Theater Aalen: "Leonce und Lena"

Der Mensch muss denken

Sommertheater im Wasseralfinger Schloss. Aalens Theatermacher bringen eine Komödie auf die Bühne, auch wenn angesichts des Covid-19-Virus ein Trauerspiel sicherlich angesagter gewesen wäre. Maske aufsetzen, sich in eine Anwesenheitsliste eintragen, Hände desinfizieren, Platz zuweisen lassen. Richtiges Theaterfeeling will da nicht aufkommen. Vielleicht auch, weil aus Sicherheitsgründen nur 30 Zuschauer zugelassen sind. Die Hygiene- und Abstandsregeln fordern ihren Tribut.

Erfreulich hingegen, dass die Theaterleute lange vor Corona bei der Stückauswahl ein glückliches Händchen bewiesen haben. Kein Schenkelklopfer, sondern eine Komödie, die indes einer launigen Einfalt entwachsen ist, schließlich ist schon der Name des Urhebers Programm: Georg Büchner. Auch wenn er einst sein "Leonce und Lena" mit "Ein Lustspiel" untertitelt hat, ist das doch mit Vorsicht zu genießen. Davon verrät jedoch Ariane Scherpfs Bühnenaufbau zunächst einmal nichts. Allerdings hängt der Bühnenvorhang verdächtigerweise ein Stückchen zu weit in der Bühne. Wahre Hoheiten durchreiten ihn: Leonce (Manuel Flach), Prinz von Popo, seine Anverlobte Lena (Julia Sylvester), Prinzessin von Pipi, die Gouvernante (Diana Wolf) und Valerio (Philipp Dürrschmied). Alle vier indes nicht in königlichem Gewande, sondern in weißer Männerunterwäsche einschließlich Sockenhalter. Der Auftakt zu einer Klamotte, ließe sich vermuten, hieße der Autor nicht Büchner.

Die Geschichte von "Leonce und Lena" klingt wie einem Lore-Roman entnommen. Alles ist fein durchdacht. Eine runde Sache, von Anfang bis Ende in sich stimmig. Leonce und Lena sind, ohne sich je gesehen zu haben, füreinander bestimmt worden. Zwangsehe würde man heute sagen.  Eingefädelt von König Peter, der seines Amtes überdrüssig ist und am Hochzeitstag das Zepter an Leonce abgeben möchte. Um frei zu sein für die Lust am Denken. „Der Mensch muß denken und ich muß für meine Unterthanen denken, denn sie denken nicht, sie denken nicht“, ruft er von der Bühne herab. Ein Schelm, vor dessen Augen das Update aktueller Politbühnen erscheint. Wobei weder zu Büchners Zeiten noch heute tiefsinnige Gedanken das Gros der Politikerschar umtreiben. Vom Volk ganz zu schweigen. Leonce Freund Valerio weiß davon ein Lied zu singen: „Herr, ich habe die große Beschäftigung, müßig zu gehen, ich habe eine ungemeine Fertigkeit im Nichtsthun, ich besitze eine ungeheure Ausdauer in der Faulheit.“ Klingt durchaus modern und ist eine schöne Umschreibung, worum es in der Geschichte eigentlich geht. Bereits

Voltaire wusste hundert Jahre vor Büchner: "Jeder Mensch kommt mit einer sehr großen Sehnsucht nach Herrschaft, Reichtum und Vergnügen sowie" - hier bitte aufhorchen - "mit einem starken Hang zum Nichtstun auf die Welt." Nicht nur Heutigen wissen darum, auch Georg Büchner und dessen Zeitgenosse Eichendorff. Erinnert sei an dessen „Taugenichts“.

Mit leicht ironischen Unterton findet sich dieser Müßiggang, wenn auch aus anderer Motivation, im Lustspiel wieder. Doch zunächst empört sich Lena darüber, dass es weder moralisch noch rechtens sein könne, zwei Menschen gegen deren Willen zu verheiraten: „Aber warum schlägt man einen Nagel durch zwei Hände, die sich nicht suchten? Was hat meine arme Hand gethan?“ Fragen, die manch eine Community auch heute noch nicht zu beantworten bereit ist. Im Stück jedenfalls fliehen beide voreinander. Sie wollen dorthin, wo "auf das Rauschen der Bäume, auf das Zwitschern der Vögel, auf das Funkeln der Sonnenstrahlen“ (Eichendorff) das Grüßen und Rufen der Natur folgt: nach Italien. Am besten begleitet von  Mignons Lied: "Kennst Du das Land, wo die

 Zitronen blühn". Zur Überraschung setzt Regisseur Jonathan Giele indes statt auf Goethe auf Verdi. "La donna è mobile" erklingt, um Lena und deren Gouvernante bei ihrer Flucht nach Italien zu begleiten.

