Anja Baumheier: „Kastanienjahre“ 

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Im vergangenen Jahr debütierte  Anja Baumheier  mit ihrem Roman "Kranichland", eine tragische Familiengeschichte aus der Zeit des geteilten Deutschlands.

Mit ihrem zweiten Roman „Kastanienjahre“ bleibt die Autorin nun dieser Thematik treu.

Ihre Protagonistin Elise Petersen, aufgewachsen in  den 60er Jahren in dem fiktiven Dorf Peleroich  an der mecklenburgischen Ostseeküste lebt seit 20 Jahren in Paris, wo sie eine kleine Boutique im Montmartre führt.  Ein Foto  mit der Überschrift: „Vergessene Orte  im Osten – Findet sich ein Investor oder bleibt am Ende nur der Abriss?“ konfrontiert sie mit der Vergangenheit. Zeitgleich erhält sie anonyme Briefe, welche den frühen Tod ihres Vaters und das Verschwinden ihrer Jugendfreundes Jakob in ein anderes Licht rücken.

Auf rund 400 Seiten schildert Anja Baumheier das Leben der Bewohner des mecklenburgischen Dorfes. Den Alltag der Menschen im „real existierenden Sozialismus“, während und nach der Wende.  Die Geschichte sei frei erfunden, habe aber eine reale Hintergrundfolie, erzählt die Autorin in einem Interview. Auf Fahrten durch das Brandenburger Umland sei sie an unzähligen Dörfern vorbeigekommen. „Verfallene Häuser, verwaiste Bushaltestellen, einsame Dorfplätze, baufällige Kirchen und verwitterte Gaststuben. Wie war das passiert? Wie sah es hier vor der Wende aus? Wo sind die Menschen hin? Was wird mit den Dörfern geschehen? All diese Fragen waren Ausgangspunkt für die Geschichte von Peleroich.“

Der Roman spannt einen großen Bogen: Die Handlung  beginnt im Jahr 2018  in Paris, in Berlin. Zeitebenen und Orte wechseln. Rückblenden in die 50er, 60 Jahre in die junge DDR, unterbrochen durch Einschübe aus der Erzählgegenwart, verdeutlichen, wie eng Alltagserfahrungen und historische Geschehnisse, Vergangenheit und Gegenwart verwoben sind. Beschrieben von einer allwissenden Erzählerin in schlichter stimmiger Sprache.

 

Im Mikrokosmos Dorf spiegelt sich die DDR

 

Am 7. Oktober 1949 wird in der sowjetischen Besatzungszone die DDR gegründet, ein SED-Einparteienstaat ohne Gewaltenteilung, der sich zur Ideologie des Marxismus-Leninismus bekennt, dessen  Herrschaftsanspruch alle Lebensbereiche - und zwar von der Wiege bis zur Bahre - durchdringt. Wie auch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), die "Stasi", allgegenwärtig ist.  Denn, um mit dem Spötter Heinrich Heine zu sprechen, „dem Volk, dem großen Lümmel“, ist nicht zu trauen. Eine „Erziehungsdiktatur“ soll den neuen sozialistischen Menschen hervorbringen.  Die Industrie wird verstaatlicht, die Landwirtschaft kollektiviert. Am 17. Juni 1953  kommt es zu einem „Volksaufstand“, bedingt durch die prekäre Versorgungslage. Während die herrschende Klasse privilegiert ist. Um die  Massenflucht in den Westen zu unterbinden, wird Anfang der 60er Jahre die Mauer gebaut. Das Land abgeschottet. Wer nicht wollte wie die Partei, wurde überwacht, verfolgt, gar inhaftiert. Die innerdeutsche Grenze wird de facto zum Todesstreifen.

Das Dorf Peleroich ist ein Mikrokosmos. Ludwig Lehmann, Bürgermeister und SED-Aktivist, privilegierter Wartburgfahrer, will aus Peleroich ein sozialistisches Vorzeigedorf machen. Seine Methoden: Bevormundung,  Einschüchterung.  Da sich Isolde, Elises Großmutter, gegen die „Kollektivierung der Landwirtschaft“ wehrt, auch kleine Höfe, seit Generationen in Familienbesitz, werden enteignet, steht Lehmann zusammen mit drei unbekannten Männern in ihrer Einfahrt. „Isolde! Willst du die Letzte sein, die sich gegen den Fortschritt wehrt? Willst du dich ewig querstellen?“, ruft er in sein Sprachrohr. Versorgungsengpässe bei Nahrungsmitteln wie Konsumgütern anzusprechen, ist gefährlich. Wie gefährlich, muss Elises Großvater Willi erleben, der deshalb an den „Genossen Ulbricht“ einen Brief schreibt, den Bürgermeister  Lehmann vom Postboten konfiszieren lässt. Die Menschen lernen sich einzurichten in dem Widerspruch zwischen Sagen und Denken.

Karl und Christa, Elises Eltern,  lernen sich kurz nach der Gründung der DDR  kennen. Christa wird Lehrerin, Karl Förster, sein Traumberuf von Kindheit an. 

"Dann kam die Mauer in Berlin. Bürgermeister Lehmann hatte die Errichtung des antifaschistischen Schutzwalles, wie er ihn nannte, mehrfach euphorisch gutgeheißen. Dadurch sei eine imperialistische Aktion der Bundesrepublik gegen die DDR vereitelt  worden.“  Mit Ludwig Lehmann will nach der Wende niemand mehr etwas zu tun haben. Karl, ein durch und durch geradliniger Mensch,  weigert sich in seiner „Funktion als Förster“,  die Grenzanlagen  zu „sichern“ und zahlt dafür einen hohen Preis. Er wird zum Kanalarbeiter degradiert, beginnt zu trinken.

 

Man kann niemandem vertrauen

 

Die DDR war eine durch und durch militarisierte Gesellschaft. „Die Beziehungen der Kinder zu den bewaffneten Streitkräften werden vertieft“, ist im  „Bildungs- und Erziehungsplan“ für vier- und fünfjährige Kinder in den „Krippen“ zu  lesen. Konkret bedeutet das: Indoktrination. So  zeichnet die kleine Elise im Kindergarten Panzer und Soldaten, lernt ideologische Phrasen wie „Grenzbeobachtungstürme für unsere Sicherheit“. Paramilitärische Rituale  in der Schule wie Fahnenappelle, die Jungen Pioniere, die FDJ, die sogenannte „Freie Deutsche Jugend“ (FDJ), die sozialistische Jugendweihe –  die Wirklichkeit  der jungen Elise.

Abweichendes Verhalten wird bestraft. Auch durch Sippenhaft. Elises linientreue Klassenlehrerin Eva Mrotzek fällt in Ungnade, da sie zu ihrem Sohn hält, der "Die Gedanken sind frei“ an die Wand geschrieben hat.  Was ausreicht, um ihn verdächtig zu machen.

Henning und Jakob, Elises Jugendfreunde, sind die Lieben ihres Lebens. Der ernste Henning, mit dem sie eine Tochter haben wird, und der charmante Frauenliebling Jakob, der wie sie vom fernen, für DDR-Bürger unerreichbaren Paris träumt, einen Ausreiseantrag stellt, spurlos verschwindet. Henning kehrt traumatisiert aus der  NVA zurück, quält sich, da er einen Kameraden, der fliehen wollte, verraten habe. Vielleicht ist es  eine Falle gewesen, meint Elise. Denn niemandem konnte man trauen, weder Familie noch Freunde, was am Ende des Romans sich zeigen wird. 

Die noch Lebenden treffen sich schließlich Jahre später im verlassenen Peleroich, der anonyme Briefeschreiber  gibt sich zu erkennen.  Es sind nicht die Personen, welche Elise im Verdacht hatte. Sondern ein Mensch, dem sie völlig vertraut hat. Der seine bittere Wahrheit erzählt: Ein in Peleroich agierender Fluchthelferring sei aufgeflogen, die  Stasi habe ihn erpresst, gedroht, das Leben seines Sohnes zu zerstören. Auch Jakobs Schicksal und das von Elises Vater klärt sich in diesem Zusammenhang.                                                                 

Mit alten und neuen echten „Dörflern“ habe sie sich getroffen,  sich deren Geschichten erzählen lassen,  so Anja Baumheier. Welche die Wende nicht selten auch  als existenzielle Verunsicherung, als Ohnmachtserfahrung erlebt haben. Eine Geschichte von der Liebe zwischen Menschen, zu den Orten der Kindheit, zu Erinnerungen habe sie zudem schreiben wollen. Wie vom Umgang mit der Vergangenheit. „Vielleicht war es an der Zeit, nach vorne zu schauen und das Alte loszulassen“, sagt am Ende Elise.

Das Wissen über das Leben in der DDR ist nicht selten lückenhaft. Mit ihrem Roman „Kastanienjahre“  macht Anja Baumheiers  ein düsteres Kapitel  deutsch-deutscher Geschichte lebendig, indem sie persönliche Schilderungen fiktionalisiert.  Ein gut geschriebenes Buch, spannend wie ein Krimi zu lesen.

 

Anja Baumheier, „Kastanienjahre“

448 Seiten

Rowohlt Verlag

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Aalener Kulturjournal