Rachid Benzine: Der Zorn der Feiglinge

Inmitten lauter Ungeheuer

Schreiben sei oftmals das beste Mittel, um dem Nichtverstehen etwas entgegenzusetzen, schreibt der französische Autor Rachid Benzine. Denn so könne es gelingen, einen fehlenden Dialog zu kompensieren und die Grenzen einer Realität zu lockern, die einem ihre Regeln aufzwinge.

Wird auf die Lachpauke gehauen, ist auch das Aalener Stadttheater proppenvoll. Kommt allerdings ein brisanter Text auf die Bühne, lichten sich die Reihen. So geschehen bei der Premiere der Szenischen Lesung "Der Zorn der Feiglinge". Höchst brisant, weil die Theatermacher mit Rachid Benzines Buch ein Thema aufgreifen, das jedweden religiösen und politischen  Wahn an den Pranger stellt, der Humanität jedoch das Wort redet.

Nach dem Pariser Bataclan-Attentat im November 2015 schien es dem Autor unausweichlich, eine Antwort auf die Frage zu suchen, warum entscheiden sich Menschen dafür, in einen

Krieg zu ziehen, um im Namen eines Gottes zu töten. Bereits zuvor setzte sich der Politologe und Historiker mit dem konfliktträchtigen Thema Islam und Moderne auseinander. Eine philosophische Betrachtung, die er in "Zorn der Feiglinge" erneut aufgreift, einem fiktiven Briefwechsel eines Vaters mit seiner Tochter.

Auf der kleinen Bühne im Foyer des Wi.Z lesen Julia Sylvester und Bernd Tauber den Text. „Warum habe ich das nicht rechtzeitig erkannt?“, fragt sich der Vater entsetzt, als seine Tochter Nour heimlich nach Falludscha reist, um sich dem IS anzuschließen. Damit beginnt ein leidenschaftlicher Dialog über Glück und Unglück, Erkenntnis und Verblendung, über den Wunsch nach Leben in Zeiten globaler gesellschaftlicher Veränderungen angesichts eines  sich radikalisierenden Islam und dessen terroristischen Ablegern. Kein Thema, doch das von Schauspieler Bernd Tauber entdeckte Buch, stellt in einem höchst persönlichen Kontext zwei Welten gegenüber, eine archaische, repräsentiert von einer mörderischen Konfession, und die Moderne, für die Kritik und Zweifel substantiell ist, auch die an der Religion.

Für einen Autor ein heikler Stoff, der in all seinen Facetten - um der Realität gerecht zu werden -  durchdrungen werden will. Was Rachid Benzine anschaulich gelingt, nicht zuletzt durch den Verzicht auf eine plakative Schwarzweißmalerei. Vielmehr beleuchtet er in diesem ergreifenden Briefroman nuanciert das vielschichtige Ineinandergreifen unterschiedlicher religiöser, politischer und sozialer Auffassungen.

Für Benzine ist der Briefroman der geeignetste Weg, um fern jeder Ideologie die Wirklichkeit zu erkennen. Insbesondere Bernd Tauber geht sichtlich  in der Rolle des zunächst besorgten Vaters auf. Man kann sich mit ihm identifizieren, sich mit ihm grämen, seine Wut auf den IS und die Tochter verstehen, verständlich sind jedoch auch seine Selbstzweifel, was die Erziehung der Tochter zu Freiheit, Demokratie und Unabhängigkeit betrifft. Es ist zunächst ein fast "normaler" Briefwechsel zwischen dem muslimischen Philosophen und seiner Tochter, einer bis dato aufgeschlossenen jungen Frau und exzellenten Studentin.

In Benzines Buch entspinnt sich dieser Briefwechsel über eine Zeitspanne von zwei Jahren, vom erfolgreichen Aufstieg der Terrororganisation IS bis hin zu deren Niederlage. Briefe, aus denen trotz aller Differenzen die Liebe zwischen Vater und Tochter und die gegenseitige Achtung spricht. Aufgewühlt liest Bernd Tauber den Text, verteidigt glaubhaft rationales

Denken, Aufklärung und Humanismus. Julia Sylvester hingegen wird von Tina Brüggemann, welche die Lesung einrichtete, zunächst ins abgedunkelte Abseits verbannt. Erst allmählich, mit der Siegesfanfare des IS rückt sie ins Zentrum der Bühne. Von hier aus zitiert sie - meist auffallend ruhig argumentierend - aus den Propagandaschriften der Djihadisten. Dem Schauspielerduo gelingt so einen Raum zu schaffen, in dem der Dialog verständlich und gegenseitiges Zuhören ermöglicht wird.

Für einen kurzen Moment erscheint die Motivation der Tochter gar einleuchtend, wenn sie in ihrem ersten Brief schreibt, man könne zwar eine Ungerechtigkeit wiedergutmachen, aber nicht zugleich eine Erniedrigung heilen.

Julia Sylvester verleiht Nour eine sachlich klingende Stimme, die ins Enthusiastische abgleitet, als sie beginnt, die frommen Propagandaphrasen des IS zu dreschen. Wer genau hinhört kann aus ihnen die Nazi-Rhetorik der 1930er Jahre  heraushören.

Nach und nach rechtfertigt Nour im Namen der Religion alle Verbrechen und Gräuel. Vor den Warnungen des Vaters verschließt sie die Augen. Seine Worte laufen ins Leere, wenn er vom Hass der feigen Mörderbanden schreibt, seiner Tochter klarzumachen versucht, dass das Gegenteil von Wissen nicht Unkenntnis ist, sondern das falsche Überlegenheitsgefühl des Radikalismus, dessen ungehemmter Gewalt sich Tür und Tor öffnen.

In Benzines Briefroman gibt es keine Übereinkunft mehr, die zwischen Vater und Tochter vermitteln kann. Er spiegelt die Barbarei einer Menschenschlächter-Ideologie, vor der jede Vernunft kapitulieren muss. Bernd Tauber zeigt dies mit jedem Satz; wenn mit jedem weiteren Brief an den Vater dessen Zuversicht schwindet, "altert" er zusehends um Jahre. Die Katastrophe ist unvermeidlich, doch aus ihr erwächst zumindest im Buch ein Hoffnungsschimmer.

 Die szenische Lesung darf durchaus als mutige Inszenierung angesehen werden, da sie kein Blatt vor den Mund nimmt. Fast wie eine Fabel beschreibt Rachid Benzine wie Vater und Tochter versuchen, sich gegenseitig ihre Überzeugungen zu erklären. In der Tat erschütternd, denn nicht einmal diese beiden innig miteinander verbundenen Menschen, schaffen es, sich einander verständlich zu machen. Deutlich wird indes,  Gewalt erwächst immer aus Gewalt, auch aus gefühlter. Rachid Benzine zeigt durch Nours Briefe, wer  sich einer radikalen Bewegungen anschließt, hat meist auch eigene Gewalterfahrungen. Unter Umständen in Form sozialer Ausgrenzung oder Diskriminierung. Eine subtile Art von Gewalt, die es zu erkennen gilt, um repressiven Ideologien das Wasser abzugraben.

 
INFO
Weitere Aufführungen
7. und 14. März
 
Buch
Rachid Benzine "Zorn der Feiglinge"
Roman in Briefen
Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe
128 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-924652-43-2
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Aalener Kulturjournal