Astrid Seeberger - Nächstes Jahr in Berlin

"Die Toten bleiben in  unserem Leben zurück"

Astrid Seeberger, 1949 in Süddeutschland geboren, wandert 1967 im Alter von 17 Jahren nach Schweden aus. Weg will sie von der Mutter mit dem traurigen " Flüchtlingsgesicht", weg aus diesem Land mit der entsetzlichen Vergangenheit. Schweden sei für sie das Land gewesen, in dem die Ideale der Französischen Revolution am meisten verwirklicht seien, in dem es sich als Frau leichter leben ließe. Dort studiert sie Philosophie, Theater- und Filmwissenschaft sowie Medizin, wird eine der führenden Nierenspezialistinnen Schwedens. Das Schwedische wurde zu Astrid Seebergers neuer Muttersprache.

Kindheit und Jugend verbringt sie in Sindelfingen bei Stuttgart. In ihrem  2016 erschienenen autobiographischen Roman "Nächstes Jahr in Berlin" erzählt sie die Geschichte ihrer Mutter Rosa. Sehr schwer zu erreichen sei diese gewesen, habe immer eine große Einsamkeit ausgestrahlt. "Der Tod ist nicht endgültig. Die Toten bleiben in  unserem Leben zurück", heißt es im Buch, welches versucht eine Nähe herzustellen, die  zu Lebzeiten der Mutter unmöglich ist. Die eigentliche Motivation für dieses sehr persönliche Buch. Hineingeboren ist die Mutter in eine großbürgerliche Familie in Ostpreußen. Ein Flaneur, ein Frauenheld, der einem König glich, ein Mann von "lässiger Eleganz" sei der Vater gewesen. In jungen Jahren preußischer Offizier, der sich in die Großmutter verliebt habe, obwohl diese in der Jugend Kommunistin gewesen sei, wegen ihr habe er das Militär verlassen.   "Weil sich in ihrem schwarzen, taillenlangen Haar der  der Himmel spiegelte." Ihrem späteren Mann, dem Vater der Autorin, erzählt Rosa bei dem ersten Treffen, "dass sie wunderbares Leben in einem wunderbaren Land geführt hatte." Eine rückblickende Verklärung des Vaters.

Gedächtnis ist eine höchst unsichere Sache

Die einzige Zeit, in der Astrid Seebergers Mutter in ihrem Leben glücklich ist, endet mit dem Beginn  des Nationalsozialismus. Der Großvater, zu sehr Weltbürger, zu Hause in Königsberg, Berlin, St. Petersburg, ist ein Gegner des Regimes. Mit den jüngeren Geschwistern müssen die Eltern fliehen, während die Tochter zum Arbeitseinsatz eingezogen ist, erzählt ihr die Mutter. Eine Geschichte, die wie Alois, ein katholischer Priester, Freund des verstorbenen Vaters, der Autorin berichtet, nicht ganz so stimmt. Über Dresden, knapp dem Feuersturm entkommen, schlägt Rosa sich  irgendwie nach Süddeutschland durch.  Wirklich glücklich ist sie nach dem Krieg  nicht mehr. Die Vergangenheit lässt sie nicht los. .Erinnerungen  sind trügerisch, das Gedächtnis ist eine höchst unsichere Sache. Oder das Gewesene wird bewusst beschönigt, um es erträglicher zu machen. Die Wahrheit: Die ständigen Eskapaden des Großvater lassen nicht nur seine Frau verstummen, rücksichtslos stiehlt er dem ältesten Sohn Bruno, der im Krieg ist, die Braut. Bruno bricht mit dem Vater, mit der ganzen Familie, verschwindet, ohne eine Spur zu hinterlassen. Rosa kennt die Gründe, schweigt aber. Ihre eigene Mutter trauert um den Sohn, meint, er sei gefallen. Die Restfamilie findet nach dem Krieg kurze Zeit wieder zusammen in "Augustenruh", einem verfallenen Gutshof in einem "gottverlassenen Nest" nahe Ostberlin. 

Freigeister unerwünscht 

Die Autorin erlebt dort ihre Mutter als entspannt, glücklich, ein anderer Mensch. Ein Leben wie in Ostpreußen scheint möglich, ist aber eine Illusion. Eine neue Diktatur schwingt sich in den Sattel: das SED-Regime. Ewald, der zweite Bruder, aus England zurückgekehrt, um am Aufbau einer neuen Gesellschaft mitzuwirken, merkt schnell, dass Freigeister wie er unerwünscht sind. Die Mauer wird gebaut. Und Ewald bei einem Fluchtversuch "am antifaschistischen Schutzwall" erschossen.  Rosa zerbricht innerlich endgültig. Einen Verlust nach dem anderen muss sie erleiden. Die Heimat, beide Brüder, einen geliebten Mann, das gemeinsame Kind - davon weiß die Erzählerin nichts oder so gut wie nichts.

"Alles  war ihr verloren gegangen, alles, was ihr lieb und teuer war. Und das Schlimmste war, sie war selbst daran  schuld",  zitiert sie Alois, den sie kurz vor ihrem Tod aufsucht. Als Strafe? Weil sie sich zur Komplizin des Vaters machen ließ? Die Autorin selbst hat  den Großvater als Seelenverwandten erlebt, der das kleine Mädchen ernst nimmt, ihre Leidenschaft für Bücher teilt, sie stützt. "Am wenigsten verstehe ich Großvater", sagt die Erzählerin, nachdem sie die Wahrheit erfahren hat. Schreibend vermag sie sich  nun mit der Mutter zu versöhnen, da sie diese in einem anderen Licht sieht.

Eine leises Buch, welches  einen in seinen Bann zieht.

 

Astrid Seeberger; Nächstes Jahr in Berlin

Arche Verlag

Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal