Margaret Atwood:  Das Herz kommt zuletzt

Der Mensch hat immer eine Wahl, nichts ist alternativlos! 

„Das Herz kommt zuletzt“, Margaret  Atwoods neuer  Zukunftsroman, erzählt von einem Paar, das aus existenzieller Not  an einem fragwürdigen sozialen Experiment teilnimmt. Stan und Charmaine, Leute aus der Mittelklasse, hat der "große Wirtschafts- und Finanzcrash, der diesen Teil des Landes in eine Rostlaube verwandelt hat", mit Wucht getroffen.

Studiert, mit einem guten Job, konnten sie sich den Traum von einem kleinen Häuschen, von  einem schönen Leben erfüllen. "Dann ging alles vor die Hunde." Inzwischen übernachten sie im Auto, weil sie den Job verloren haben, die Hypothek nicht bezahlen können. Das Haus kann nicht verkauft werden, da es keine Käufer gibt.

"Die Mittelklasse stirbt". Die Kriminalität explodiert. Der Rechtsstaat zerfällt. Angst macht sich breit. Ganze Viertel stehen leer, verlassene  Gebäude. Eine Schreckensherrschaft etabliert sich. Zuhälter, Huren, wildgewordene Gangs oder psychopathische Vandalen übernehmen, plündern, morden, vergewaltigen. Die Parks beherrscht von Drogensüchtigen.

 

Atwoods Protagonisten Stan und Charmaine sind  immer auf dem Sprung, wechseln mehrmals in der Nacht, da sie bedroht werden, den Parkplatz, fürchten Opfer von Gruppenvergewaltigungen zu werden. Wird ein Auto gestohlen, der Besitzer ermordet, interessiert das nicht einmal mehr die überforderte Polizei. Die regt sich nur, wenn die abgeschirmt lebenden "Reichen " betroffen sind. Krieg herrscht auf den Straßen, der nach und nach die Stadt vernichtet. Eine Welt im Untergang. Während Stans Bruder als Krimineller Karriere macht, mit Bodyguards und Luxuslimousine, rutscht Stan immer mehr in die Hoffnungslosigkeit ab. Charmaine arbeitet in einer billigen Kneipe, um ein paar Dollars zu verdienen. Mit der Option Prostitution.

Durch Zufall erfahren die Beiden von dem Positron-Projekt, dessen Gründer und Propagandachef Ed wie ein Fernsehprediger auftritt. Ein Wolf im Schafspelz, wie sie später merken. Mithilfe des Positron-Projekts in der Stadt Consilience würden Arbeitslosigkeit und Kriminalität bewältigt, erfahren sie.  Die Zwillingsstadt Consilience/Positron sei ein Experiment. "In  Consilience würden alle zwei Leben leben - einen Monat als Häftling, im nächsten Monat als Wärter oder Beamte."  Also: "Einen Monat drin, einen Monat draußen."  Die überfüllten Gefängnisse sollen zu  "Win-Win-Wirtschaftseinheiten" umgestaltet werden.

 

Unterwerfung als Befreiung verstehen

 

Das Versprechen: ein  komfortables Mittelschichtsleben. Das utilitaristische Prinzip des größtmöglichen Glücks für alle, eine Maxime der Wohltätigkeit, innerhalb des sozialen Wert-und Ordnungsgefüges der fünfziger Jahre, "weil in diesem Jahrzehnt die meisten Menschen nach eigenen Angaben am glücklichsten waren". Stan und Charmaine lassen sich darauf ein, anfänglich empfinden sie die Unterwerfung als Befreiung. Ihr Leben ist  nun völlig durchgetaktet.  Die uniformierten Häftlinge bewegen sich in Gruppen, müssen sich "eine für Positron nutzbringende Tätigkeit beibringen."

Zu Beginn etablieren aber auch "amokbereite echte Verbrecher" eine "Gangstertyrannei",  bringen so das Experiment in Gefahr, dessen Ziel der Umbau  der Gesellschaft ist. Anonyme Geldgeber müssen von dem Experiment als zukunftsweisendem Modell überzeugt bleiben, damit sie dieses weiterhin finanzieren.

Folglich  greift das Management rigoros durch: Die schlimmsten Störenfriede verschwinden, erhalten eine "Sonderbehandlung", sprich die Todesspritze. Charmaine, inzwischen Leiterin der Medikationsabteilung, erfüllt einfach ihre "Pflicht", ohne sich Gedanken zu machen. "An einem ganz normalen  Arbeitstag führt sie bei jemandem einen Exitus herbei, der zur Umfunktionierung freigegeben ist." Als Rädchen im Getriebe. In normalen Zeiten banal und oberflächlich, erledigt sie ohne Bösartigkeit ihren Job. Ihre "Loyalität" dem System gegenüber wird schließlich dadurch auf die Probe gestellt, dass sie ihrem Mann Stan die Todesspritze geben soll.

 

Dank "Volksverblödung" mehr Profit

 

Neugier, Langeweile, Leidenschaft sind Motive, die den Menschen unberechenbar machen können. Stans und Charmaines sexuelle Phantasien kreisen zunehmend um das unbekannte Paar, mit welchem sie sich das propere Häuschen teilen. Charmaine beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit Phil, dem sexbesessenen Ehemann  der hochrangigen Positronmanagerin Jocelyn, die selbst in einem Netz von Brutalität und Macht verfangen ist und sie rundum überwachen lässt, ohne dass die Beiden es wissen. Als Gegenschlag macht sie Stan  zu ihrem Haus- und Sexsklaven. Charmaine hingegen wird auf Eis gelegt, ohne den Grund zu erfahren.

Die Zustimmung der Menschen, sich zu unterwerfen, auf individuelle Rechte zu verzichten, wird erkauft erst einmal durch Wohltaten, gute Versorgung, Schutz vor Gewalt im Alltag. Dabei merken sie nicht, wie ihre Freiheit Schritt für Schritt verlorengeht. Sogenannte Bürgerversammlungen - tatsächlich versammelt sich niemand, sondern Fernsehsendungen, vom Gefängnis oder von draußen aus verfolgt - verkünden "Glückliche Arbeiter-Impressionen", dienen in Wirklichkeit, wie Stan, kritischer als Charmaine, innerlich kommentiert, der "Volksverblödung". Als die Überwachungskameras kurze Zeit ausgeschaltet sind, klärt Jocelyn Stan auf. Er solle alles vergessen, was er über sie wisse.  Eds  Gründungspartnerin sei sie gewesen, sei auf die "frohe Botschaft" reingefallen. Als Ed eine neue Investorengruppe ins Boot holte, die so viel Profit wie möglich mit Positron machen wollte, änderte sich die Zielsetzung. "Wenn man erst mal eine kontrollierte Bevölkerung hat, umgeben von einer Mauer und ohne Überwachungsinstanz, hat man freie Hand. Plötzlich sieht man die Möglichkeiten. Und einige davon wurden sehr schnell profitabel."  Die Folge: Korruption und Gier, Misshandlung  von Gefangenen, Organverkäufe, Schaffung von Sexsklaven mithilfe der Neurochirurgie, das Blut  von entführten Babys als Antiagingmittel für alternde Millionäre.   Das "Rohmaterial", allesamt "unerwünschte Personen", werde von außen geliefert. Wer unerwünscht sei, entscheide Ed. Also Definitionssache! Hauptsitz der Seniorenheime mit angeschlossener Klinik sei Las Vegas. Denn  dort ist alles erlaubt.  Laissez faire des Rechtsstaates als Nährboden für Kriminalität. Sie habe  die "Operation" miteingefädelt und wolle das wieder in Ordnung bringen, so Jocelyn. Stan solle ihr helfen einen USB-Stick  mit Schriftdokumenten und Videomaterial hinauszuschmuggeln. Sie selbst würde von Ed immer überwacht werden, weil er niemanden mehr traue. Die typische "Krankheit" aller Gewaltherrscher zu allen Zeiten. Willkür und fehlende Transparenz sind Merkmale jedes abgeschotteten Regimes.

 

Jeder Tag ist anders, jeder fordert neue Entscheidungen

 

Für Jocelyn hat der Mensch einen freien Willen, das heißt Wahlfreiheit. Hierin wurzelt ihr Widerstand. Die geplante Aktion gelingt unter vielen Gefahren. Eine Journalistin, die nichts mehr zu verlieren hat,  lässt die "Datenleak-Story" wie eine Bombe einschlagen. Am Ende gibt es gar ein Happy End: Stan und Charmaine bekommen ihr ersehntes kleines Glück. Bevor allerdings der Plot in Kitsch abrutscht, gibt Jocelyn als mysteriöse  "Botin" dem Roman einen  unerwarteten Schluss. Margaret Atwood gewährt ihren Geschichten gern ein offenes Ende, so auch in diesem Roman. Als Charmaine meint: "Es war doch alles unter Dach und Fach", antwortet Jocelyn: "Nichts ist je unter Dach und Fach. Jeder Tag ist anders." Und weiter: "Sie sind frei, Sie können gehen. Vor Ihnen liegt die große, weite Welt, wo Sie sich den Ruheplatz selbst wählen können."  "Wie meinen Sie das?", fragt Charmaine.  Mit diesen Worten endet die Geschichte. Der Mensch trifft fortwährend seine Wahl, nichts ist alternativlos, auch wenn die Charmaines dieser Welt es oft nicht begreifen wollen.

Unterhaltsam kommt der Roman daher, aber bei genauem Hinschauen mit ernstem Hintergrund. Zudem versprüht die Autorin wie immer meisterlich ihren schwarzen Humor. Dank ihrer Romanfigur Jocelyn, die Frau  mit "krankem Humor",  die unangreifbar, im Laufe der Handlung zunehmend rätselhafter wirkt, gibt es jede Menge schräger Überraschungen.

 

 

Demokratie und Freiheit sind immer gefährdet

 

Margaret Atwood, die Grande Dame der kanadischen Literatur, eine der politischsten Autorinnen, setzt sich  in ihrem brillant erzählten Roman "Das Herz kommt zuletzt" (nicht nur in diesem) mit Fehlentwicklungen der modernen Gesellschaft auseinander. Mit der Gefährdung von Freiheit und Demokratie. Gleichzeitig erzählt die Schriftstellerin, wie gesellschaftliche Entwicklungen es einem totalitären System leicht machen, seine Macht zu entfalten.  Auch wie leicht Menschen zu ködern sind. Wie weit sie dabei gehen. Eine Mahnung, die Ängste der Menschen  ernst zu nehmen, Gesellschaften, nicht dem Verfall preiszugeben, nicht in eine gefährliche Schieflage geraten zu lassen. Nicht nur in amerikanischen oder  kanadischen Großstädten ist das bereits Alltag, sondern auch in vielen europäischen. Demagogen haben dann leichtes Spiel, wie die internationale politische Landschaft der Gegenwart beweist.

 Über weite Strecken wirkt der Roman wie eine literarische Spiegelung der Thesen des Sozialphilosophen Erich Fromm (1900-1980), der als Jude vor dem Nationalsozialismus aus Deutschland fliehen muss und in den USA und Mexiko Sozialphilosophie lehrt. 1941 erscheint sein Buch „Die Furcht vor der Freiheit“. Fromm setzt sich hier mit der Frage auseinander, warum totalitäre Ideologien und Bewegungen wie Faschismus und Bolschewismus auf die Menschen des 20. Jahrhunderts eine derartige Anziehungskraft ausüben. Um sich über das Gefühl seiner Bedeutungslosigkeit in einer ungeheuren Maschinerie hinwegzutäuschen, greift das Individuum zu „Fluchtmechanismen“, die Angst und Isolierung zudecken sollen.

 

Die Furcht vor der Freiheit

 

Fromm beschreibt drei Fluchtmechanismen: „autoritäre Tendenzen“, „Zerstörungstrieb“ und „automatische Anpassung“. In allen drei Fällen besteht die Crux darin, dass eine „Freiheit von“ nicht durch eine Sinn stiftende „Freiheit zu“ ergänzt wird.  "Der Zerstörungstrieb ist die Folge des ungelebten Lebens." Laut Fromm mobilisiert der Totalitarismus im Menschen diabolische Kräfte, "von denen wir nichts wussten  oder wir zumindest annahmen, sie seien  ausgestorben." Mit ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen  lasse sich der Totalitarismus nicht ausschließlich erklären, das Problem liege auch in der Charakterstruktur des modernen Menschen. Eine Erkenntnis, die man sich auch im 21. Jahrhundert bewusst machen sollte, angesichts  der Tatsache, dass wir in Zeiten leben, in den totalitäres Denken anscheinend wieder Hochkonjunktur hat.

Rechtsradikalismus, Linksradikalismus, Islamismus - Geschwister, vereint im Kampf gegen die Freiheit des Menschen. Sie pathologisch zu nennen, wie das gern geschieht, vor allem den Islamismus betreffend,  heißt, sie zu verharmlosen. In Anlehnung an Aristoteles, Spinoza und John Dewey empfiehlt Fromm dem Menschen, sich autonom und kraftvoll zu entwickeln. Freude und Glück seien nicht nur das Ergebnis eines produktiven Lebens, sondern auch dessen Stimulans.
 Im Unterschied zu Freud und Konrad Lorenz ist Fromm der Meinung, dass man keinen „natürlichen Aggressionstrieb“ annehmen müsse. Es genüge, die Aggression zu den „Möglichkeiten“ des Menschen zu zählen und die Bedingungen herauszuarbeiten, unter denen sie exzessive Ausprägung erfährt, um dagegen anzuarbeiten.


Humor ist der reifste Abwehrmechanismus des Menschen.

 

In der Geschichte der Menschheit zögen Krisen immer Verwilderungen in der Gesellschaft nach sich, so Margaret Atwood. Man müsse Zeugnis ablegen (Literaturen, 7/8 /2008). In ihren Romanen ahme sie die Realität nach. "Man kann nicht aus dem Nichts etwas erfinden, ohne Grundierung durch die Wirklichkeit." Der Mensch habe immer eine Wahl. Romane seien optimistisch von Natur aus, weil sie Romane sind. Auch in Shakespeares Tragödien gebe es immer wieder komische Momente. Also ein klares Bekenntnis zum Humor. Sagt doch auch Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, Humor sei überhaupt der reifste Abwehrmechanismus des Menschen.

"Das Herz kommt zuletzt" ist Gesellschaftskritik, die höchst unterhaltsam aufklären will. Typisch Margaret Atwood eben!

 

Margaret Atwood wurde 1939 in Ottawa/Kanada geboren. Für ihr Werk wurde sie mit vielen Preisen ausgezeichnet, u. a. 2009 mit dem Nelly-Sachs-Preis für ihr Gesamtwerk. In Kanada gilt sie als moralische Instanz, was ihr selbst gar nicht so recht gefällt.


 

22,00 EURO

400 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag

Übersetzt von: Monika Baark

Berlin Verlag

 

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Aalener Kulturjournal