Aldous Leonard Huxley zum 123. Geburtstag

Auf dem Weg zur "Brave New World" 

Aldous Leonard Huxley, 1894 als Sprössling einer angesehenen englischen Gelehrtenfamilie in  Goldalming/Surrey zur Welt gekommen, wurde in Eton erzogen und studierte in Oxford.   Anfangs verfasste er Gedichte, war bekannt als scharfzüngiger Journalist, schrieb dann ab 1921 desillusioniert vom Ersten Weltkrieg satirische Romane. 1932 veröffentlichte er die Antiutopie "Schöne Neue Welt", in der er gesellschaftliche Spezialisierung und rationalistischen Fortschrittsglauben kritisiert und die rasch zum Welterfolg wurde. Während der 30er  Jahre trat er für den Pazifismus ein und half jüdischen Flüchtlingen, der  NS-Barbarei zu entkommen.  Ab1937 lebte er in Kalifornien, wo er sich mit fernöstlicher Philosophie beschäftigte. Neben zahlreichen Romanen, Essays, Kurzgeschichten und Reisetagebüchern schrieb er Drehbücher für Filme nach  Romanen von Jane Austen und Charlotte Bronte.  1958 erschien der Kommentar "Brave  new world revisited" (dt. "Dreißig Jahre danach oder Wiedersehen mit der wackeren neuen Welt").  Huxley starb im Jahre 1963.

 

"O Wunder! Was gibt es für herrliche Geschöpfe hier!/ Wie schön der Mensch ist!/ Schöne neue Welt,/ Die solche Bürger trägt!" 

 

Der ironische Titel "Schöne neue Welt" stammt aus Shakespeares Romanze "Der Sturm",  zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman. Wohin geht die Welt, wenn der Mensch Gott spielt?

Der Übersetzer Herberth E. Herlitschka der deutschen Erstausgabe von  Huxleys  satirischem Roman "Schöne neue Welt" von 1932 erklärte in einer Vorbemerkung, warum er  die Handlung des utopischen Romans vom englischen auf den deutschen Boden verpflanzte. "Es ist ganz einerlei, ob einer seinen Somarausch in London  oder Berlin mit einer in Dahlem oder Bloomsbury aufgenormten Beta erlebt." Die keinen Gefallen an diesen "Wonnen" fänden, würden sowieso als "gemeingefährliche Revoluzzer " verbannt. Einem simplen John oder Michel   bliebe hier wie dort nichts anderes übrig, als sich aufzuhängen.  

"New Brave World"  gehört neben George Orwells "Farm der Tiere"  und "1984" zu den bedeutendsten fortschritts- und gesellschaftskritischen Werken des 20. Jahrhunderts. In Huxleys Welt, einer perfekten Welt des Konsums, ist niemand unglücklich.      Eine neue Zeitrechnung existiert:  Die Handlung spielt   im "7. Jahrhundert nach Ford", nach alter Zeitrechnung 2540 nach Christus. Das Jahr Null ist das Jahr, in dem die industrielle Massenproduktion des Ford-T-Modells, das Auto des kleinen Mannes, beginnt. Alter, Armut, Arbeitslosigkeit gibt es nicht mehr. Aber auch keine Freiheit, Religion, Kunst und Humanität. Genauso wenig wie Kriege und Krankheiten. Überall Sauberkeit und Hygiene. Wissenschaft und Technik sind perfektioniert, gelenkt von einem totalen Materialismus.    Der   US-Industrielle Henry Ford (1862 bis 1947) gilt als Begründer der modernen Konsumgesellschaft, wird deshalb wie ein Gott verehrt.  Die Menschen  bekreuzigen sich nicht mehr, sondern schlagen das " T" (das Model T), man flucht "mein Ford" und nicht "mein Gott".  Die "Schöne neue Welt"  ist totalitär, aber nicht gewalttätig. 

 

"Be happy!"

