Alexander Pschera

Vergessene Gesten

Die Geste, Bewegung des Körpers, des Kopfes, der Hände, die zwischenmenschliche Kommunikation  begleitend. Auch nonverbal. Wie sich Emotionen  ebenfalls in Gesten spiegeln. Signale, die wir unentwegt, ob wir wollen oder nicht, aussenden. Die von Kultur zu Kultur verschieden sein können. Von welchen allerdings in den letzten hundert Jahren nicht wenige verschwunden sind.

Für den Autoren und Publizisten Alexander Pschera Anlass, mit seinem Buch "Vergessene Gesten, 125 Volten gegen den Zeitgeist" geistreich und elegant dagegenzuhalten. Der Schriftsteller Martin Mosebach,  selbst ein "genialer Formspieler auf allen Feldern der Literatur" (2007 Georg-Büchner-Preis 2007) führt brillant in den kulturgeschichtlichen Kontext  von "Sprache und Geste" ein.

Pschera erzählt von vergangenen Gepflogenheiten. Zwischen "Blutsbrüderschaft schwören" und "Familiengrab besuchen" deckt er zahlreiche Bereiche des menschlichen Lebens ab, in denen Gesten eine Rolle spielen, helfen können, das menschliche Miteinander leichter zu gestalten, indem Rituale vertraute Abläufe und somit Vorhersehbarkeit schaffen. Sind "Knicks", "Diener", das "Lupfen des Hutes", einst Zeichen der Ehrerbietung auch für Fremde,   längst aus der Mode, so gehe man heute "zeichenlos" aneinander vorbei. Katzen und Hunde begrüßten sich mit ausführlichen Ritualen, konstatiert der Autor. Die heutigen Menschen "sind  sozial weniger verbindlich als die Tiere, was im Grunde genommen eine Schande, ein Skandal ist." Häufig heiße es nur noch: "Alder, was geht?"

Wer sammle im Zeitalter der "digitalen "Instantfotografie" noch Urlaubsbilder in Alben, schaffe sich so ein "privates Gedächtnis"? Auch Tagebuchschreibschreiben sei out, der neumodische "Blogger" verdränge den altmodischen "Diaristen".  "Posts" für das Web versus Selbstvergewisserung im Verborgenen. Pschera erinnert an das Aussterben von  "Verlegenheitsgesten" wie das Drehen eines Hutes in der Hand, was zu fatalen  Gesten wie der "Merkel-Raute" geführt habe, an den subtilen Unterschied zwischen dem deutschen "Haltung" und dem französischen "Contenance" bewahren, an das schön klingende altmodische "Pardon", aber auch, was es heißt, jemanden zu "schneiden" oder "hinauszukomplimentieren".

Rituale geben Halt

Auf  185 Seiten plaudert Alexander Pschera über 125 kulturelle und gesellschaftliche Phänomene, denen jeweils ein Abschnitt gewidmet ist, für sich lesbar und zum Schmökern verleitend. Amüsant,  leicht snobistisch. Durchaus aber ein wenig wehmütig.

Rituale vermitteln Halt, setzen Grenzen. Fallen sie weg, bleibt Verunsicherung, die zur verbalen Verrohung, gar zu physischer Gewalt führen kann. Der Kulturhistoriker, Religionsphilosoph wie maßgeblicher Ideengeber der Weimarer Klassik Johann Gottfried Herder sieht wie nur wenige weitere Aufklärer den Menschen als ein Wesen, welches aufgrund seiner Veranlagung höchst gefährdet sei, abzustürzen in die tiefste Barbarei. Wie leicht, eine Gesellschaft verrohen kann, erleben wir gerade wieder. Allein deshalb sollte uns grundsätzlich die Alltagshöflichkeit nicht gleichgültig sein. Gegenmittel gegen die Selbstgefährdung des Menschen ist nach Herder die Bildung. Die zwar zur Zeit Dauerthema ist, über deren Inhalte jedoch wenig Konsens besteht, für manche Bildungsapologeten nicht mehr bedeutend als ein Mausklick. Satirisch überzeichnet liefert Alexander Pschera  eine treffende Definition der "Geschichte der abendländischen Bildung": "Erst lernte man `Schillers Glocke´ auswendig, dann konnte man alle Strophen von Blowin´in the wind´  singen, heute braucht man für `Atemlos durch die Nacht´ einen Karaokemonitor." Rituale können gerade für die Bildung eine zentrale Rolle spielen, schaffen sie durch die Vermittlung von Orientierung und Sicherheit das unerlässliche Fundament.

Alexander Pschera trauert nicht dem Verlust erstarrter Rituale nach. Sein Essay lässt sich auch als Plädoyer wider den lärmenden Zeitgeist,  wider die "schrankenlose Ich-Manie, die in unserer Gesellschaft vorherrscht" lesen. Und als Plädoyer, dem Leben mit persönlicher Würde, mit Haltung zu begegnen. Galten im Gefolge der 68er-Bewegung Manieren als spießig, sogar als Repressionsinstrument der Bourgeoisie, so zeigen heutige Jugendliche wieder großes Interesse am Erlernen sozialer Kompetenzen, wie sich gutes Benehmen nun nennt. Sodass die in die Jahre gekommene 68-Generation die "Jugend von heute" nicht selten als "junge Spießer" abqualifiziert. Einführend betont Martin Mosebach zurecht, dass die "Geste" älter sei als die Sprache, ihr sogar vorangehe und dass das Leben sich nach rätselhaften Gesetzen immer wieder erneuere. Mit ihnen die Gesten als soziales Phänomen. Das letzte Wort soll die Schriftstellerin Sybil Gräfin Schönfeldt haben: „Wer trotzdem unverdrossen bei Moral und Manieren bleibt, lässt die Sterne weiter funkeln. Und wir brauchen Licht, um den Weg unseres Lebens zu erkennen.“

Alexander Pscheras  liebevoll ausgestattetes und fein illustriertes  Buch "Vergessene Gesten"  ist ein informatives Schatzkästlein.     



Alexander Pschera, "Vergessene Gesten. 125  Volten gegen den Zeitgeist"

 

Mit einem Vorwort von Martin Mosebach und 12 Illustrationen von Leandra Eibl.

ISBN 978-3-903244-00-9

192 Seiten, 22 Euro.

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Aalener Kulturjournal