Verlag  "Die Andere Bibliothek", Berlin 2015

 

Der Roman "Eine Straße in Moskau" erschien 1928 in  einem Pariser Exilverlag und machte Ossorgin schlagartig international berühmt. 86 überwiegend realistische, teils parabelartige Szenen gestalten ein beklemmendes Zeitmosaik. Im Zentrum des Romans stehen der betagte Ornithologe Professor Iwan Alexandrowitsch, seine Enkelin Tanjuscha  und deren Umfeld zwischen 1914 und 1920. Meisterhaft beschreibt Ossorgin, welche Folgen der Untergang des Zarenreichs, der Erste Weltkrieg, die Oktoberrevolution mit nachfolgendem Bürgerkrieg und Terror  für die Menschen haben.

Der Siwzev Wrazhek (deutsch: kleiner Graben des Flüsschens Siwka) ist eine besondere Straße in Moskau. Hier lebten der junge Lew Tolstoj, die Dichterin Marina Zwetajewa. Teile des Romans "Doktor Zhivago" von Boris Pasternak spielen in dieser Straße.

Die Oktoberrevolution und der Bürgerkrieg bringen gewaltsam die "Umwälzung der Klassen, (die) Götterdämmerung und (die) Geburt neuer Götzen": die Diktatur des Proletariats. Aber das Proletariat hungert, die neuen Herren nicht. Die Welt ist aus den Fugen, die Menschen physisch und psychisch zerstört. Die "bürgerlichen" Elemente werden "eliminiert". Nach oben gespült nicht selten "Gauner" und "Lumpen".  Hinrichtungen, Plünderungen, Hunger, Angst und Verrohung beherrschen den Alltag. "Jeder steht zur Revolution, wie es ihm zum Vorteil gereicht". Macht und Privilegien werden neu verteilt.

Behutsam - manchmal liebevoll, manchmal voller Wehmut, aber nie mit Abscheu - beschreibt Ossorgin die Menschen, die höchst unterschiedlich mit den gesellschaftlichen und privaten Veränderungen umgehen. Die einen zerbrechen oder nehmen sich das Leben, die anderen passen sich an, machen Karriere. Der alte Professor, weltfremd und vergeistigt, verkauft seine Bücherschätze, um etwas zum Haushalt beizusteuern. Seine Enkeltochter, eine begnadete Pianistin, tritt gegen Lebensmittelrationen in einem Arbeiterclub auf.

Kern des Romans ist die Alptraumszene. "Auf den Scheiterhaufen mit denen, die anders zu denken wagen!" Wahnsinnige Anführer reißen denen, die Verstand haben, die Zungen heraus. Kunstwerke werden zertrümmert. Die alte Welt soll untergehen, Erinnerung vernichtet werden. Ein beklemmendes Inferno. Sinnbild für jeglichen Totalitarismus. Assoziationen kommen da unweigerlich beim Lesen: Der Leser der Gegenwart kann zurückblicken auf ein 2o.Jahrhundert der Barbarei, deren Legitimation politische   oder religiöse Ideologien liefern. Die Tyranneien Adolf Hitlers, Stalins, Mao Zedongs in  China, Pol Pots und der Roten Khmer in Kambodscha, um nur einige der größten Menschenschinder zu nennen. Brandaktuell: der islamistische Terrorismus weltweit.

Ossorgin lässt die Menschen nicht ohne Hoffnung. Das Kommen und Gehen von Naturphänomenen und das Fließen der Zeit bilden einen Kontrast zu den Qualen der Menschen, geben aber gleichzeitig Halt. Mit der ersten Schwalbe im Frühling 1914 nimmt der Roman seinen Anfang. Und er endet mit der Bitte des Professors an seine Enkelin, nicht zu vergessen, die Rückkehr der Schwalben zu notieren. Er habe wohl nicht mehr die Kraft dazu. Denn es kämen vielleicht Zeiten, in denen begriffen würde, "dass das Neue ohne das Fundament des Alten nicht bestehen  kann, dass es in sich zusammenbricht, dass man ohne die Errungenschaften der Kultur nicht weiterkommt, und dass die alte Kultur nicht einfach auf den Müllhaufen geworfen werden kann".  Kein Happy End, aber ein Ende mit leiser Hoffnung und viel Liebe zu Russland und den Menschen.

Ein ganz großer Gesellschaftsroman, ein wunderbares Buch wurde wiederentdeckt, das seinen Platz neben Joseph Roth, Arnold Zweig und Stefan Zweig findet. Allen ist gemeinsam, dass sie die Jahrhunderttraumata in Literatur gegossen haben. Mehr als 80 Jahre alt kommt Ossorgins Meisterwerk erstaunlich jung und frisch daher. Das Merkmal ganz toller Literatur!

Der Autor

Michail Ossorgin (eigentlich Iljin), 1878 in Perm  in eine Adelsfamilie hineingeboren, studierter Jurist, saß unter dem Zarismus als Sozialrevolutionär im Gefängnis, bevor er nach Italien fliehen konnte. 1916  kehrte er zurück, wurde dann  1922 als Kritiker der Bolschewiki ("Eine Knechtschaft löste die andere ab") auf Anordnung von Lenin mit einer großen Gruppe Intellektueller auf dem "Philosophenschiff" mit rund zweihundert Vertretern der "bourgeoisen" Intelligenz und deren Familien verhaftet. Lenin in einem Schreiben vom 17. Juli 1922: "Fort aus Rußland mit ihnen allen ... Einige hundert sind ohne Angabe von Gründen zu verhaften - und ab die Post, meine Herren!" Wer zurückkehren würde, sollte mit dem Tod durch Erschießen bestraft werden. Nach einer Zeit in Berlin ließ sich Ossorgin in Paris nieder und starb 1942 im französischen Chabris auf der Flucht vor der deutschen faschistischen Armee.

 

Michail Ossorgin: Eine Strasse in Moskau

Verlag  "Die Andere Bibliothek", Berlin 2015

 

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