Theater Aalen inszeniert Dagrun Hintzes "Johanna im Ratssaal"

Demokratie ist eine coole Lady

(Anne Kullmann) Seit dem Erfolg des Stückes "Die nebelfreie Stadt" (Uraufführung in Aalen 2018, Regie: Tina Brüggemann) ist die in Hamburg beheimatete Autorin Dagrun Hintze bei den Aalener Theaterfreunden keine Unbekannte mehr. Insbesondere der damals ins Leben gerufene "Bürgerchor" erfreut sich größter Beliebtheit. Auf ihn greift die Autorin nun erneut zurück, um ein Theaterstück in Szene zu setzen, das von einem Hauch Politik umweht wird. Das ist nichts Neues, auch nicht für die Autorin, die vor zwei Jahren mit "Staging Democracy" im Hamburger "Lichthof" Vergleichbares auf die Bühne brachte, ebenfalls unter Mitwirkung von Bürgern. Ein Theaterstück zum Thema Demokratie - aktueller geht es kaum, zumal Hintze in Aalen ins Herz aller demokratischen Parlamente vorstößt, in den Gemeinderat. Folgerichtig überschreibt sie das Stück mit

"Johanna im Stadtrat", eine Anlehnung an Schillers "Jungfrau von Orleans", ein Drama, das Dagrun Hintze auszugsweise gekonnt mit der Gemeinderatswirklichkeit verwebt. Im Vordergrund stehen demokratische Entscheidungsprozesse, die Suche nach einem freien Diskurs, in dem jeder sich wiederfinden kann  und an dessen Ende mehr steht als ein fauler  Kompromiss.

Wer Friedrich Schillers „Die Jungfrau von Orleans“ kennt, ist an diesem Abend eindeutig im Vorteil, denn Dagrun Hintze reduziert die „romantische Tragödie“ auf Johannas Berufung und die Begegnungen mit ihren Widersachern Montgomery und Lionel. Das Besondere an der Inszenierung ist übrigens die Aufführung im Großen Sitzungssaal des Aalener Rathauses. Hier regiert jedoch das Chaos (im Stück!), die Räte (Bürgerchor) reden aufgeregt durcheinander, ein kaum verständliches Stimmengewirr.  Und um das Tohuwabohu komplett zu machen, werden noch Sprachfetzen aus Reden von Brexit- und Bundespolitikern eingeblendet. Rasch wird klar, hier ist ein Diskurs nicht mehr möglich. 

Eine Gotteskriegerin und echte Stadträte

Das ist die Stunde Jeanne d’Arcs,  der  „Kriegerin des höchsten Gottes.“ Bei Schiller fühlt sie sich von Gott gesandt, die  Feinde Frankreichs zu vertreiben. Er erzählt in seinem Drama die Geschichte des zutiefst gläubigen  lothringischen Bauernmädchens Jeanne d’Arc, bekannt als Jungfrau von Orleans, das  auf dem Höhepunkt des "Hundertjährigen Krieges" zwischen England und Frankreich  die französischen Truppen zum  Sieg führt und König Karl VII. zur Krönung in Reims verhilft.

Wie rasend stürmt in der Aalener Inszenierung Johanna  in den Sitzungssaal, sorgt mit Drohgebärden und dem Argument “Gott sprach zu mir“  für  Ruhe. In den nachfolgenden 60 Minuten werden zwei Ebenen miteinander verflochten, welche sich zugleich gegenseitig beleuchten:  Die Handlung um Jeanne d’Arc  wechselt mit Statements  von (echten) Gemeinderäten (Roland Hamm, Ralf Meiser, Nadine Pazelt, Markus Waidmann, Thomas Rühl, Bernhard Ritter und Hermann Schludi), welche über Video zu Wort kommen, von Transparenz, Handlungsfähigkeit der Demokratie, von der Dankbarkeit in einer solchen leben zu dürfen, aber auch von der zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung ist sprechen. Verbunden mit der zunehmenden Politik- und Demokratiemüdigkeit.     

 Mit ihrem Theaterstück, welches   demokratische Abläufe amüsant und spielerisch verhandelt, hält Dagrun Hintze klug  dagegen.  In der Inszenierung von Tina Brüggemann und Tonio Kleinknecht wird die reale Welt zur Theaterbühne,  auf welcher der demokratische Willensbildungsprozess und ein religiöser Führungsanspruch einander gegenüber stehen.

„Gott und die heil'ge Jungfrau führt euch an“ - Johanna wird (bei Schiller) ihrer Mission gerecht.  Erbarmungslos schlachtet die Gotteskriegerin die Gegner ab. Angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen der Gegenwart  eine höchst problematische  Figur, welche sich als Problemlöserin gibt, in Wirklichkeit jedoch getrieben ist von  Hass und Zerstörungswillen. Zu Schillers Zeiten übrigens das am häufigsten aufgeführte Stück. Zum inneren Konflikt kommt es allerdings, als Johanna für den englischen Feldherrn Lionel in plötzlicher Liebe entbrennt. Sie besiegt ihn zwar im Zweikampf, bringt es jedoch nicht über sich ihn zu töten, verstößt so  gegen das selbst auferlegte Gebot, keinen Feind zu schonen.  Johanna, des „höchsten Gottes Kriegerin“, wie sie sich nennt, und Märtyrerin, verrät ihre Mission.

