Interview mit dem Pianisten Hans-Roman Kitterer

Beethoven for ever

Viele Geburtstagsfeiern mussten wegen Corona  immer wieder verschoben werden oder fielen aus  -- auch Beethoven blieb hiervon nicht verschont.  In den Jahren 2020 (im Jahr seines 250. Geburtstages)  und 2021 war es in Aalen möglich, ihn ansatzweise in den Mittelpunkt zu stellen. Aufgrund des großen Zuspruchs und Interesses von Seiten des Publikums soll das damalige Programm im nun 252. Geburtsjahr des Meisters nochmals aufgeführt werden, und zwar an  zwei Abenden, dem  10. und 11.6.2022, jeweils 20 Uhr, im Theatersaal des Kulturbahnhofs Aalen. Die Ausführenden sind der Meinung:  "auch Beethoven ist ansteckend!"

Beethoven (Arwid Klaws)  begegnet dabei vielen Figuren jeglichen Standes aus seinem damaligen persönlichen Umfeld, man  lernt sie alle kennen, seine Mutter, seine fürstlichen Förderinnen, seine Liebschaften, auch seine Haushälterin (Margarete Lamprecht). Man erlebt seine Jugend, die Zeit seiner Erfolge, seine Krankheiten und Sterben,  in spannendem  Wechsel mit vielen seiner Klavierwerke aus allen Schaffensphasen (Hans-Roman Kitterer).   Berühmte Klassiker wie "Für Elise",  "Appassionata" und  "Waldsteinsonate" finden ihren Platz in dieser gespielten Biographie, genauso wie Beispiele der späten, sehr persönlichen und oftmals für die damalige Zeit völlig unverständlichen Werke. Die Interpreten wollen die Zuhörer mitnehmen auf eine Reise durch ein Musikerleben und versuchen die Frage zu beantworten:  wie kann ein fast tauber Mensch so wunderbare Musik erschaffen?  Die Mehrheit der Menschheit über die Jahrhunderte kann sich  in diesem Urteil nicht irren!                                                                                                                                                       

 

Beethoven? Warum ausgerechnet Beethoven?

Beethoven ist zurecht einer der größten und spannendsten Komponisten über alle Jahrhunderte, weltweit anerkannt und gerne gehört, auch in den unterschiedlichsten, vom europäischen Kontinent entfernten Kulturkreisen. Er bietet in seinen vielfältigsten Werken etwas für "alle Ohren". Das drückt sich schon aus in seinen "Schlagern", die auch schon Kinder kennen, und der Verwendung einzelner Werke oder Melodien zu den unterschiedlichsten Zwecken, in Film, Werbung, bei U-Musik-Veranstaltungen und privaten Anlässen,  etc.

Für den anspruchsvollen Musiker steht er für den Übergang von der Klassik zur Romantik, und das in sehr natürlicher und zwingender Weise, manchmal vordergründig unbemerkt beim Hören -- in seinen späten Werken sogar zur Moderne, er "überspringt" quasi nachfolgende Entwicklungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. 

Er hinterließ in allen Besetzungen hochqualitative und einfach packende Musik, auch für Laien (einzig für die Orgel, mein Zweitinstrument, hat er nichts Relevantes geschrieben).  Höchst interessant ist für mich darüber hinaus sein Experimentieren mit musikalischem Material und sein Mut, das unerhört zu vermischen (z.B. Fugentechnik des Barock,  atonale Klangkombinationen, das Ausreizen der manualen Klaviertechnik bis zum für damalige Verhältnisse Unspielbaren....). Im Konzert kommen im zweiten Teil des Konzerts  entsprechende Beispiele  vor.

 

Das macht seine Musik so faszinierend, "ansteckend"?

