Alain Claude Sulzer: "Unhaltbare Zustände"

Gegen die Windmühlen der Zeit

Chefdekorateur Stettler arbeitet und lebt seit Jahrzehnten für das alteingesessene Kaufhaus  Quatre Saisons. Knapp 60 Jahre, fleißig, pflichtbewusst, zurückhaltend, Wert legend auf  Umgangsformen, immer mit Schlips und Arbeitskittel. Seit dem Tod seiner Mutter lebt er alleine. Ein Mann, der sich eingerichtet hat in einem überschaubaren Leben ohne Höhen und Tiefen.

Alain Claude Sulzers Roman „Unhaltbare Zustände“ spielt im bewegten Jahr 1968, einer Zeit radikaler gesellschaftlicher Umbrüche.  Selbst im beschaulichen Bern sind die Jugendproteste angekommen.  Sein Protagonist Stettler, unpolitisch, wie er ist,  versteht nicht, „dass sich alles um ihn herum zu verändern begann.“  Die jungen Leute tragen kurze Röcke,  Jeans, lange Haare, hören  „verrückte“ Musik,  demonstrieren gegen das Establishment, liefern sich Straßenkämpfe mit der Polizei. Am Münsterturm weht die Vietcong-Fahne. Die Umgangsformen werden  rauer. Unhaltbare Zustände eben!

 „Wir brauchen frischen Wind“, erklärt Stettlers neuer Chef, denn die Schaufenstergestaltung entspreche nicht mehr dem Zeitgeist.  Neue Wege wolle man gehen, um der Konkurrenz gewachsen zu sein. „ Man hatte sich entschieden, alles auf den Kopf zu stellen.“ 

 

Gut ist, was modern scheint

 

Bleicher, ein junger Kreativer, gilt als  „Mann der Zukunft“. Mit dem Gespür für das Angesagte lässt er  Schauspielschüler ein „Happening“ im Schaufenster, dem „Türöffner zum Tempel“ Warenhaus,  inszenieren als „lebende Werbeflächen“.  „Happenings“, „ Sit-Ins“, beliebte künstlerische Ausdrucksformen der Protestbewegung, mit dem Ziel, das Publikum  zu schockieren,  vermarktet Bleicher  flink.   Als echter „Popkünstler“, der die Kunst mit dem Alltag versöhne, wird Bleicher von der internationalen Presse gefeiert.  Stettler, der die Installationen als menschenverachtend empfindet,  hat ausgedient. Und mit ihm seine Dekorationen, die den Zeitgeist der 50er und 60er spiegeln.  „Wäre Stettler nicht mehr zur Arbeit erschienen, niemand hätte ihn vermisst“, kommentiert der Erzähler lapidar. Der Fortschritt geht über einen Stettler hinweg.

Dieser leidet.  Die Gedanken kreisen nur noch um den Rivalen. „Ich schwanke, ich verliere den Halt unter den Füßen“, klagt er.  Er  fühlt sich von Feinden umgeben, bedroht, verhöhnt, herabgewürdigt. Er spioniert Bleicher nach, träumt von ihm, phantasiert über dessen vermeintliche Unmoral.  „Schmutzige Gedanken“!  Großartig, wie der Autor das seelische Wechselbad seines Protagonisten beschreibt.

 

Eine Chance verspielt

 

Im zweiten Erzählstrang, der sich gekonnt mit dem ersten zusammenschließt, steht Lotte Zerbst, eine Radiopianistin, die Stettler heimlich  verehrt, im Mittelpunkt. Als schüchterne 19jährige aus der deutschen Provinz  kommt sie vor dem Zweiten Weltkrieg  nach Berlin, um ihre Ausbildung bei einem geheimnisumwitterten russischen  Klaviervirtuosen zu vervollkommnen, wird von diesem jahrelang missbraucht. Als Frau ist Lotte ebenso einsam wie Stettler.  Der Erzähler mischt sich in die Handlung nicht ein, zeichnet fein die Figuren, betrachtet sie jedoch nicht selten mit eleganter Ironie. Beider Lebensgeschichten berühren sich, denn  Stettler wagt der Pianistin zu schreiben, welche antwortet, da sie der Tonfall  seiner Briefe  bewegt.  Besessen vom selbstzerstörerischen Kampf gegen Bleicher, zieht Stettler sich jedoch  immer mehr zurück. Selbst Lottes Spiel  im Radio bedeutet ihm nichts mehr.  „Er war nicht mehr der Gleiche, der einst Lotte Zerbst geschrieben hatte.“  Eine Möglichkeit, die er verspielt.

 

Alain Claude Sulzer schreibt keinen gängigen  68er-Roman. Als Kristallisationsort wählt  er den Konsumtempel Warenhaus, in welchem vermeintlich „politische“ Kunst sich entpolitisiert.  Was die historische Realität trifft, wird doch die 68er-Kultur rasch von der Konsumindustrie vereinnahmt, nicht wenige ihrer Slogans  werden zu Slogans in allen Bereichen der Werbung. Die sogenannte sexuelle Befreiung gerät zur  Pornografisierung von  Kindheit und Gesellschaft, auch industriell vermarktet.

Der Roman könnte genauso gut heute spielen. Stettler als engstirnigen „Spießer“ abzutun, ist zu  einfach. Beschreibt das Buch doch, wie sich die Identität eines Menschen, dessen Wertegerüst aus den Fugen geraten ist, auflöst. In der Gegenwart, in der nahezu alle Lebensbereiche ökonomisiert sind,  blüht der globale deregulierte Kapitalismus; dessen Opfer sind in erster die  „kleinen Leute“, zu denen ein Stettler zählt. Der wie aus der Zeit gefallen wirkt, ohne die Fähigkeit der Selbstinszenierung.

Alain Claude Sulzers „Unhaltbare Zustände“  ist ein kluger, auch humoriger, sprachlich brillanter Roman.

 

Alain Claude Sulzer: Unhaltbare Zustände. Roman

Verlag Galiani Berlin, Berlin 2019. 267 S.

 

 

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