Atwood:  Die steinerne Matratze

 

Margaret Atwood, 1939 in Ottawa geboren,  die bedeutendste Repräsentantin der kanadischen Literatur, von Sigrid Löffler "Magierin des Nordens " genannt, versammelt in ihrem nun auf Deutsch erschienenen Erzählband neun Geschichten. Die Titelgeschichte "Die steinerne Matratze" findet sich als zweitletzte Erzählung.

Verna beschließt Rache zu nehmen, plant akribisch. Sie zögert, sagt sich: "Es ist armselig. Es ist grausam". Ihn zu ermorden, "wegen einer Wut, die längst begonnen hat, in der Ferne der aufgebrauchten Zeit zu versinken." Bereit zu vergessen nach dieser langen Zeit, gibt sie sich zu erkennen. Als sie feststellen muss, dass er ohne jegliches Schuldbewusstsein ist, mit demselben Grinsen auf dem Gesicht wie damals, erschlägt sie ihn. Auf einem Feld von  Stromatolithen, ein altgriechisches Wort, welches sich  mit "steinernen Matratzen" umschreiben lässt. Uralte Gebilde, "versteinerte Kissen geformt aus blaugrünen Algen."

Die Geschichte eines Opfers, das zur Mörderin wird, in einem archaischen Akt der Selbstheilung.

 

Die ersten drei Geschichten "Alphinland“, "Wiedergänger" und  "Dark Lady“ gehören zusammen. Die Protagonisten Constance W. Starr, Gavin Putnam und die Zwillinge Tin und Jorrie, deren Leben sich rückerinnernd entfaltet. Constance, die Schöpferin der  erfolgreichen Fantasy-Welt „Alphinland" lebt seit dem Tod ihres Mannes zurückgezogen, zunehmend verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität. Einst Gavins Geliebte, die von ihm gedemütigt wurde. Gavin, ein bedeutender Schriftsteller und pensionierter Literaturdozent, samt letzter 30 Jahre jüngerer Ehefrau Reynolds, die dasitzt mit dessen "verpufften Überresten" und "mit Hochdruck an ihrer Witwen-Nummer" arbeitet. Und die "Geronto-Punks", die Zwillinge Tin und Jorrie. Einstmals war Jorrie Gavins "Dark Lady", seine Muse. Gavins Trauerfeier, bei der sich die Überlebenden begegnen, wird zu einer Parodie auf die Verlogenheit des Literaturbetriebs.

 

In  anderen Shortstorys verkauft ein junger Schriftsteller seine berufliche Seele, grollt deswegen ein Leben lang.  Untote geistern durch die Geschichte, ein "gefriergetrockneter Bräutigam" kommt vor. Und am Ende heißt es :"Fackelt die Alten ab" - eine utopische Antwort auf die Bevölkerungsentwicklung.

Die Kurzgeschichten, kleine Meisterwerke, thematisieren das Altsein. Die Romanfiguren, Männer wie Frauen, am Ende ihres Lebens angekommen, blicken zurück. Das Sterben hat zwar immer das letzte, nicht aber das entscheidende Wort. Allesamt keine werbetauglichen strahlenden Golden Agers, sondern morbide, grausam, rachsüchtig, unfrei und neurotisch, hadern sie mit ihrem Schicksal. Ganz nebenbei geschehen Verbrechen, deren Aufklärung nicht von Interesse ist. Im Fokus steht stattdessen das Innenleben der Täter und Täterinnen, die keine Schuldgefühle kennen.

Wie immer erzählt Margaret Atwood brillant, schlüpft  versiert in jede Erzählperspektive. Die Geschichten, leichthin geschrieben, schillern zwischen Zynismus und Grauen. Grandios boshaft, skurril, voller schwarzem Humor,  bei dem einem das Lachen allerdings oft im Halse steckenbleibt.

 

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Aalener Kulturjournal