Aphra Behn: „Oroonoko oder der königliche Sklave“

Manifest gegen den Sklavenhandel

Ein Roman mit autobiografischem Hintergrund, verfasst von Aphra Behn (1640-1689), Schriftstellerin, Spionin und Feministin. Zu Lebzeiten begeistert gefeiert, gerät sie in Vergessenheit. Zu unkonventionell, zu schillernd, die Feder zu spitz. Dazu noch als Frau. Als Kind lebt sie eine Zeit lang mit ihrer Familie in der damals englischen Zuckerkolonie Surinam, deren Wirklichkeit sie in ihrem bekanntesten Roman verarbeitet. Früh verwitwet, ohne finanzielles Auskommen ist Aphra Behn zunächst gewissermaßen ehrenamtlich als Spionin für Charles II. in den Spanischen Niederlanden tätig, bis sie die Schriftstellerei zum Beruf macht. Kurz nach Shakespeare schreibt sie Gedichte, Theaterstücke, die zu Bühnenerfolgen werden und ist als Übersetzerin tätig. Die Themen: Sklaverei, Politik, Doppelmoral.

Ihr bedeutendstes Werk, das der Anti-Sklaverei-Bewegung wichtige Impulse verleiht, ist indes der im Jahr vor ihrem Tod veröffentlichte Roman „Oroonoko“, eine wahre Geschichte, wie die Erzählerin betont, welche von einem schwarzen Prinzen und seiner Braut erzählt, die als Sklaven nach Surinam verschleppt werden.  

Die Erzählung besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil, der in Afrika spielt, handelt von der innigen Liebe zwischen Oroonoko, „dem schwarzen Mars“, Enkelsohn eines afrikanischen Königs, hochgebildet, von europäischen Lehrern unterrichtet, und Imoinda, der „schwarzen Venus“, Tochter des königlichen Generals: Beide vollkommen, ein Wunder an Tugend und Schönheit, von den Göttern füreinander bestimmt. Der König, ein uralter gieriger Greis, der „viele Frauen und Konkubinen“ sein Eigen nennt, will die wunderschöne junge Frau besitzen.  Da sie ihn verabscheut, verkauft er sie als Sklavin. Wie es auch in dem Land grundsätzlich Sitte ist, Gefangene in die Sklaverei zu verschleppen. Oroonoko, letzter männlicher  Nachkomme des Königs, die zahlreichen Söhne, welcher dieser gezeugt hat, sind alle bei kriegerischen Auseinandersetzungen umgekommen, wird aufgrund eines Treuebruchs, ein englischer Kapitän lockt ihn in eine Falle, nach Südamerika verkauft, wo der zweite Teil der Erzählung handelt. Dort begegnen Oroonoko und Imoinda einander wieder, um am Ende ein grauenhaftes Schicksal zu erleiden. Im Roman detailliert und voller Abscheu geschildert. Berichtet wird auch, wie Sklavenhandel funktioniert. Jedes Wort, jeder Satz zeigt, wem die Sympathie der Autorin, welche in der Sklaverei eine Machtfrage sieht, gilt und wie sehr sie die Sklavenhändler verachtet. 

„Alle Frauen müssten gemeinsam Blumen auf Aphra Behns Grab streuen..., denn sie war es, die ihnen zuerst das Recht errang zu sagen, was sie denken“

 

Dem Vergessen entrissen wird Aphra Behn im 20. Jahrhundert durch  die englischen Schriftstellerinnen Virginia Woolf und Vita Sackville-West. Hätte Shakespeare eine Schwester gehabt, ebenso begabt wie er, wie wäre es ihr ergangen? Die zentrale Frage, der Virginia Woolf 1928 in ihrem gesellschaftskritischen Essay „Ein Zimmer  für sich allein“  nachgeht.

Trotz schöpferischen Potentials wäre diese gescheitert, denn Voraussetzung seien finanzielle wie geistige Unabhängigkeit, versinnbildlicht durch ein eigenes Zimmer. Gleichzeitig fordert Virginia auf, weibliche Literaturgeschichte zu erforschen. „Alle Frauen müssten gemeinsam Blumen auf Aphra Behns Grab streuen..., denn sie war es, die ihnen zuerst das Recht errang zu sagen, was sie denken“, ist in dem Essay zu lesen. Die entscheidende Stelle stellt der Verlag dem Roman voran.  Zudem  mehrere Essays zur Seite, welche Einblick geben in Leben und Wirkungsgeschichte der Autorin wie des Romans.

Aphra, „die Einzigartige“, nennt Vita Sackville-West, die wohl Virginia Woolf auf diese aufmerksam gemacht hat, sie bewundernd. Kein weiblicher Shakespeare sei sie gewesen, ihre Bedeutung liege gleichwohl darin, dass zum ersten Mal eine Frau vom Schreiben habe leben können.

Ein frühes literarisches Manifest gegen den Sklavenhandel ist  Aphra Behns „Oroonoko“.       Weit voraus ihrer Zeit. Kein bekannter erfolgreicher Schriftsteller habe sich zu dem Thema geäußert, erklärt die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Angeline Goreau in ihrem Essay. Auch  sei der Roman  Auftakt für die Verbindung zwischen Abolitionismus und Feminismus. „Wenn alle Frauen frei geboren sind, wie kann es dann sein, dass Frauen als Sklaven geboren werden?“, fragt  Mary Astell 1706.  Und im 19. Jahrhundert schließen sich  Feministinnen in ihrem Kampf für die Rechte der Frauen mit Gruppen zusammen, welche für die Abschaffung der Sklaverei kämpfen.

 

Aphra Behn, „Oroonoko“

Roman

256 Seiten

Aus dem Englischen von Susanne Althoetmar-Smarczyk

und Susanne Höbel

Unionsverlag, Zürich 2022

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Aalener Kulturjournal