Anja Baumheier: "Kranichland"

Von der  Macht menschenverachtender Ideologien 

Mit ihrem Generationenroman "Kranichland" gelingt Anja Baumheier ein überzeugendes Debüt. Die Autorin beschreibt die Geschichte einer Familie in der DDR. Der Roman spielt in erster Linie im Ost-Berlin der sechziger Jahre, schlägt aber den Bogen zurück in die Vergangenheit, von der Kriegszeit, der Vertreibung, dem Wiederaufbau  und der Gründung der DDR bis hin zur Wende und Gegenwart. Die Protagonisten: Elisabeth und Johannes Groen, die Töchter Charlotte, Marlene und Theresa. Die Romanhandlung beginnt mit einem unerwarteten Ereignis. Theresa, die Jüngste, erbt "das ehemalige Haus ihrer Eltern von ihrer totgeglaubten Schwester".

Anja Baumheier entwirft ein Erzählpuzzle, das sich Stück für Stück zusammenfügt zu einem  verstörenden Bild. Erforscht wird die Vergangenheit einer Familie, welche "einen Fehler durch eine Lüge zu verdecken" versucht hat. Fragen über Fragen, mit denen Theresa und Charlotte sich konfrontiert sehen.

Die Eltern heiraten 1949. Der Vater, elternlos und aus Schlesien vertrieben, macht im Ministerium für Staatssicherheit Karriere, glaubt "nach der schrecklichen Zeit des Krieges den richtigen Weg eingeschlagen zu haben". Die Partei ist ihm geistige Heimat. Die Gründung der DDR bedeutet für ihn "Neuanfang und Hoffnung". 

Er findet in der Partei den Halt, den er nie hatte. Johannes wird zum  dogmatischen Parteisoldaten, der den Belangen der Partei wie verlangt sein ganzes Leben unterordnet. Was zur Entfremdung zwischen dem Ehepaar führt. Elisabeth, die als Krankenschwester arbeitet, verliebt sich in den Arzt Dr. Anton Michalski, der sich, um der Stasi zu entkommen, in den Westen absetzt.  Im Roman kommt ihm eine entscheidende Rolle zu.  Die älteste Tochter Charlotte ist der ganze Stolz des Vaters, während Marlene, die Unangepasste in der Familie, mit den "falschen Leuten" zusammenkommt, einen hohen Preis dafür zahlen muss. Sie wird ausgelöscht.

Micky Maus als imperialistische Hetzpropaganda

Den Leser erwartet keine Analyse der DDR, vielmehr erzählt die Autorin von den Auswirkungen einer Diktatur auf das Leben der Menschen. Dazu viel Kolorit der untergegangenen  DDR: Die Indoktrination der Kinder zu kleinen Parteisoldaten, was bei der ältesten Tochter Charlotte perfekt gelingt. Der 17. Juni mit dem Ruf der Bevölkerung nach freien Wahlen. Die Paranoia der Parteiführung. So gilt bereits der Besitz eines Micky Maus Heftes als "imperialistische Hetzpropaganda",  aktiviert die Stasi. Marlene gerät "ins Gefängnis wegen versuchter Republikflucht", erlebt Demütigungen, Folter, Psychoterror, bringt dort ein Mädchen zur Welt, bekommt mitgeteilt, dass das Kind nach der Geburt gestorben sei.

Hier nimmt der Roman eine überraschende Wende.  Erschütternd auch, wie unmenschlich die schwangere Marlene als Häftling - auch während der Geburt - behandelt wird. Marlene wird für tot erklärt, an den Westen verkauft.  Johannes unter Druck gesetzt, bedroht, damit er sich auf das perfide Spiel einlässt. "Du weißt doch, dass Westdeutschland Häftlinge freikauft. Wir werden unliebsame Bürger 

los, haben wieder mehr Platz in den Haftanstalten und bekommen Devisen aus dem Westen." Mit denen könne der Sozialismus stabilisiert werden, bekommt er von seinem Chef Kolja erklärt. Nebenbei erfährt er, dass selbst ein Stasimann der ersten Stunde - wie er -  überwacht wird, und zwar von Anfang an. 

"Vielleicht wäre es tatsächlich eine Möglichkeit, sich an die Presse in Westdeutschland zu wenden und die Wahrheit öffentlich zu machen. Aber würde  man ihm glauben? Ihm, einem verdienten Parteigenossen, einem hauptamtlichen Mitarbeiter? Zuviel hatte er sich schon zuschulden kommen lassen, zu tief steckte er mit drin. Hatte er nicht selber Leute verraten und ausspioniert, sie ans Messer geliefert und Familien auseinandergerissen? Nicht aus bösem Willen, das nicht, sondern für die Sache, die gute Sache." Johannes zweifelt, verzweifelt, resigniert, macht weiter wie eine Marionette. Marlenes Leben ist zerstört, völlig traumatisiert verliert sie im Westen jeglichen Halt, leidet unter den Folgen der Haft, erkrankt psychisch schwer. "Hatten wir eine Wahl?", fragt sich Johannes. 

Die Stasi ist überall

Mit ihrem  Roman "Kranichland" erzählt Anja Baumheier DDR-Geschichte, die nicht in Geschichtsbüchern steht:  Kindesdiebstahl, Zwangsadoption, Menschenhandel. Immer noch ein Tabuthema. Politisch unliebsamen Eltern wurden die Kinder geraubt, für tot erklärt, von Parteimitgliedern adoptiert.

Mit großem psychologischem Gespür und Einfühlungsvermögen zeigt die Autorin, wie Menschen dazu gebracht werden mitzuspielen, zeichnet deren Motive literarisch nach. Inhaltlich bleiern schwer, sprachlich wunderbar leicht. Johannes hat Angst um  Marlene, nimmt heimlich mit Anton Michalski Kontakt auf, damit dieser sich in West Berlin um  sie kümmert. Der DDR gegenüber bleibt Johannes dennoch loyal, hat sie ihm doch einst Tür und Tor geöffnet. Sein Schicksal ist unauflösbar mit der Existenz des Regimes, welches ihm Macht und Privilegien verleiht, verbunden. 

Genug Antrieb, um nicht aufzubegehren. Nach der Wende unterstützt Johannes Marlene selbst. Zu einer klärenden Aussprache zwischen Eltern und Tochter kommt es nie, zu groß sind die seelischen Verletzungen.

Die ständige Überwachung durch die IM der Staatsicherheit, selbst im Freundes- wie  Familienkreis, führte zu allgegenwärtigem Misstrauen und Sprachlosigkeit. Vom Staat so gewollt. Atmosphärisch dicht spiegelt das der Roman.

Die DDR gibt es nicht mehr. Das Leiden aber hinterlässt Spuren. Dass die Opfer der SED-Verbrechen in der Tat unter psychischen und körperlichen Langzeitschäden leiden, erläutert der Psychotherapeut Stefan Trobisch-Lütge in seinem Buch „Das späte Gift – Folgen politischer Traumatisierung und ihre Behandlung“.

 

Die  Traumata der Opfer können sich auf nachfolgende Generationen übertragen. Anja Baumheier gibt ihnen eine Stimme.  

 

 

Anja Baumheier: "Kranichland"

Rowohlt Verlag

Euro 19,95

(ab 13. März 2018 im Buchhandel)

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Aalener Kulturjournal