 

Das alles ist "ansteckend". Beim Studium seiner Werke (hier: Klavierwerke) wird plötzlich alles logisch, zwar nicht immer leicht für die Hörer, aber das ist die Aufgabe des Interpreten, es logisch und ästhetisch herüberzubringen, und das geht auch meist. Dabei lege ich Wert auf den modernen Konzertflügel, denn Vieles davon ist dafür konzipiert, obwohl Beethoven noch nichts von den modernen Instrumenten wusste - das Hammerklavier der damaligen Zeit ist "historisch" passend, aber zumindest in meinen Ohren und unter meinen Händen bei vielen Passagen seiner großen Sonaten echt limitiert im Klang, der Wirkung im Gesamten... beim Spielen wird immer wieder offensichtlich, dass ein großer farbenreicher und brillanter Steinway oder Bösendorfer (u.a. Fabrikate natürlich) optimal passen; nicht immer, es gibt auch intimere Werke, die auf alten Instrumenten traumhaft klingen.

Ich bin der Auffassung, der Hörer und der Spieler müssen  es erleben und genießen  können, und die historisch gerechte Instrumentation ist nachgeordnet. Beethoven hätte sich an einen Steinway gesetzt, und nicht an ein Hammerklavier. Wenn er gehört hätte - das war ja leider sein besonderes Schicksal.  Aber:  gerade das ist ja auch das Faszinierende:  er hat mit "innerem Ohr" gehört und komponiert, und irgendwie gewusst, wie es dann real klingt. Und das Ergebnis ist dann eben oft:  farbig, symphonisch, facettenreich, krass,  provozierend, Grenzen auslotend, oft eben orchestral und sanglich gedacht.  Also gut für den großen modernen Flügel.

Und : Beethoven eben auch deshalb  bevorzugt, weil er Pianisten besonders reich bedacht hat, in allen Schaffensphasen als erwachsener Komponist. Klavier ist "sein" Instrument.

 

Das Programm des musikalisch-szenischen Abends spiegelt das wider? Was sind dabei die Highlights?

 

Ich habe viele bekannte und auch unbekanntere Klavierwerke aus allen Schaffensphasen zwischen die Texte bzw. Spielszenen platziert, und zwar so, dass sie zu der jeweiligen Situation passen, einerseits chronologisch, andererseits aber auch teilweise von der Atmosphäre her. Es sind nur Beethoven-Werke, natürlich, und viele mussten gekürzt werden, da sonst der Rahmen gesprengt würde. Es fiel mir nicht leicht, zu kürzen, da alles "schön" und hörenswert ist, insbesondere kommen "Highlights" vor:  Mondscheinsonate, Pathetique, Waldsteinsonate, Appassionata,...  ´"auch kleine Werke, natürlich darunter "Für Elise".  Auch eine kleine "Kompositions-Werkstatt" kommt vor:  wie entwickelt Beethoven aus einem banal einfachen Thema wunderbare Variationen? Eine Besonderheit ist auch, dass einige Stücke zusammen mit ihren jeweiligen Widmungsträgerinnen erscheinen und dadurch quasi personifiziert und auch mal kommentiert dargeboten werden. Meist sind es ja dann weibliche Pendants bei Beethoven, sowohl (bevorzugt junge) Liebschaften oder adlige Mäzeninnen. Sein besonderes Schicksal, dass er dabei nie eine dauerhafte Beziehung eingehen konnte, wird dabei offensichtlich.

Man nimmt als Hörer bzw. Zuschauer an vielen kleinen Szenen aus dem Alltag Beethovens teil und lernt dabei dessen Biographie kennen und verstehen. Die Kurzweiligkeit des Projekts resultiert aus dem ständigen Hin und Her zwischen Spielszenen und Klavierstücken.

 

Mit 252 Jahren ist Beethoven aber nicht mehr ganz so taufrisch. Oder?