"Gemeinschaftlichkeit, Einheitlichkeit, Beständigkeit"  heißt die Maxime des utopischen Staatsgebildes, in dem an die Stelle Gottes und der Religion die Idee von Massenproduktion und -konsum getreten ist.  "Be happy!", so der Imperativ einer konsequent verwirklichten Konsum- und Wohlstandsgesellschaft. In der völlig "formierten" Gesellschaft  ist das Glück genormt, Individualismus "asozial. Wer das nicht "begreift", gilt als  "Wilder". Ein Alptraum der Glückseligkeit. Menschen werden nicht mehr geboren, sondern in  Retorten künstlich produziert, vor ihrer Geburt bereits mittels exakter wissenschaftlicher Methoden auf ihre künftige Lebensform festgelegt,  das heißt einer der fünf Kasten (Alpha bis Epsilon) zugewiesen.  Nach der "Entkorkung" bringt man ihnen in der Konditionierungsabteilung  dann mithilfe von Krach und Elekroschocks die Angst vor Blumen und Büchern bei. Denn in  der schönen neuen Welt ist Lesen Zeitverschwendung, statt sich  an  der Schönheit von Blumen zu erfreuen, sollen die Menschen konsumieren.  

 

Kinder zu Strauchdieben machen

 

Vorbild für Huxleys Konditionierungsabteilung  ist  eines der grausamsten Experimente  in der Geschichte der Psychologie: Der amerikanische Psychologe John B. Watson, Begründer des Behaviorismus, untersuchte mit naturwissenschaftlichen Methoden, wie äußere Reize auf das Verhalten von Menschen und Tieren einwirken. Für Watson, beweisen wollte, dass Lebewesen nur durch ihre Umwelt geprägt werden, war der Mensch nur eine biologische Maschine. "Geben Sie mir ein Dutzend gesunder Kinder, gebt mir meine eigene  spezielle Welt, in der ich sie aufziehen kann,  und ich verspreche euch, dass ich aus jedem beliebigen, den ich herausnehme und trainiere, jede mögliche Art von Spezialisten machen kann:  Arzt, Rechtsanwalt, Künstler, Kaufmann, ja sogar Baggerführer oder Dieb, und das u völlig unabhängig von seinen Talenten, Neigungen, Tendenzen, Fähigkeiten, Berufungen oder gar der Rasse seiner Vorfahren", rühmte er sich, gab aber später zu, dass er übertrieben habe. Im Jahr 1920 führte er sein  Experiment mit dem elf Monate alten  „Little Albert“ (so nannte ihn Watson damals) durch. Wie die meisten Kleinkinder hatte Albert Angst vor lauten Geräuschen, aber nicht vor Tieren. Watson zeigte ihm  eine weiße Ratte. Direkt hinter Alberts Kopf schlug er mit einem Hammer gegen eine Eisenstange, gerade wenn der Kleine die Ratte berühren wollte. Nach sieben Wiederholungen fing das Kind schon an zu weinen, wenn es nur die Ratte sah. Fünf Tage später reagierte Albert mit Angst auf einen Hasen, einen Hund und auf einen Seehundfellmantel, aber nicht auf unähnliche Dinge. Mit diesem Experiment zeigte Watson, dass Ängste durch äußere Einflüsse entstehen können.  

 

Das Problem Glück lösen

 

Haben die Geschöpfe der schönen neuen Welt die Grundkonditionierung hinter sich,  folgt die Hypnopädie. 12 Jahre lang werden sie mit "Heutzutage ist jeder glücklich!" im Schlaf dauerberieselt.  Das Ziel:"Das Problem des Glücks" ist zu lösen, "das Problem, wie man Menschen dahin bringt, ihr Sklaventum zu lieben". Die Familie ist abgeschafft, Wörter "Mutter", "Eltern"  getilgt. Tiefer kann eine Frau nicht fallen, als schwanger zu werden. Promiskuität ist angesagt, jeder geht mit jedem ins Bett. Sex und die Glücksdroge Soma betäuben. Gefühle sind nicht gestattet. Zweifel an der moralischen Integrität einer Person kommen auf, falls sie zu lange mit ein und derselben Person zusammen ist.

Der  "Wilde" John Savage, aufgewachsen in einem von einem Elektrozaun umgegebenen Indianerreservat in einer abgelegene Gegend, Bernard Marx mit einem "Fabrikationsfehler" behaftet, sodass er nicht seiner zugedachten Kaste entspricht, und  Helmholtz Watson, geistig zu überlegen, erfüllen nicht Vorschriften der schönen neuen Welt. Savage und Helmholtz planen eine Revolte, die scheitert: Helmholtz und Bernard müssen ins Exil, Savage bleibt nur der Selbstmord als Ausweg. "Ich brauche keine Bequemlichkeit. Ich will Gott, ich will Poesie, ich will wirkliche Gefahren und Freiheit und Tugend. Ich will Sünde!", bekennt Savage.

