Ayesha Harruna Attah: "Die Frauen von Salaga"

Wenn Sklavin und Herrin von Freiheit träumen

Erzählt wird in dem Roman "Die Frauen von Salaga"  die Geschichte zweier Frauen im vorkolonialen Ghana: Die  der Sklavin Aminah  und die der Häuptlingstochter Wurche, deren  Wege sich kreuzen. 

Die „atemberaubend schöne“ Aminah wird als ruhig und besonnen charakterisiert. Die willensstarke knabenhafte Wurche trägt Männerkleidung, die Haare kurz.  Beide möchten für Frauen kulturell gezogene Grenzen überschreiten. Aus weiblicher Perspektive, und zwar aus der Aminahs und Wurches, erzählt  Attah  in schlichter eindringlicher Sprache über Sklaverei in Ghana. Kapitel um Kapitel, eine Frau folgt im steten Wechsel auf die andere,  deren Gedanken und Worte verlebendigen die Geschehnisse. Vergleichbares gab es noch nicht.

Inspiriert für ihr Buch ist die Autorin von dem Schicksal ihrer Ur-Ur-Großmutter, die eine Sklavin war wie  ihre Protagonistin Aminah. Und von der die Familie nicht einmal den Namen kennt. Attah erfährt davon, als sie ihren Vater bittet, den Familienstammbaum zu zeichnen. Für sie sei es ein Schock gewesen, zu erfahren, dass ihre Vorfahrin von Menschen mit derselben Hautfarbe wie sie selbst versklavt worden ist.

Die Autorin beginnt zu recherchieren, besucht  in  der Stadt Salaga lebende Verwandte, heute ein staubiges Nest  im Norden Ghanas, im 18. Und 19. Jahrhundert ein wichtiger Handelsplatz für Sklaven, wie sie in einem Interview (Bücher Juni/Juli 2019) erzählt. Auch hier erfährt die Autorin kaum etwas über ihre Ur-Ur-Großmutter, sodass sie die Leerstellen mit Fiktion füllen muss.  „Salaga ist die Stadt der hundert Brunnen“, klärt Wurche Aminah auf. Eigens gebaut zum Waschen der Sklaven nach langen Transporten. Deshalb trägt der Roman  im englischen Original den Titel "The Hundred Wells of Salaga".

"Ihr fehlt das Ding zwischen den Beinen", sagen die Alten

2012 -  Ayesha Harruna Attah lebt inzwischen in New York, beginnt sie mit der Arbeit für den Roman, braucht dafür fünf Jahre. Fündig wird sie im Schomburg Center for Research in Black Culture,  wo es eine ganze Abteilung zu Salaga gibt. Im Unterschied zu den Sklavinnen existieren Schriftzeugnisse von Frauen aus afrikanischen Königsfamilien. So liest die Autorin, dass die Prinzessinnen  von Salaga  eine relativ große Freiheit genossen hätten, Liebhaber und Ehemänner selbst wählen durften. Zudem seien sie  hervorragende Reiterinnen gewesen. Merkmale, die die Autorin ihrer zweiten Protagonistin Wurche verleiht, einer kämpferischen Frau, die schießen übt, sich in die Politik einmischt. Frauen, die wie die Schriftstellerin erklärt, in der afrikanischen Geschichte Afrika nicht selten waren. Welche die Rollenbilder in afrikanischen Familien der  Gegenwart verändern könnten. So zum Beispiel die  Krieger-Königin Amina, die im 16. Jahrhundert Nigeria beherrscht, oder Yaa Asantewaa, die in Ghana den letzten Aufstand gegen die Briten angeführt hat. Folglich sei es für sie einfacher gewesen, über Wurche zu schreiben.

Die historischen Tatsachen dienen Attah als Gerüst: der Salaga-Krieg 1892,  unter den einheimischen Stämmen und unter den europäischen Mächten gab es zahlreiche kriegerische Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft. So kämpft im Roman Wurches Vater Etuto um sein Überleben als Häuptling, arbeitet dafür auch mit den Briten zusammen,  sie selbst schließt eine Ehe, aus der sie später fliehen wird, als Garant für ein militärisches Zweckbündnis mit einem Nachbarstamm. Wie sie auch immer wieder versucht, den Vater von ihren politischen Vorstellungen zu überzeugen. "Die alten Frauen von Kempbe sagten, aus Wurche hätte eigentlich ein Junge werden müssen: Das Einzige, was ihr dazu noch fehle, sei dieses Ding zwischen den Beinen."

Die etwa 15 jährige Aminah lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Oasendorf, das von Sklavenhändlern überfallen, niedergebrannt wird. Die Überlebenden werden zusammengetrieben und in Ketten gelegt. Für das junge Mädchen beginnt ein Martyrium.   Ihr kleiner Bruder geht vor Erschöpfung bei dem Gewaltmarsch zugrunde, wird von den Sklavenhändlern wie Abfall weggeworfen. Ein Bauer kauft sie zusammen mit ihrer kleinen Schwester Hassana für die Feldarbeit,  misshandelt und missbraucht beide, verkauft sie weiter, bis Wurche Aminah trotz Gewissensbisse als Sklavin nimmt.

Die Geschichte der einheimischen Sklaverei in afrikanischen Ländern sei nach wie vor ein Tabuthema, berichtet Ayesha Harruna Attah.   In der Schule habe sie  vor allem vom transatlantischen - mehr als zwölf Millionen Menschen wurden in dieser Zeit über den Atlantik verkauft – Sklavenhandel gehört, auch dass die Sklaverei erst mit den  Europäern gekommen sei. In Wirklichkeit  existierte sie seit Jahrhunderten. So sei das legendäre Königreich der Ashanti durch Sklaven aufgebaut worden, die auf den Feldern und in den Goldminen arbeiten mussten. Auch Wurches Stamm war unterjocht. Sklaven werden auch an europäische Sklavenhändler verkauft. Ab 1808 nehmen die Briten eine Vorreiterrolle ein im Kampf gegen die Sklaverei, welche  Ende des 18. Jahrhunderts in immer mehr westlichen Ländern per Gesetz abgeschafft wird. Christlich wie aufklärerisch motiviert. „Wie viele Menschen kaufen jetzt noch Sklaven, wo die Europäer sagen, dass sie die Sklaverei verboten haben?“,  belauscht Im Roman Aminah vor ihrer Versklavung das Gespräch von Händlern. Es gebe noch genug Europäer, die Sklaven wollten, ergänzt ein anderer. Auch die Herrscherfamilien von Salaga sehen sich durch die Abschaffung des prosperierenden Sklavenhandels wirtschaftlich bedroht.

Jede Figur hat ihre Geschichte

Wurche und Aminah begehren denselben Mann: Moro, eine zwiespältige Figur -  freundlich, dennoch ein Sklavenräuber.  Er selbst ist in die  Sklaverei hineingeboren. Oder Helmut, Teil der deutschen Kolonialmacht, mit dem Wurche eine Liebesbeziehung eingeht und den sie fragt: „Was wollt ihr hier?“ In ihrer Jugend habe es nicht solche Menschen wie ihn gegeben. Helmut spricht von „Freundschaft“, Wurche kontert: Ihr Volk sei auch weitergezogen, und zwar um andere Völker zu erobern. Sie habe gesehen, wie  die Weißen – ob Engländer oder Deutsche mit ihren Leute den Chiefs umgingen – ohne Respekt. Helmut behandelt Wurche liebevoll, brennt jedoch in Strafaktionen Dörfer nieder. Bewusst komplex gestaltete Charaktere mit Widersprüchen, welche die Autorin mit den Worten umreißt: „Jede ihrer Figuren habe eine Geschichte.“

Sklaverei gehört nicht der Vergangenheit an. Noch heute müssen Menschen in Gefangenschaft und Sklaverei leben, betont Ayesha Harruna Attah. Zwar ist Sklaverei heute offiziell abgeschafft,  zuletzt 1980 im afrikanischen Mauretanien. Einem Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) aus dem Jahr 2017  zufolge leben weltweit mehr als 40 Millionen Menschen als Sklaven. Entführt, verkauft, mit falschen Versprechungen in eine Falle gelockt. Opfer sind vor allem Frauen und Kinder,  gefangen gehalten,  rechtlos, ausgebeutet.  Moderne Sklaverei   definiert die ILO heute als Forced Labour und als Forced Marriage, also Zwangsverheiratung plus Schuldsklaverei. Politische Gefangenschaft, Kinderarbeit, Zwangsprostitution, Rekrutierung von Kindersoldaten zählen dazu,  aber auch die alte Form der Leibeigenschaft wie der Erbknechtschaft, in die ein Mensch   hineingeboren wird, existiert noch.

Für Ayesha Harruna Attah mit ein Grund das Buch geschrieben zu haben. „Ich denke, wir sollten uns mit der Sklaverei auseinandersetzen, erkennen, wie menschlich sie ist und daran arbeiten die gesellschaftlichen Ungleichheiten abzubauen.“

Bewusst habe sie mit Cassava Press aus Nigeria einen afrikanischen Verlag gesucht.  "Viele der im Westen publizierten Bücher afrikanischer Autoren finden nie ihren Weg zurück nach Afrika. Aber genau diese Leser möchte ich erreichen. Weil wir erst durch die Konfrontation mit unserer Geschichte unsere Wurzeln zurückgewinnen." Sklaverei gibt es, seit es Menschen gibt. Egal welche Kultur und welche Zeit.  Nur indem man sich mit diesem Phänomen auseinandersetzt, lässt sich etwas verändern, ist sich Attah sicher. Am Ende des Romans „Die Frauen von Salaga“  ist die Welt der Protagonistinnen eine andere, jedoch stellen Aminah  wie Wurche sich der Realität

 

Die ghanaische Autorin Ayesha Harruna Attah, die  in den USA Journalismus und kreatives Schreiben studiert hat, lebt heute im Senegal. Ihr erster Roman "Harmattan Rain" wird 2010 für den Commonwealth Writers' Prize nominiert. Mit dem  Roman "Die Frauen von Salaga", der  unter anderem in deutschen, holländischen und türkischen Übersetzungen erscheint,  gelingt ihr der  internationale Durchbruch. 

 

Ayesha Harruna Attah : "Die Frauen von Salaga". Roman.

Aus dem Englischen von Christiane Burckhardt.

Diana Verlag, München 2019. 320 Seiten

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Aalener Kulturjournal