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Alexander Osang: „Das Leben der Elena Silber“

Ritt durch ein ganzes Jahrhundert

In dem über 6oo Seiten starken  Roman „Das Leben der Elena Silber“ erzählt der Journalist und Autor Alexander Osang in epischer Breite seine Familiengeschichte zwischen Deutschland und Russland, über fünf Generationen. Autobiografisch grundiert. Figuren und Geschehen sind überwiegend historisch.  Kristallisationspunkt ist die Biografie der Großmutter Elena mütterlicherseits,  um welche sich das Geschehen rankt. Mehr als zwanzig Jahre nach deren Tod, macht sich ihr Enkel, der Filmemacher Konstantin Stein, Alter Ego des Autors, auf Spurensuche.

„Die neue Zeit rollte an wie eine dunkle Welle und riss sie alle mit. Am heftigsten aber traf sie Lena. Sie war zweieinhalb Jahre alt. Die Welle trug sie durch ein ganzes Jahrhundert, sie ritt ganz oben, dort, wo der Schaum war.“

Die Handlung setzt ein  1905 in Russland und endet im Berlin der Gegenwart. Elena wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Jelena Krasnow in Gorbatow,  der kleinsten Stadt Russlands, rund 400 Kilometer östlich von Moskau am Fluss Oka, geboren. Deren Vater Viktor, „Seiler, Revolutionär, Held“, wird von betrunkenem „Mob“ auf bestialische Weise ermordet. Das tatsächliche Los von Osangs Urgroßvater. Die Familie flieht, um nicht dasselbe Schicksal zu erleiden, kommt bei einem Kampfgefährten des Vaters, einem „Taugenichts, Sprücheklopfer und Weiberheld“, unter. Der die Stieftochter vergewaltigen wird. 1918, die „neuen Herrscher“ haben nun das Sagen, kehren sie zurück, um später von denselben wieder vertrieben zu werden. Warum, wissen sie nicht. Von Kapitel zu Kapitel wechseln die Zeitebenen:  Vergangenheit und  Gegenwart greifen ineinander, geben einen  panoramischen Blick auf das blutrünstige 20. Jahrhundert. Traumatische Erlebnisse, die bis heute nachwirken und das Leben der nachfolgenden Generationen belasten. Ohnmacht, Hilflosigkeit, Angst – psychische Folgen, die weitergegeben werden.  Von Alexander Osang „Dämonen“ genannt.

 

Apokalyptischen Zeiten

 

Zarismus, Oktoberrevolution, die Jahre des Bürgerkriegs, Terror, Hunger, Verfolgung. Zweiter Weltkrieg, Nationalsozialismus, Stalinismus. Apokalyptischen Zeiten. „Menschen ändern sich nicht. Nur die Umstände änderten sich“, kommentiert der Erzähler lakonisch.

Der inzwischen 43jährige Konstantin Stein, einst von der Mutter als Wunderkind gehandelt, steckt beruflich wie privat in einer Krise. Von der Mutter seines zwölfjährigen Sohns Theo lebt er getrennt. Seine Eltern, einst „Ostberliner Boheme“, werden alt. Der Vater leidet an Demenz, wird von der Mutter in einem Pflegeheim untergebracht. Zwischen Mutter und Sohn besteht ein hohes Konfliktpotential, vom Vater kommentiert mit den Worten: Deren Mutter Jelena gekannt zu haben, erkläre alles.

