Theaterring Aalen & Landestheater Tübingen präsentieren Goethes "Faust"

Wie hältst du's mit Moral?

Goethes "Faust" sollte es sein. Ein Experiment, das nicht zum ersten Mal auf der Aalener Theaterbühne gewagt wurde und ganz sicherlich auch nicht zu letzten Male. Schließlich gehört er zu jenen literarischen Bollwerken, an denen sich jeder Regisseur messen lassen will. In der Aalener Vergangenheit allerdings mit mäßigem Erfolg. Nun war die Reihe an Christoph Roos vom Landestheater Tübingen. Der Plan, das große Werk auf die Gretchentragödie aus „Faust I“ einzudampfen. Vom Wuste befreit, um es in Anlehnung an den Prolog zu sagen: „So schreitet in dem engen Bretterhaus  // Den ganzen Kreis der Schöpfung aus, // Und wandelt mit bedächt'ger Schnelle // Vom Himmel durch die Welt zur Hölle." Im Galopp sozusagen geht es zu des Pudels Kern.

Passend -  das Stück beginnt zwischen den Zuschauerreihen, wo sich Direktor, Dichter und lustige Person lamentierend gegenüber stehen, um fröhlich über das Verhältnis von Dichtung und Publikum zu diskutieren. Mit dem Aufforderung „der Worte sind genug gewechselt, lasst endlich Taten sehen“ geht es dann auf der Bühne forsch ans Werk.

Die Zielrichtung scheint klar: „Faust“, die Geschichte eines Mannes in seiner Midlife Crisis, der noch einmal die Welt erobern will und dabei ein junges Mädchen zerbricht. Eine Analyse, die auf historischer, politischer und gesellschaftlicher Ebene bekanntermaßen reich an Beispielen ist. Durch alle Zeiten hindurch. Faust als frustrierter ausgebrannter Wissenschaftler. Wer sein altes Reclam-Heftchen noch zuhause hat, tat gut daran darin zu blättern, schon um sich die eine oder andere Szene in Erinnerung zu rufen. Schließlich steht in Goethes Drama kein Geschwätz. „Dass ich erkenne, was die Welt // Im Innersten zusammenhält“, beklagt Faust die Eingeschränktheit seines Wissens.   Die Regie wirft den aus ihrer Sicht unnützen Ballast über Bord. Schön bildhaft in Szene gesetzt: So überfliegt Mephisto den Dramentext, zerknüllt unter anderem das Blatt mit "Auerbachs Keller", um es in hohem Bogen wegzuwerfen.

Ein Theaterspiel ohne Video, Pulverdampf und Klamauk setzt ein. Die Bühne kein Studierzimmer, sondern Kneipe. Es wird viel geraucht und gebechert. Aber wenigstens sind Goethes Verse geblieben. Zumindest fast. Denn ein bisschen humoriges Neudeutsch wurde schon hinzugefügt, soll es doch allem Elend (inhaltlich) auf der Bühne zum Trotz ab und an etwas zu lachen geben.

Stichwort Rotwein: Faust leert die erste Flasche Wein, greift zur nächsten und stellt weinselig fest: "So kann ich nicht mehr weiter leben. Es muss alles anders werden!" Ein guter Entschluss, doch dem verschlagenen agilen Mephisto, der smart die Kneipe betritt, traut er auch nichts Rechtes zu. Zwar feilscht er noch mit ihm wie mit einem Pferdehändler, doch letztlich kommt ihm der Dreh- und Angelpunkt seines Pakts mit dem Teufel leicht über die Lippen. "Werd´ ich zum Augenblicke sagen: // Verweile doch! Du bist so schön! // Dann magst Du mich in Fesseln schlagen, // Dann will ich gern zugrunde gehen!" Faust glaubt nicht, dass es überhaupt soweit kommt, außerdem ist damit auch diese Zitatenpflicht erfüllt. Im weiteren Verlauf der Inszenierung spielt das Ganze eh keine Rolle mehr.

Seine Ungeduld, seine Rastlosigkeit, sein Hunger nach mehr, mehr und immer mehr, macht ihn zum Agenten einer modernen Gesellschaft (Peter Scior wählt zeitgemäße Garderobe), die vor hemmungsloser Profitmaximierung und besinnungslosem Fortschrittsglauben das Wesentliche des Menschseins aus dem Auge verliert. Bei der Tragödie erster Teil verzichtet Christoph Roos auf (fast) alles Metaphysische. Dafür darf sein Faust sich selbst im Wege stehen, zwar nicht bei der Suche nach Erkenntnis, aber als skrupelloser Egomane, der in seiner Gier nach Genuss, Lust und Befreiung von irdischen Zwängen, willens ist, en passant das Leben anderer zu zerstören. Doch es schlagen auch in dieser Inszenierung aller Egoismen zum Trotz noch immer zwei Herzen in Faustens Brust. Mephisto ist Fausts Alter ego, dem nichts heilig ist: "Ich bin der Geist der stets verneint! / Und das mit Recht; denn alles was entsteht / Ist wert daß es zugrunde geht."

Wie der Verlauf des Stückes auch beweist.  In der Hexenküche lässt der Regisseur Faust und Mephisto ihre Jacken und damit Rollen tauschen. Faust, wird zum Beelzebub und der zu Faust. (Jürgen Herold, Andreas Guglielmetti).  Zwei Seiten einer Person. Die Botschaft hör ich wohl, doch allzu tief ausgearbeitet wirkt diese Szene nicht.  Gretchen (Mattea Cavic)  huscht von Anfang an über die Bühne. Naiv, kindlich klagt sie: "Meine Ruh ist hin, / Mein Herz ist schwer; / Ich finde sie nimmer und nimmermehr".  Nach und nach entwickelt sie sich zum Epizentrum des Geschehens, das sie  jedoch nicht steuern kann. Sie spürt die von Faust/Mephisto ausgehende Gefahr ("Es steht ihm an der Stirn geschrieben, / Dass er nicht mag eine Seele lieben"), ihr geht es Liebe, ihm um ein Abenteuer. Dennoch erliegt sie den Verführungskünsten.

Mutter-, Bruder-, Kindsmord folgen. Im Kerker bekennt sich Margarete letztlich zu ihrer Schuld, gewinnt so als Einzige ihre moralische Freiheit zurück. Faust möchte sie zwar befreien, um sein Gewissen zu beruhigen, sie jedoch weigert sich, da sie erkennt, für Faust nur eine Station auf seinem Weg gewesen zu sein.  Faust lässt die „kleine Welt“ hinter sich zurück und macht sich mit Mephisto auf zu neuen Abenteuern.

Um Religion, Liebe und Wissenschaft geht es in Goethes "Faust". Zahlreiche Deutungsmöglichkeiten tun sich auf, gerade auch in einer modernen Gesellschaft, welche wenig mit der Religion im Sinn hat. Gretchens Frage „Wie hast du’s mit der Religion?" wird in der Gegenwart  zu "Wie hältst du's mit Moral?"  Bei beiden bleibt Faust eine Antwort schuldig, wie  Christoph Roos´ Inszenierung zeigt.

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Aalener Kulturjournal