„Wenn man aber diesen Mut hat, dann muss man auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen.“

Der Bürgerchor mischt sich ein, fasst zusammen, kommentiert. Der Wähler gibt seine Stimme ab. „Und dann?“, so die  Frage. Gängige Vorwürfe an die Politik wie Inkompetenz, Egoismus, fehlendes Verständnis für die Bürger  werden laut. Ein junger Mann (Manuel Flach) erinnert lautstark an die attische Demokratie, was bei ihm  nach direkter Volksherrschaft klingt. Zu kurz kommt jedoch, dass   damals lediglich  ein kleiner Teil der männlichen Bevölkerung Stimmrecht hatte. Frauen, Metöken, die  in der Stadt lebenden Fremden, und Sklaven  waren völlig  und zwar von allen politischen Prozessen ausgeschlossen. „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern“.  Schillers Rütli-Schwur fällt einem dazu unvermittelt ein. Die gesellschaftliche Realität der attischen Demokratie war Ungleichheit und Unfreiheit, nicht nur die Geschlechter betreffend.

Der Bürgerchor stellt forciert die Frage nach der Herrschaftsform, um eine Hohelied auf die Demokratie zu singen, die in der Gegenwart von so vielen zu wenig geschätzt wird, obwohl sie nach der Überwindung von Faschismus und Kommunismus im vergangenen Jahrhunderts

nur die alleinige Antwort sein kann. Erinnert wird an  die  „Ewigkeitsklausel“ im Zusammenhang mit dem Grundgesetz, formuliert von dessen Müttern und Vätern nach den grauenvollen Erfahrungen des sogenannten „Dritten Reiches“.  Die Grundrechte der Staatsbürger, die demokratischen Leitgedanken und die republikanisch-parlamentarische Staatsform dürfen auch im Wege einer Verfassungsänderung nicht angetastet werden. Zitiert wird der Staatsrechtler Carlo Schmid, einer der Architekten des Grundgesetzes, der fordert, Demokratie verlange den Mut, an sie als etwas für die Würde des Menschen Notwendiges zu glauben. „Wenn man aber diesen Mut hat, dann muss man auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen.“ Ein Satz, an den man heute nicht oft genug erinnern kann.  Zitiert wird auch der griechische Historiker Polybios  aus dem 2. Jahrhundert vor Christus, der damals bereits von der Gefahr warnt, dass die Demokratie abrutschen könne in die Ochlokratie, die sogenannte Pöbelherrschaft.  Während die Demokratie am Gemeinwohl orientiert sei, habe die Ochlokratie nur Eigennutz im Sinne.

Gott mag vergeben, diese Johanna nie

Hintze erzählt die Geschichte in beinahe Brechtscher Manier mit erhobenem politisch-moralischen Zeigefinger.  Zu sehen ist die Johanna-Darstellerin Diana Wolf, wie sie fieberhaft die zaudernden Räte anherrscht, im grauen Armeemantel zum Schlachten ruft, plötzlich ein Kampfmesser zückt und dem Feind (wer das dann auch immer sei?) die Kehle durchschneidet.

"Eine reine Jungfrau vollbringt jedwedes Herrliche auf Erden!“  Was dieser im Aalener Sitzungssaal am Ende jedoch nicht gelingt. Johanna, die "ihr Herz mit Unerbittlichkeit bewaffnet", verliert ihren letzten Kampf gegen den englischen Heerführer Lionel (Manuel Flach), zieht sich zurück, in die Anonymität der Zuschauerreihen. Gott mag vergeben, doch diese Johanna nie. Bei Schiller siegt Johanna, indem sie in die Schlacht zieht und sich opfert für ein angeblich

gottgewolltes Regime, in dem Gerechtigkeit herrscht, in dem die Schwachen beschützt werden. Dagrun Hintze hingegen lässt das Stück versöhnlich in einer Utopie  enden: Der Chor holt Johanna zu sich aus ihrer  fundamentalistischen Verhärtung, am Schluss sitzt sie mit Lionel  fröhlich singend zusammen. Das Morden hat ein Ende, der demokratische Diskurs kann beginnen.

Daran dass Demokratie nicht selbstverständlich ist, wird am Ende noch einmal erinnert. Die echten Stadträte kommen wieder zu Wort. Hermann Schludi mahnt nochmals zur Besonnenheit: "Es gibt keine schnellen Lösungen, so einfach ist die Welt nicht!" Und für Bernhard Ritter ist der Weg eindeutig: "Verantwortung zu übernehmen ist nicht immer einfach, deshalb muss sich der Bürger beteiligen. Jeder muss ein Baustein sein, um die Freiheit zu garantieren."

 

Fotos: kul, Schlipf

Info

Theater Aalen

"Johanna im Ratssaal"

Alener Rathaus, Großer Sitzungssaal

Weitere Aufführungen im Februar: 14.; 21.; 22.02.

Infos unter www.theateraalen.de

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Aalener Kulturjournal