 

Menschen sollen ihre Knechtschaft lieben

Unter dem Eindruck des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkrieges sowie dem  Einsatz der Atombombe fügte Huxley im Jahr 1946 seinem ursprünglich als Satire gedachten Roman ein Vorwort hinzu. Thematisch ähnlich wie der in den späten fünfziger Jahren verfasste Essay „Wiedersehen mit der Schönen neuen Welt“. Hierin analysiert  Huxley die Tendenz zur Zentralisierung staatlicher Macht, ihre Ursachen und Wirkungen.

Der rasante technologische Wandel werde  in einer Massenproduktionswirtschaft einer „weitgehend eigentumslosen Bevölkerung“ stattfinden. „Wirtschaftliche und soziale Wirren“ wären zwangsläufig die Folge. Neue totalitäre Regime  seien wahrscheinlich anders als die alten Gewaltregime, so Huxley. Nicht nur inhuman – was keinen wirklich störe – sondern auch bewiesenermaßen ineffizient. „In einem Zeitalter der fortgeschrittenen Technologie ist Ineffizienz die Sünde wider den Heiligen Geist“. Ein effizienter totalitärer Staat sei einer, „wo die allmächtige Exekutive der politischen Bosse und ihre Armee von Managern über eine Bevölkerung von Sklaven herrschen, an denen kein Zwang ausgeübt werden muss, weil sie ihre Knechtschaft lieben.“ Diese Liebe zu erzeugen, sei Aufgabe von Propagandaministerien, Chefredaktionen und Schulen.

 

Individuen standardisieren

 

„Die Liebe zur Knechtschaft kann nicht ohne eine tiefe, persönliche Revolution im menschlichen Geist und Körper erreicht werden.“ Konditionierung der Kinder, Verwendung  von Drogen zur Narkotisierung. „Das menschliche Produkt“ müsse standardisiert werden.

Im Vorwort betont Huxley, dass er im Lichte neuer Erkenntnisse das Buch ganz anders geschrieben hätte. Neben den darin dargestellten zwei alternativen Gesellschaftsformen – das wahnsinnige Leben in Utopia und das Leben eines Primitiven in einem Indianerdorf, „das in mancher Hinsicht menschlicher, aber in anderer Hinsicht kaum weniger seltsam und abnormal ist“ – hätte er eine dritte Möglichkeit menschlichen Zusammenlebens unterbreitet, die von dezentraler Ökonomie und kooperativ-anarchistischer Politik geprägt sei. In dieser Gesellschaft wären Wissenschaft und Technik „wie der Sabbat“ für den Menschen gemacht,  umgekehrt „wie in der ‚Schönen neuen Welt‘“. Bei gleichzeitiger Hinwendung zu fernöstlichen Heilslehren. Huxlexy selbst experimentierte  zunehmend mit Drogen zur "Bewusstseinserweiterung". Selbstvernebelung mittels Drogen als "spirituelle Entwicklung"? Eine Errungenschaft im Vergleich zur gelenkten Vernebelung des mit Drogen abgefüllten "Plebs"? Drogen und Mystizismus als Befreiung? Eine höchst merkwürdige Geistesblüte!

 

"Es verachtet Verstand und Wissenschaft des Menschen allerhöchste Gaben - es hat dem Teufel sich ergeben und muß zu Grunde gehn."

 

Mit diesem frei umgestalteten Zitat aus Goethes "Faust" beschreibt der Philosoph Hegel ein menschliches Bewusstsein, in das "der Erdgeist gefahren"sei, das sich der Magie hingibt. Damit bezieht sich Hegel auf eine schadenfrohe Bemerkung Mephistos über Faust: "Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, Des Menschen allerhöchste Kraft, Laß nur in Blend- und Zauberwerken Dich von dem Lügengeist bestärken, So hab' ich dich schon unbedingt." Und sie endet: "Und hätt' er sich auch nicht dem Teufel übergeben, Er müßte doch zugrunde gehn!" Faust bekennt ausdrücklich: "Mich ekelt lange vor allem Wissen."  "Vernunft und Wissenschaft" verachtet er, weil ihm die "graue Theorie" nicht  das  Leben in seiner  bunten Fülle nahezubringen vermag. Kopflos folgt solch ein Mensch seinen Launen und Trieben.