 

Beethoven ist auch mit mittlerweile 252 Jahren sehr aktuell und kann immer wieder neu und anders gehört werden. Gerade die Tatsache, dass er sehr viel Wiedererkennungs-Momente in seiner Klangsprache hat, bewirkt, dass kleine Veränderungen in der Interpretation  spannend und erfrischend sind. Und "modern" ist er allemal:  er ließ sich nicht auf die Stile der damaligen Zeit festlegen, war immer am Experimentieren und war oft kompromisslos, er stand für "seine" Sache ein, oft gegen alle Konventionen. Man staunt heute immer noch, wie viel er in den wenigen Jahren seiner Schaffenszeit im Übergang 18./19.Jahrhundert neu entwickelt, verbreitet und anhaltend geprägt hat.  Die sog. abendländische Musiktradition ist grundlegend durch ihn geprägt:  alle großen Sinfoniker oder Komponisten für alle möglichen Instrumente oder Besetzungen beziehen sich auf ihn. 'Viele kamen ihm nicht nahe, einige haben es geschafft und sind selbst "Titanen" geworden (Brahms, Bruckner etc.)

 

Besitzt seine Musik heute noch das bewegende Potential wie zu Lebzeiten des Komponisten?

 

Zu Lebzeiten hat er mit zwei Aspekten auf sich aufmerksam gemacht: In der "Sturm- und Drang-Phase" als unerreichter Virtuose, der alle in Grund und Boden spielen konnte und (finanzkräftige) Förderer in Wien um den Finger wickelte;   und dann als immer mehr in sich gekehrter Komponist, der das, was er "innerlich" empfand und hörte (da durch seine zunehmende Taubheit von der Öffentlichkeit quasi isoliert) zu Papier brachte, in späterer Zeit nie selbst hörte bzw. spielen konnte - und das Erstaunlichste ist, dass er sich dabei immer sicher war, dass es genau so, wie er es nieder schrieb, sein müsse. Die Zeitgenossen verstanden Manches nicht, bzw. bekamen Einiges nie zu hören. Wir heben diese Schätze erst seit dem späteren 19.  und dann im 20. Jahrhundert und dann natürlich in der Gegenwart in ganzer Fülle, da wir die technischen Fertigkeiten und die Instrumente bzw. Aufführungsmöglichkeiten haben. Und darüber sollten wir glücklich sein. also genügend Potential, das bewegt. Er "kann" sowohl wunderschöne Melodien,  Romantik, klassische Ausgewogenheit als auch provokante Ekstatik.

 

Warum lassen Sie an den beiden Abenden nicht die Musik alleine sprechen?

 

Die Musik kann natürlich für sich alleine sprechen. Allein, derartige Formate (Klavierabende, oder zumindest moderierte Konzerte) werden zwar nie aussterben, erreichen aber nicht sehr Viele bzw. unterliegen Vorurteilen wie altmodisch zu sein, oder zu ernst, zu akademisch (was nicht immer stimmt, es gibt sehr spannungsgeladene, auch meditative und wiederum auch unterhaltsame Soloabende)   - aber gerade das ist mein Anliegen:  Menschen auf unkomplizierte, etwas lockerere Art, mit dem Medium Texte und Schauspiel in Kombination mit der Musik, mit Beethoven zusammen zu bringen, sie für ihn zu interessieren und etwas von meiner eigenen Begeisterung zu vermitteln. Ich setze gerne auf "Aha-Effekte", nicht streng wissenschaftlich ausgelegtes Biographisches, emotionale Momente - und dazu eignet sich das Format der musikalisch-szenischen Aufführung, vor allem, wenn die Ausführenden das gekonnt schauspielerisch interpretieren und teilweise improvisieren. Man darf in die Seele Beethovens und einiger Personen aus seinem Umfeld blicken, mitleiden und sich freuen, wie es eben der Situation entspricht. Und das unterstreicht dann noch das passende Klavierwerk. Letztlich kann man sich auch als Musiker viel mehr entspannen, da man nicht immer im Einsatz ist und demgegenüber die Sahnehäubchen setzen darf.

 

 

Erklärt sich Beethovens Musik auch durch seine Biographie?