Unter dem Zitronenbaum treffen die Flüchtenden unerkannt aufeinander. Schicksal eben. Schicksal auch, dass Leonce der unbekannten Schönen Avancen macht. Zunächst erfolglos, weshalb der Prinz beabsichtigt, aus dem Leben zu scheiden. Valerio hält ihn davon ab, doch Seine Hoheit zeigt sich deswegen tief gekränkt: “ Mensch, du hast mich um den schönsten Selbstmord gebracht. Ich werde in meinem Leben keinen so vorzüglichen Augenblick mehr dazu finden und das Wetter ist so vortrefflich. Jetzt bin ich schon aus der Stimmung.“

Danach geht alles gewohnt schnell, wenn auch recht verwirrend. Komödie eben. Sie verlieben und verloben sich. Doch aufgepasst, ein richtiges Lustspiel wie einst "Moliere" oder "Der zerbrochene Krug" ist diesmal im Wasseralfinger Schloss nicht zu sehen. Büchner erzählt mit

dieser ins Absurde tendierenden Geschichte, von einer Wirklichkeit, in der sich das 19. Jahrhundert spiegelt. Bissig karikiert er einen wenig gebildeten, dafür umso ignoranteren Adel, der trottelig auf der deutschen Kleinstaaterei und dem daraus resultierenden politischen Irrsinn beharrt. Nachdem sich die Französische Revolution Jahre zuvor selbst verraten und das übrige Europa sich in einen biedermeierlichen Schlaf gelegt hat, erstarrt das gesellschaftliche wie politische Leben. Büchner schickt Leonce auf die Suche nach einem Weg aus diesem Stillstand nach Italien: „Fühlst du nicht das Wehen aus Süden?“

Mit Lena wird er von dort zurückkehren, am Hofe heimlich als "lebende Automaten" auftreten. Die bereits anberaumte Hochzeitkann nicht mehr aufgeschoben werden, weshalb König Peter die vermeintlichen Maschinenmenschen trauen. Leonce und Lena geben sich schließlich zu erkennen.

Nun kann der nach wie vor am Weltschmerz leidende Prinz die Regentschaft übernehmen. 

Die gerade noch verspotteten Verhältnisse werden aber von Beiden auf absurde Weise neu verfestigen: „Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, dass es keinen Winter mehr gibt und wir uns im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestillieren, und wir das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeern stecken.“ Zwei kleinmütige und träge Philister, die - nun in Königswürde - sehr wohl erkennen, dass sie genau dort angelangt sind, wo sie nie sein wollten.

Bei allem Hintergründigen bleibt die Inszenierung von "Leonce und Lena" ein treffliches Sommertheater trotz Corona. Doch Theater wäre kein Theater, würde es selbst unter schwierigsten Bedingungen nicht einfach Vergnügen bereiten, zumal - wie bei "Leonce und Lena" - nicht nur das Mitgeteilte zum Publikum spricht, sondern auch die Art wie mitgeteilt wird. Vielsagend zeigt Regisseur Jonathan Giele mit Büchner eine von sich selbst und ihrer Zeit entfremdeten feudalen Welt, die erstarrt ihr eigenes Ende heraufbeschwört. Dazu bedarf

es auf der Bühne kein flinkes Spiel.  Statt dynamischer Fortentwicklung herrscht ein unterhaltsames "Nichtspielen" mit garantierter Spannung (Dramaturgie: Tina Brüggemann). Und eines, bei dem der Humor nicht zu kurz kommt! Man muss nur richtig hinhören, wenn Büchner beispielsweise seinen Leonce sagen lässt: „Es grassiert ein entsetzlicher Müßiggang. Was die Leute nicht alles aus Langeweile treiben! Sie (…) verlieben, verheiraten und vermehren sich aus Langeweile und sterben endlich aus Langeweile, und - und das ist der Humor davon - alles mit den wichtigsten Gesichtern, ohne zu merken, warum, und meinen Gott weiß was dazu.“

Das alles hat freilich einen Namen. Besser vier: Julia Sylvester gefällt in der Rolle der Lena, stets begleitet von ihrer stets zu Vorsicht mahnenden Gouvernante (Diana Wolf), die ihrem Leben einen Sinn geben möchte. Im Gegensatz zur auch mal recht forschen Lena, spielt  Manuel Flach seinen Leonce mit einer melancholischen Note, die Philipp Dürrschmied als umtriebiger, auf einen Posten als Staatsminister hoffender Valerio wieder wettmacht.

 

INFO

Theater Aalen

Georg Büchner: "Leonce und Lena"

Schloss Wasseralfingen

Weitere Aufführungen

Weitere Termine:  10.; 11.; 12.; 17.; 18.; 19.; 23.; 24.; 25.; 26.; 30. und 31. Juli sowie im August

Näheres unter www.theateraalen.de

Fotos: P.Schlipf
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Aalener Kulturjournal