In seinem 1985 erschienenem Buch "Wir amüsieren uns zu Tode" beschreibt der 2003 verstorbene Professor für Medienökologie Postman die kulturellen, sozialen und gesellschaftlichen Folgen des Fernsehens. Die Medien würden zunehmend nicht nur bestimmen, was wir kennenlernen und erleben, wie wir Wissen ausbilden, sondern auch was und wie wir denken, was und wir empfinden, was wir von uns selbst  und von anderen halten, lautet seine These. An die Stelle der Erkenntnis und Wahrnehmungsanstrengung trete das Zerstreuungsgeschäft. Die Folge sei ein rapider Verfall der menschlichen Urteilskraft. Der Mensch werde unmündig und halte an der Unmündigkeit fest. Die Das Fundament der Demokratie  würde dadurch angetastet werden.

 

"Wir amüsieren uns zu Tode."

 

Postman beschreibt, wie eine ausgeprägte Buch- und Vortragskultur im Amerika des 19. Jahrhunderts auch einfache Menschen in den Stand versetzt habe, mit Sachkompetenz Dinge des öffentlichen Lebens zu diskutieren. Das Ergebnis sei, so Postman, ein allgemeiner Gedankenaustausch gewesen, der die Demokratie in starkem Maße prägte. Doch diese Kultur der ernsthaften Erörterung sei beschädigt. Im Grunde wurde alles zur Unterhaltung: Berichte über ferne Naturkatastrophen und Kriege würden in erster Linie zum Zeitvertreib konsumiert. Im letzten Kapitel seines Buches "Wir amüsieren uns zu Tode" vergleicht Postman ausführlich die beiden Antiutopien von Orwell und Huxley. "Es gibt zwei Möglichkeiten, wie der Geist einer Kultur beschädigt werden kann. Im ersten Fall - Orwell hat ihn beschrieben - wird die Kultur zum Gefängnis; im zweiten Fall - ihn  hat Huxley beschrieben - verkommt sie zum Varieté." Orwell  Werk sei unersetzlich, weil er darauf beharre, dass es keinen großen Unterschied mache, von welchen Ideologien sich die Wärter leiten ließen. Die Gefängnismauern seien gleich unüberwindlich, die Überwachung gleich streng, der Personenkult sei stets universell. Huxley habe gezeigt, so Postman, dass im technischen Zeitalter die kulturelle Verwüstung weit häufiger die Maske grinsender Betulichkeit trage als die des Argwohns oder des Hasses.

 

Das Volk verlangt nach dem "Großen Bruder"

 

In Huxleys Prophezeiung sei der Große Bruder gar nicht darauf erpicht, seine  Sklaven zu sehen. Hingegen seien diese darauf erpicht, ihn zu sehen. "Wächter, Gefängnistore oder Wahrheitsministerien sind unnötig. Wenn ein Volk sich von Trivialitäten ablenken lässt, wenn das kulturelle Leben neu bestimmt wird als eine endlose Reihe von Unterhaltungsveranstaltungen, als gigantischer Amüsierbetrieb, wenn der öffentliche Diskurs zum unterschiedslosen Geplapper wird, kurz, wenn aus Bürgern Zuschauer werden und ihre öffentlichen Angelegenheiten zur Varieté -Nummer herunterkommen, dann ist die Nation in Gefahr - das Absterben der Kultur wird zur realen Bedrohung."

Huxleys 1931 veröffentlichter Roman  ist ein zeitloser Klassiker,  ein zeitloses Plädoyer für die mündige Gesellschaft. Pieke Biermann schrieb überaus treffend:  "Mit Utopien, wissen wir nach dem Jahrhundert der Gewalt, ist das so eine Sache: Manche wären besser nie Realität geworden. Aldous Huxley, der erst durch die Welt und dann in die USA gezogene englische Schriftsteller, wusste das schon 1931 - bevor die beiden größenwahnsinnigsten Konzepte einer "neuen Welt" und des dafür zu formenden "neuen Menschen" ihre ganze mörderische Kraft entfaltet hatten. Totaler Utopismus endet in Totalitarismus. Kreative Denkanarchisten haben ein Gespür für die Folgen, wenn Menschenmögliches wirklich wird." (Deutschlandradio/ 24.09.2013)

Postman  lieferte seine Analyse 1985, die den Zustand der amerikanischen Gesellschaft darstellte. Diese Diagnose von Neil Postman ist heute noch gültiger denn je.    Und zwar nicht nur für die USA!

 

 

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Aalener Kulturjournal