Im Rahmen der „Neuen ökonomischen Politik“ Lenins sollen Fachleute aus dem kapitalistischen Ausland die durch  die Kriegs-, Revolutionswirren und die  Politik der Bolschewiken am Boden liegende  Wirtschaft aufbauen. So lernt Jelena den deutschen Ingenieur Robert F. Silber, ihren späteren Mann, in der Textilfabrik kennen, in der sie als Sekretärin arbeitet. Ein Mann mit Einfluss. Der Wendepunkt in Jelenas Leben. Mit ihm zieht sie nach Moskau, flieht über Leningrad ins faschistische Berlin, schließlich ins niederschlesische Sorau, wo Silbers Eltern eine Textilfabrik besitzen, führt dort ein großbürgerliches Leben. Welche Aufgaben ihr Mann, NS-Parteigenosse, der in der jungen Sowjetunion wohl auch mit dem Geheimnisdienst zusammengearbeitet hat, wahrnimmt, weiß Jelena, die keine Fragen stellt, nicht. Fünf Töchter kommen zur Welt, von denen eine bereits im Kindesalter stirbt. Hausmädchen und Kindermädchen der Familie kommen aus dem  Konzentrationslagers Christianstadt, ein  Außenlager des KZ Groß Rosen, in welchem Tausende jüdischer Frauen und Mädchen inhaftiert sind. Zunehmend zeigt sich im Laufe des Romans, dass Robert F. Silber tief in die Nazi-Verbrechen verstrickt ist. Während Eltern und Schwestern vor dem Einmarsch der Russen in den Westen fliehen, verschwindet Robert F. Silber spurlos in den Kriegswirren unter mysteriösen Umständen. Elena und die Kinder, die längere Zeit unter prekären Verhältnissen von der Mutter getrennt sind, verstört zu ihr zurückkehren, stranden letztlich in  Ostberlin.  Elena selbst bleibt ihr Leben lang eine Fremde, versteckt sich vor der Welt, wie es im Roman heißt. Während die Töchter, über deren Leben sie mit eiserner Härte wacht, sich im real existierenden Sozialismus versuchen einzurichten. Eine jedoch flieht in den Westen, eine andere nimmt sich das Leben. Nach dem Ende der DDR muss die Familie sich  neu zurechtzufinden. Wie die  ganze Gesellschaft. 

 

Ein sehr persönliche Geschichte

 

Alexander Osang schildert, wie die Geschichte der erlebten Gewalt  fortwirkt in Töchtern wie Enkelkindern, welche alle mehr oder weniger mit dem Leben nicht zurechtkommen. Wie ein düsterer Schatten liegt die Vergangenheit über ihnen. Der ganze „Irrsinn der Familie Silber“, kommentiert Konstantins Ex-Frau.

„Das Leben der Elena Silber“ sei das grundsätzlichste und privateste Buch, was er bisher überhaupt geschrieben habe, berichtet der Autor in einem Interview.  Viele Jahre habe er dafür recherchiert, die Orte besucht, in denen die Großmutter gelebt hat. Verwandte in Ost und West aufgesucht.  Indem er die Geschichte des Jahrhunderts, welche unlösbar mit der seiner Familie verbunden sei, verstehe, wolle er sich  selbst besser verstehen.

Wobei der Roman vor allem in Ostdeutschland und Russland handelt, wo Konstantin Stein dem Urenkel des Mörders seines Urgroßvaters begegnet. Absurd sei es, dass sich dieser Mann, ein Geschichtslehrer, für eine Tat entschuldigt, die über hundert Jahre zurückliegt und mit ihnen nichts mehr zu tun habe, denkt Konstantin. Während die noch in Russland lebenden Stiefgeschwister unverhohlen ihren Groll äußern, macht der im Westen lebende Neffe Elena für das Verschwinden Robert F. Silbers verantwortlich. Je unerfreulicher die Lebensverhältnisse und je dichter zeitlich an den Geschehnissen, umso unversöhnlicher sind die Menschen. Abgestreift haben sie die Vergangenheit alle nicht.

Alexander Osangs „Das Leben der Elena Silber“  thematisiert nicht nur das sogenannte Private, sondern schaut weit über diesen privaten Tellerrand hinaus. In umfangreichen stimmigen Dialogen kommen die Romanfiguren zu Wort, erzählen von den Lebenswirklichkeiten, in welche sie eingebunden sind. Deutlich wird, welche psychischen Beschädigungen Krieg und Totalitarismus hinterlassen.

Alexander Osang: „Die Leben der Elena Silber“

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main

 620 Seiten.

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Aalener Kulturjournal