Natascha Wodin - Sie kam aus Mariupol   

   "`Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe...´ - Immer wieder der Kehrreim meiner Kindheit: `Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe...´" –  ein Satz, den die Mutter ständig wiederholt. 

Natascha Wodin kommt im Dezember 1945 als Kind verschleppter sowjetischer Zwangsarbeiter im bayerischen Fürth zur Welt. Aufgewachsen ist sie in deutschen Übergangslagern für "Displaced persons", ohne zu wissen, was dieser Begriff bedeutet. "Die längste Zeit meines Lebens", schreibt sie heute, "hatte ich gar nicht gewusst, dass ich ein Kind von Zwangsarbeitern bin".  Dass sie zu "zu einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war", habe sie dennoch wahrgenommen.

Als sie zehn Jahre alt ist, die Schwester erst vier, nimmt sich die Mutter mit 36 Jahren  das Leben; Natascha kommt in ein katholisches Mädchenheim. Später folgt Obdachlosigkeit, dann die Arbeit als Stenotypistin, Telefonistin, bis sie schließlich eine Ausbildung zur Dolmetscherin  absolviert. Sie übersetzt russische Literatur ins Deutsche, lebt vorübergehend  in Moskau. Das literarische Werk, ab den 1980er Jahren in der Bundesrepublik entstanden, ist deutlich autobiographisch geprägt.

"Ich habe ja mein Leben lang nichts über meine Mutter gewusst und sie dann vor ein paar Jahren plötzlich im Internet entdeckt - zu meinem großen Erstaunen. Ich bin dann ihren Spuren nachgegangen. Das Buch ist auch keine Autobiografie, würde ich sagen. Es ist die Geschichte meiner Mutter, die Biografie meiner Mutter", erklärt die 71-jährige Schriftstellerin. 

Im Reißwolf zweier Diktaturen 

1943 wird die ukrainische Mutter  mit ihrem Mann verschleppt als Ostarbeiterin aus der Hafenstadt Mariupol. Was bleibt der Tochter? Wenige Bilder, eine Heiratsurkunde der Eltern, ausgestellt in Mariupol von deutschen Behörden, eine verblasste Arbeitskarte  und eine russisch-orthodoxe Ikone, von der Mutter durch wechselvolle Zeiten gerettet.  Dazu vage Erinnerungen. Verdrehungen, Verzerrungen, Erfindungen, um sich eine persönliche Identität zu schaffen?, fragt sich Natascha Wodin.

Jahrzehntelang sucht die Tochter vergeblich nach den Wurzeln der Mutter, nach der eigenen Herkunft.   "Sie war vor über neunzig Jahren geboren und hatte  nur sechsunddreißig Jahre gelebt, nicht irgendwelche Jahre, sondern die Jahre des Bürgerkriegs, der Säuberungen und Hungerkatastrophen in der Sowjetunion, die Jahre des Zweiten Weltkrieges und des Nationalsozialismus. sie war in den Reißwolf zweier Diktaturen geraten, zuerst unter Stalin, dann unter Hitler in Deutschland."

Mariupol, eine Hafenstadt im Südosten der Ukraine,  eine Stadt mit alter Kultur und Geschichte, von Natascha Wodin farbig geschildert. Das Bild ihrer Mutter, als junge Frau durch die Stadt flanierend, steigt aus dem Nebel der Vergangenheit. Jenes Mariupol  existiert nicht mehr. Zwischen dem 8. Oktober 1941 und dem 10. September 1943 von der deutschen Wehrmacht besetzt, wird die Stadt  nahezu dem Erdboden gleichgemacht, ein großer Teil der jüdischen Gemeinde der Stadt, 1926 etwa elf Prozent der Bevölkerung, ermordet. Auch eine Freundin von Nataschas Mutter. Viele Mariupoler werden 1942 zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Nach einer Studie des Holocaust Memorial Museums in Washington  beläuft sich im deutschen Reichsgebiet die Zahl der Lager auf 42500, die kleinen und die Nebenlager nicht mitgerechnet, davon  sind 30000 Zwangsarbeiterlager.

 

Unmöglich, dass die Deutschen nicht Bescheid wissen.

Überleben die Menschen die Zwangsarbeit, kehren sie nach 1945 zurück, werden sie des "Vaterlandsverrats" bezichtigt, was einem Todesurteil gleichkommt, da sie mit dem Feind kollaboriert hätten. Laut Stalin sollte der "wahre Patriot" sich der Zwangsarbeit für den Feind  durch Selbstmord entziehen. Sowjetische Kriegsgefangene, die zurückkehren, erleiden nach Kriegsende ein ähnliches Schicksal wie Zwangsarbeiter. Pauschal dem Vorwurf der Kollaboration ausgesetzt, werden sie nach ihrer Rückkehr häufig verfolgt.

Vor vier Jahren beginnt Natascha Wodin im russischen Internet zu suchen, denn sie will eine kleine Erzählung über ihre Mutter schreiben. "Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko" - den Namen ihrer Mutter gibt sie in die Suchmaschine ein, ohne große Hoffnung fündig zu werden. Ein "Konstantin", ein "Meisterdetektiv und besessener Spurensucher", meldet sich, bietet seine Hilfe an, begleitet sie auf der virtuellen Reise durch das blutrünstige 20. Jahrhundert, von Mariupol im Süden der Ukraine bis Karelien im Norden Russlands, von Kasachstan und Sibirien bis Sachsen und Bayern.

Die Recherchen offenbaren, dass Natascha Wodins Mutter aus einem adligen Elternhaus stammt, einem verzweigten ukrainisch-italienischen Familienverband, zerrrieben zwischen den Ideologien. Mit den unterschiedlichsten Schicksalen sieht sie sich konfrontiert: Nicht wenige begrüßen anfangs die "neue, demokratische Zeit". Manche kämpfen für soziale Gerechtigkeit, andere werden verfolgt, wieder andere gar Parteimitglieder. 1917 - drei Jahre nach der Oktoberrevolution kommt Natascha Wodins Mutter zur Welt, "mitten hineingeboren in den Bürgerkrieg, den Terror, den Hunger, die Verfolgung", schreibt die Autorin, sie kam in jenen apokalyptischen Zeiten mit "einer angeborenen Schuld" auf die Welt, "eine Wurzellose von Anfang an". Die adlige Herkunft ein Verbrechen, eine "Erbsünde", die fortwirkt bis in die Gegenwart. Einstige "Blaublütler" und Angehörige der besitzenden Klasse  sind "Volksfeinde", deren Besitz wird geplündert, vernichtet, sie selbst drangsaliert, deportiert, gezielt ermordet. Vergewaltigungen als Verhörmethoden.

Die Angst ist allgegenwärtig, nie wird sie die Mutter verlassen.

Von 1923 bis 1953 - allein für die Zeit von dreißig Jahren - fallen dem  Terror  der Sowjetmacht über 40 Millionen Menschen zum Opfer. Wahre Vernichtungsorgien. Eine katastrophale wirtschaftliche Lage entsteht. Hungersnot. und Seuchen als Folge. Statt Brot hohle Phrasen. "Meine arme, kleine, verrückt gewordene Mutter", so die Schriftstellerin, in ihrer Erinnerung "entrückt in ein unheimliches Schweigen".

Aus den Memoiren ihrer Tante Lidia, von deren Sohn, einem Ingenieur in Sibirien, zufällig auf einem Schrank entdeckt, erfährt die Autorin von Stalins großem Kollektivierungsexperiment Anfang der 1930er Jahre, das später auch als Genozid am ukrainischen Volk in die Geschichte eingehen wird.  "Enteignungskommandos"  nehmen den Bauern alles weg, was sie besitzen, bis zum letzten Hühnerei, zum letzten Getreidekorn. Unter grauenhaften Umständen überlebt Lidia den  Gulag.

1941 überfällt Nazideutschland die Sowjetunion. Zwei Jahre lang ist Leningrad eingekesselt, etwa eine Million Menschen verhungern qualvoll. Sie essen alles, "die Sohlen ihrer Schuhe, Tapetenkleister, Leichen." Hitlers "Unternehmen Barbarossa" soll die Slawen, die nach der NS-Rassenlehre als "Untermenschen" gelten, vernichten, um Platz für die "arische Herrenrasse" zu schaffen. Die Menschen werden gejagt, als Arbeitssklaven nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt. Ganze Dörfer niedergebrannt. Natascha Wodins Mutter landet 1943 in einem Rüstungsbetrieb in Leipzig, bekannt für besonders unmenschliche Arbeits- und Wohnbedingungen. Der Lageralltag - völlige Rechtlosigkeit.  Kommunismus und Faschismus - "Pest und Cholera"!

Die Familie lebt im "Armeleutedreck", als "russisches Gesindel" angefeindet.

Als der Krieg endet, gelingt es Natascha Wodins Eltern, der "Zwangsrepatriierung" in  die Sowjetunion zu entkommen. Wie, weiß die Autorin allerdings nicht, denn diesbezügliche Dokumente  existieren nicht. Anschaulich schildert sie die Zeit in den Lagern, dann nahe Nürnberg, die Verzweiflung der Mutter, deren zunehmende Resignation.  Die Familie lebt im "Armeleutedreck", als "russisches Gesindel" angefeindet. Die Ehe der Eltern wird zur Hölle. Die Mutter verstummt, verfällt dem Wahnsinn. Der Suizid kündigt sich lange vorher an, eigentlich nur Zufall, dass sie ihre Töchter nicht mit in den Tod nimmt.

Am 23. März 2017  erhielt Natascha Wodin,  die heute in Berlin und Mecklenburg lebt. den Preis der Leipziger Buchmesse für ihr Buch "Sie kam aus Mariupol".

"Natascha Wodin forscht nach ihrer Mutter, die im Zweiten Weltkrieg aus der Ukraine nach Deutschland deportiert wurde. Eine literarische Biografie, die an die Geschichte der Zwangsarbeiter erinnert, und eine persönliche Spurensuche, die dem Verlorenen eine Sprache gibt",   lautet  die Begründung der Buchpreis-Jury. 

"Ich wünsche mir, dass möglichst viele vom Ausmaß der Zwangsarbeit im Deutschen Reich erfahren", sagte die Autorin. Zwangsarbeit im Dritten Reich sei nur ein Anhängsel des Holocaust, eine Fußnote der Geschichte Mit dem Buch habe sie lange Versäumtes nachgeholt, so in einem Interview. „Von mir aus könnte jetzt Schluss sein.”  Ihre Art, mit der Geschichte umzugehen, nennt die Schriftstellerin Doku-Fiction.

In ungeheuer ergreifendes, bewegendes Buch, dem man viele Leser wünscht, weil es deutlich macht, welches Unheil Ideologien, gleichgültig welcher Couleur, anrichten.

Hannah Arendt, eine der einflussreichsten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts, selbst Verfolgte des NS-Regimes, fordert „Denken ohne Geländer“ der Systeme, Ideologien und Wunschvorstellungen. Politik begreift sie als „Sache der Freiheit gegen das Unheil der Zwangsherrschaft jeglicher Art.“ 

 

Natascha Wodin

"Sie kam aus Mariupol"

Rowohlt Verlag

 

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