mitte geht. Allerdings eine, in der wenig überraschend sich unterschwellig gesellschaftliche Verwerfungen auftun, die Demokraten Kopfzerbrechen bereiten; nicht zuletzt, da politische wie kommerzielle Public Relation via Internet unwidersprochenen Zugang zu jungen Menschen findet. Darum geht es Kirsten Fuchs letztlich,  um die Auseinandersetzung mit brandaktuellen Themen wie Radikalismus, Rassismus und Intoleranz. In leicht verständlicher Sprache und überschaubarem Inhalt. Ein Verhandeln von Alltagsereignissen, hinter denen die Gefahr eines möglichen gesellschaftlichen Umbruchs steht. "Heimatkleid" entpuppt sich so bereits nach wenigen Minuten als Versuch, die Wirkmechanismen sozialer Prozesse und deren Folgen zu veranschaulichen.

Ort der Handlung ist eine kleine Wohnung. die überall sein könnte. In bewährter Manier nimmt Ana Tasic die Bühnenausstattung zurück, nichts dominiert, nichts lenkt vom eigentlichen Spiel ab. Der Ort, die Menschen und ihr Miteinander versprechen Handlungstheater pur und doch steht nur eine einzige Schauspielerin im Scheinwerferlicht.

Wenn Naivität zur Gefahr wird

Die Dialoge, Diskussionen, die Auseinandersetzungen spiegeln in einem fast 60-minütigen Monolog einen ganzen Kosmos. Von Langatmigkeit keine Spur. Aus guten Grund. Und der hat einen Namen: Julia Sylvester. Die junge Schauspielerin stieß zu Beginn der Spielzeit zum Aalener Ensemble, fiel bereits bei zurückliegenden Produktionen positiv auf, aber in "Das Heimatkleid" kann sie nun ihr ganzes schauspielerisches Potential entfalten. Regisseur Winfried Tobias beweist mit Julia Sylvester als Claire nicht zum ersten Male ein Gespür für die richtige Besetzung.

Allein auf der Bühne beweist  Julia Sylvester ihre brillante Wandlungsfähigkeit. Binnen Minuten wechselt sie die Perspektive, schlüpft in verschiedene Rollen, welche sie ausnahmslos meisterlich verkörpert. Ein junges Ausnahmetalent! Mit Fug und Recht freut sie sich am Ende deutlich wahrnehmbar über ihr gelungenes Spiel.

Eben noch ist Claire glückselige Influencerin, deren Gerede vor lauter Werbespots überquillt, im nächsten Moment eine bange Jungendliche, die von der brutalen Realität eingeholt wird. An die Wohnungstür trommeln Fäuste, Musik verheißt Unheil. Das Stück beginnt indes fröhlicher. Während  Schwester Luise in den USA studiert, übernimmt Claire deren Wohnung und  Mode-Blog. In ihrem ersten noch von Luise vereinbarten Interview stellt sie das neue Label „Heimatkleid“ vor. Von der  Gründerin so genannt, da sie in Deutschland produzieren möchte, ohne auszubeuten.

Der Blick für die Wirklichkeit geht verloren

Hört sich alles gut an. Doch schnell bemerken die Zuhörer, wie der feinmaschig gestrickte Text subtil die Argumentationsmuster der sogenannten Neuen Rechten aufgreift. Claire versteht jedoch die Welt nicht mehr, als unter „Nazis raus“-Rufen Farbbeutel gegen die Schaufenster geworfen werden. Was ist schlecht an Kleidern aus deutschem Leinen und griechischer Baumwolle? Was an einem coolen Trachtenkleid?  Und chic ist das Kleid, welches sie tragen darf, obendrein. Doch dann wird Claire im Internet als „Nazischlampe“ diffamiert; sie  begreift nichts mehr.

Zudem stellen die neuen Nachbarn  sie vor befremdende Herausforderungen: Tom Jauer, hilfsbereit und gut aussehend, unterstützt eine Rechtspartei, ein jüdisches Paar, aus Russland stammend, fürchtet sich vor Moslems wegen deren Judenhass, ein schwules Ehepaar wegen deren Hass auf Homosexuelle. Allerdings gibt es auch andere Nachbarn, eine alte Frau zum Beispiel, welche von den Schrecken des Zweiten Weltkrieges berichtet  und Tom samt Gesinnungsfreunde daran erinnert, wie dankbar sie sein müssen für das erfolgreichste europäische Produkt Frieden.  Ein junger Mann, apolitisch, der jedoch zu verstehen gibt, dass er von Extremisten an sich nichts hält. Nicht wenige im Haus werden dennoch wohl aus  einer gefühlten Angst heraus Toms Partei wählen.

Luises Mutter, eine lautstarke Altlinke, die indes keiner ihrer Töchter politisches Bewusstsein vermitteln konnte, taucht in der Wohnung auf,  entdeckt einen Luftballon  mit dem Emblem der Rechtspartei, überschüttet Tom hasserfüllt mit unversöhnlichen Parolen.

Von Klarheit, Fakten, Reflexion - keine Spur. Extreme Lager unterschiedlicher Couleur mit einem Alleinvertretungsanspruch auf Wahrheit prallen aufeinander. Tatsachen werden ausgeblendet, gearbeitet wird mit Lügen und schlichten Erklärungen. Mehr bedarf es nicht für leichtgläubige Anhänger, auch nicht für jene die „draußen“ vor dem Laden ihre Parolen schreien.

Im Haus lebt noch der der syrische Flüchtling Al Sayed. Als Luises Hund stirbt, auf den Claire aufpassen sollte,  redet Tom, der langsam seine Maske fallen lässt,  ihr ein, der Syrer habe diesen vergiftet. Und die politisch naive Claire lässt sich mitreißen. Doch nach und nach beginnt Claire an dem Kleid, welches sie zunehmend einschnürt und beengt, zu leiden. Vom  Sinnbild für Heimat wird es zu dem für geistige Enge.

Das Stück endet offen. Am Ende rollt Claire in ihrer Wohnung einen Teppich aus, setzt sich zu dem jungen Syrer auf den Boden, beweist Menschlichkeit, indem sie ihm hilft. Das ideologische Geschwätz Toms wie auch den Grund für die eigenen Ängste durchschaut sie zunehmend, nun scheint sie sich jedoch mit derselben Naivität Al Sayed zuzuwenden, kennt sie ihn doch genauso wenig wie zu Beginn Tom Jauer. Unter Umständen könnte sich auf diese Weise die Geschichte wiederholen, nur  mit anderen Vorzeichen. Naivität ist sicher keine Strategie,  um das häufig überhitzte Kommunikationsklima der Gegenwart abzukühlen. Empathie und Streitbarkeit gehören zu einem gelingenden Miteinander.

INFO
Theater Aalen
Altes Rathaus
 
"Das Heimatkleid"
 
Weitere Aufführungen
20. Februar (19 Uhr)
13. und 19. März (19 Uhr)
 
www.theateraalen.de
 
Fotos P.Schlipf
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Aalener Kulturjournal