Atlas Obscura

Ein Panorama unerwarteter, bizzarer und mysteriöser Dinge  

(AK) Sieben Seiten Register, zwei Seiten Bildnachweis, 480 Seiten dick, und sage und schreibe 1380 Kilogramm schwer! Nicht unbedingt ein Reiseführer für den Rucksack, obwohl sich das ansehnliche Werk "Atlas Obscura" nennt. Wer hier bereits abwinkt und stattdessen lieber auf die bunte Welt der Datenflut des Internets verweist, sollte innehalten, denn er liegt völlig falsch. Wie übrigens auch all jene, denen ein Atlas noch von früher schwer auf dem Gemüt liegt. Suchen, blättern, suchen, blättern. Nicht immer war es einfach zu finden, was gefunden werden sollte. Im analogen Zeitalter manchmal gar eine regelrechte Herausforderung. Welch ein Glück, dass Google und Co heuer die digitale Wunderwelt bereithält? Sicher nicht. Denn wer den "Atlas Obscura" in die Hand nimmt, diese "Liebeserklärung an die Welt, in der wir leben" - wie die Autoren  Ella Morton, Joshua Foer und Dylan Thuras ihren Bildband selbst nennen, erlebt Erstaunliches, darf man doch zu über 700 höchst obskuren Orten abtauchen, sich ihnen mithilfe von mehr als 600 Fotografien, Karten und Berichten  nähern.

 

Per GPS durch irdische Galaxie

Eine wahre Fundgrube für Entdecker und Wissenshungrige! Und zugleich ein höchst un gewöhnlicher Reiseführer, der Abenteuer in Europa, Asien, Afrika, Australien, Ozeanien, Kanada, USA und Lateinamerika verspricht. Wer es kälter mag: Auch gerne in der  Antarktis. Beispielsweise bei den Blutfällen im Viktorialand - eisenhaltiges rotes Wasser, zur Leninbüste, die inmitten einer Eiswüste über eisige Monotonie wacht. Selbst für Kunstliebhaber gibt es am Südpol noch etwas zu entdecken, den antarktischen Skulpturenpark in Davis-Station im Prinzessin-Elisabeth-Land. Und wer nicht so genau weiß, wo das nun ist, der findet unter allen Tipps die notwendigen Kenndaten. Für den Skulpturenpark einfach ins Navi eingeben: S 68.576206 / O 77.969449. Doch Vorsicht, die Autoren verweisen ausdrücklich darauf, dass alle GPS-Daten nur Annäherungswerte sind. Sicher ist, irgendwie findet man sein Ziel. Manchmal gar auch dann, wenn es tief unter der Erde liegt, wie in Turda. 100 Meter unter der Erde gibt es eine alte Salzmine, bereits von den Römern ausgebeutet,  bietet sie immer noch genügend Salzvorrat.  Dazu große unterirdische Halle mit Riesenrad, Minigolfanlage und Kegelbahn. Wer´s gruseliger mag, Transsilvanien liegt gleich in der Nachbarschaft. 

Von silbernen Schwänen, schwimmenden Schweinen und Rattenkönigen

"Glück beginnt, wenn wir verstehen, dass ein Leben ohne Wunder  nicht lebenswert ist", meinte einst der jüdische Religionsphilosoph Abraham Joshua Heschel. Diesbezüglich erweist sich der "Atlas Obscura" als regelrechte Wunderkammer voll bizarrer und mysteriöser Orte. Seite um Seite erweitert dieses ausnehmend gut gemachte Buch den eigenen Horizont auf ganz altmodische, weil analoge Weise.

Wer beim "Silbernen Schwan" auf der ersten Seite beginnt, verbeißt sich schnell in eine seltsam schräge Welt, die oft so unglaubwürdig wirkt, dass erst die Bilder von der tatsächlichen Existenz überzeugen. Ob es nun um das juwelenbesetzte Skelett der Heiligen Munditia in der Münchner Peterskirche geht, den Rattenkönig von Nantes, die geheimen Gänge der Seidenhändler von Lyon oder die Geisterflotte von Truk Lagoon  (Guam).

Erstaunlich, was menschliche Kultur hervorzubringen imstande ist. Aber eben nicht nur! Denn die Natur  schafft manchmal gar Unfassbareres. Beredetes Beispiel, der kunterbunte Fly Geyser in Nevada, die Dschungeloase Tapón del Darién in Panama und der Pig Beach auf der Bahama Insel Big Major Cay.  Dort  stürzen sich ganze Rotten "schwimmender Schweinen" in die warmen Fluten. Aber Achtung! Wer sie beobachten möchte, sollte für die Borstentiere immer gekochte Kartoffeln dabei haben.

 

In einem Rutsch durchlesen, danach durchstöbern

Die im Atlas Obscura beschriebenen Orte sind freilich nicht nur schön und faszinierend wie die Waitomo-Höhlen (Australien), in denen Millionen von Glühwürmchen im Larvenstadium einen Sternenhimmel an die Höhlendecke zaubern. Es darf durchaus auch mal schön makaber sein. In Rumänien gibt es den "Cimitirul Vesel", den "fröhlichen Friedhof" mit lustigen Inschriften auf den Grabsteinen. Auf einem illustriert eine Zeichnung, wie der Verstorbene gerade von einem Lastwagen platt gemacht wird. Auf einem anderen steht die Bitte: "Unter diesem Kreuz liegt meine Schwiegermutter … Bitte passen Sie auf, dass Sie sie nicht aufwecken, denn wenn sie nach Hause kommt, wird sie mich wieder beschimpfen."

Selbstredend gedenken die Autoren auch  Exzentrikern dieser Welt. In Tschernobyl und in Colorado bauen sie sich Stein um Stein Burgen in den Garten, in  Spanien verbringt ein Mönch sein Leben damit, eine Kathedrale zu errichten und in New Mexico gräbt einer zum Spaß Höhlen in den Boden.

 

Der "Atlas Obscura" ist so obscur, dass es sich lohnen würde, ein Buch über ihn zu schreiben. Schließlich lieben Menschen nun mal das Außergewöhnliche und das findet sich in diesem Atlas  als kleine und große Wunder hervorragend beschrieben wieder. Eine  dringende Warnung ist dennoch von Nöten: Wer im "Atlas Obscura" zu lesen beginnt, kann nicht mehr aufhören. Erst einmal angefangen, will man schließlich alles wissen über das höchst exotische Sammelsurium aus Kindlifresser, Sahara-Auge und Voodoo-Ritual. So bleibt letztlich  nur die Qual der Wahl vergnügt aber ordentlich den Atlas Land für Land zu durchqueren oder die darin verborgenen Abenteuer kreuz und quer aufzustöbern.

 

INFO

Atlas Obscura

Mosaik Verlag

ISBN 978-3-442-39318-3

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Aalener Kulturjournal