 

Beethovens Musik erklärt sich zumindest  teilweise durch seine Biographie. In seiner Jugend bzw. ersten Lebenshälfte war er in Wien der gefeierte Virtuose, das sieht man in den Werken (viele Sonaten, hervorgehoben z.B. die "Waldstein"-Sonate, oder ganz besonders die "Appassionata" (die "Leidenschaftliche" ungelogen), die ich an den Anfang und das Ende des Abends stelle, weil sie "den ganzen  Beethoven" vereint, die ideale Sonate schlechthin ist. Dann diverse Werke, die allesamt jungen Damen des Bürgertums und des Adels gewidmet sind (das sind dann auch zumindest teilweise auch real existierende Personen, abgesehen von der "unsterblichen Geliebten'" und anderen, über die immer wieder gemutmaßt wird...).  Und schließlich sehr harte, sehr depressive, düster-dramatische Stücke, beginnend mit der "Pathetique" bis hin zu späten Sonaten, aus denen man immer wieder die Betroffenheit und Frustration über seinen zunehmenden Hörverlust heraushören mag. Genau aus dieser späten Zeit kommen aber wiederum Werke, die das gar nicht ausdrücken und höchst virtuos, aber dann zum Teil für die damalige Zeit unspielbar, sperrig und eben, wie oben erwähnt experimentell, nach Neuem suchend, angelegt sind. Also nicht nur Biographie und Schicksal...  Er wollte ja nach seiner grandiosen, alles übertönenden und jubelnden 9. Symphonie weiter machen, eine zehnte schreiben, und noch vieles andere, ging aber dann an seinen Krankheiten viel zu früh zu Grunde.

 

Sie haben Margarete Lamprecht und Arwid Klaws mit ins Boot geholt. Wie bildhaft wird dadurch Beethoven?

 

Die beiden Schauspieler leben die Texte sehr bildhaft und realistisch -- ich hätte nie gedacht, dass mein Manuskript so sehr zum Leben erwacht.  Einer musikwissenschaftlichen Kritik hält es daher nicht stand, ich habe Fakten aus Beethovens Leben sehr frei interpretiert und Dialoge erfunden bzw. der Situation "angepasst". Beethoven lasse ich immer wieder über sein Inneres sinnieren, und das macht Herr Klaws sehr lebensecht. Frau Lamprecht schlüpft wandlungsreich in die unterschiedlichsten Frauenrollen, das musste sein: seine diversen Liebschaften, die snobistischen adligen Damen, seine Haushälterin.

 

Und wie sehr wird über szenische Mono- und Dialoge seine Musik verständlicher?

Ich weiß nicht, ob seine Musik durch das Projekt verständlicher wird, ich vermute es schon, da Einiges Erklärende und Erläuternde behutsam eingestreut istaber sie wird anders gehört und das Format macht hoffentlich Appetit auf mehr Beethoven.

 

"Seid umschlungen Millionen" - Beethoven kam mit höchst  interessanten Persönlichkeiten zusammen. Mit adeligen Damen auch zum Liebesgeflüster.  Sie erzählen am Klavier musikalisch davon?

 

Beispiele:  Eine junge Dame kommentiert verunsichert die ihr gewidmeten, recht komplexen Variationen im Wechsel mit der Musik,   eine andere redet während des ersten Satzes der Mondschein-Sonate über diese Musik im Dialog mit Beethoven (der sie mutmaßlich mit diesem "Welthit" rumkriegen wollte, aber wieder mal abblitze), auch "Elise" kommt mit dem ihr zugedachten Stückchen zu Wort, und eine Adlige bekommt Unterricht bzw. erlebt zusammen mit den Zuhörern die Kreation wundervoller Variationen aus einem banal anmutenden  Thema . Es war nicht schwierig, solche Szenen zu "erfinden" und mit der passenden Musik zu würzen, Beethovens Biographie ist voll davon (wenn man auch manches frei ergänzen muss und sicherlich in diesem Format darf).

 

Das ist ausgerechnet jene Musik, die heute über die Klassikszene hinaus noch so populär ist?

 

Populär ganz sicher. Beethoven wird gerne "verwendet", uminterpretiert, bearbeitet und für die unterschiedlichsten Anlässe herangezogen (die "Europahymne" ist das wohl weltweit bekannteste Beispiel -- zurecht, wie ich denke, das pochende Thema der 5. Symphonie ist auch reserviert für gewisse Emotionen).

 

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