Margaret Atwood: Der Report der Magd

 

Margaret Atwood,1939 in Ottawa geboren, in Toronto lebend, ist die wichtigste Repräsentantin der kanadischen  Gegenwartsliteratur. Als Dozentin lehrte die studierte Literaturwissenschaftlerin an verschiedenen Universitäten Kanadas. Etwa 50 Bücher der Belletristik, Lyrik und kritischer Essays verfasste sie. 2009 wurde sie für ihr Gesamtwerk mit dem Nelly-Sachs-Preis ausgezeichnet. Im Mittelpunkt ihrer Romane stehen oft Frauen, die ein Leben suchen, in welchem sie frei über sich bestimmen können.

Bekannt geworden ist sie durch ihren Roman  "Der Report der Magd"(1985), der von  Volker Schlöndorff  1990  unter dem Titel "Die Geschichte der Dienerin " verfilmt wurde.

Gegen Ende des 20.Jahrhunderts errichteten Fanatiker eine religionsfaschistische Diktatur - die "Republik Gilead" -, deren oberstes Ziel die Bekämpfung des drastischen Geburtenrückgangs bei den "europiden Rassen" ist. Präsident, Kongress  werden "mit Maschinengewehren niedergemacht". Universitäten geschlossen, Lesen verboten. Die Rechtsstaatlichkeit schleichend abgeschafft. Die "Augen", eine Art Religionspolizei, überwachen das ganze Leben. Gileadische Truppen, die "Engel der Apokalypse", "räuchern" Andersdenkende  "aus". Das Land wird  mit religiösem Terror, die Welt mit Krieg überzogen.

 Sofort abgeschafft sind Frauenrechte. Im Fokus steht die Reproduktionsfähigkeit der Frau: Ein System neuartiger Frauen-Versklavung wird installiert. Eingeteilt sind die Frauen nach Kasten,  die Zugehörigkeit zur jeweiligen Kaste ist erkennbar an der Farbe der Kleidung: Die Ehefrauen der Kommandanten in Blau, in Rot die "Mägde", die Gebärerinnen ( "ein wandelnder Uterus"). Besamt werden sie von Kommandanten, deren Ehefrauen nicht oder nicht mehr gebärfähig sind. "Marthas" als Dienerinnen in Grün gekleidet.  Die "Ökonofrauen", "Frauen der ärmeren Männer", die niedrige Aufgaben erfüllen. Alle Frauen  sind verhüllt, Gewänder  Schleier, Hauben, die ihnen die Sicht nehmen beziehungsweise sie unsichtbar machen. Schließlich die "Unfrauen", graue wankende Gestalten, die in atomar oder chemisch verseuchten Gebieten mit wunden Fingern tödliche Abfälle aufsammeln, um am Ende entsorgt selbst zu werden.

Frauensolidarität? Fehlanzeige! Die Kommandantengattinnen sind Nutznießerinnen des Systems, "Tanten" - KZ-Wärterinnen ähnlich- sorgen dafür, dass die "Mägde" funktionieren. Wer  sich auflehnt, wird grausam bestraft.  

Erzählt wird  das Geschehen aus der Sicht der Ich-Erzählerin "Desfred". Die Zwangskonkubinen  werden ihres Namens beraubt, ihrer Individualität, benannt sind sie nach ihrem Besitzer ("die von Fred"). Mit teils deftigem Vokabular beschreibt sie das Leben unter  religiösem Wahn, streut  immer wieder Erinnerungen ein  an ihre Vergangenheit.  An ihrem Mann, an ihre kleine Tochter.  

Im letzten  Kapitel des Romans erfährt man, dass  "Desfreds" Tonbandkassetten im Jahre 2195 Jahre Gegenstand eines Historiker-Kongresses gewesen sind. Das totalitäre System "Gilead" existiert nicht mehr. Tröstlich für die Nachgeborenen, weniger für die, die solchen unter solchem Wahn leiden. Ob" Desfred" überlebt?  Sie empfängt Botschaften einer im Untergrund operierenden Widerstandsbewegung. Am Ende wird sie abgeführt. