Florian Illies - 1913. Der Sommer des Jahrhunderts

Florian Illies reist in seiner Kulturgeschichte in das Jahr 1913, das Jahr vor dem Ersten Weltkrieg, in dem unsere Gegenwart begann. Ein "Modernitätsschub" ergreift in diesem Jahr die Welt.

Literatur, Kunst und Musik  fügen sich zu einem  äußerst beeindruckenden Panorama. Monat für Monat blättert Illies auf, spaziert so  durch das Jahr, folgt dem Jahresverlauf, plaudert, liefert Anekdoten. Eine Fülle von Ereignissen, die sich gleichzeitig abspielen, Momentaufnahmen, die uns staunen machen. Wien, München, Berlin,  Paris, Stuttgart und viele andere Städte Europas als Schauplätze.  Hitler und Stalin, die sich nicht einmal bei dem Abschluss des deutsch-sowjetischen  Nichtangriffspaktes getroffen haben,  begegnen sich  bei einem Spaziergang durch den Schlosspark von Schönbrunn, die Studienratsfamilie Braun schiebt stolz den Kinderwagen mit ihrer kleinen Eva durch den Münchner Hofgarten. Franz Kafka entbrennt in Liebe zu Felice,  in einem Brief an sie lässt er sich über Else Lasker-Schüler aus: "Ich stelle sie mir immer  nur als Säuferin vor, die sich in der Nacht durch die Kaffeehäuser schleppt." Die Künstlergruppe Brücke löst sich auf. Gertrude Stein schreibt: "Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose."  Max Weber diagnostiziert die "Entzauberung der Welt", Oswald Spengler den "Untergang des Abendlandes" .Camille Claudel kommt in eine Nervenklinik, die sie die nächsten dreißig Jahre nicht verlassen wird, Virginia Woolf hat ihr erstes Buch fertig, Alma Mahler flieht vor Oskar Kokoschka, Dr. Alfred Döblin sitzt Ludwig Kirchner Modell.

Freud schreibt an "Totem und Tabu" und ist "ergriffen" von seinem eigenen Buch. Zwischen Freud und Jung kommt es zum Bruch. Rudolf Steiner mit Ehefrau Anna und der Geliebten und Getreuen Marie von Sivers.  Musil, Thomas Mann.  Die "Monarchen der Welt"- verwandt, verschwägert- versammeln sich am 24. Mai zur Trauung von Prinzessin Viktoria Luise von Preußen mit Herzog Ernst August von Hannover. Ein Jahr später schicken sie die Völker in blutige Schlachten.  Und noch viel mehr.  Der Leser erfährt außerordentlich viel - Unbekanntes wie Überraschendes- über die ganze  intellektuelle und künstlerische Avantgarde jener Zeit. Geschehen im  Jahre 1913, chronologisch aneinandergereiht. Eine aufwendige kulturhistorische Recherche, beeindruckend, unterhaltsam, stilistisch funkelnd. Und nicht selten mit distanzierend  ironischen Kommentaren.

Politik und Arbeitswelt bleiben aber außen vor. Das Buch will keine Analyse sein, sondern geriert sich als höchst subjektives feuilletonistisches  Arrangement. Einfach brillant.

Allerdings vergisst der heutige Leser nicht,  dass auf das Jahr 1913 das Jahr 1914 folgt, und damit der Ausbruch des Ersten Weltkrieges, nach dessen Ende Europa ein vollkommen anderes Gesicht haben wird.

Ein großartiges Buch. Für die, die sich noch eingehender noch mit all den Genannten beschäftigen wollen, findet sich im Anhang eine Auswahl der Werke, die der Autor verwendet hat.

 

Florian Illies: 1913 - Der Sommer des Jahrhunderts

ISBN: 978-3-10-036801-0

Fischer Verlag

 

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Aalener Kulturjournal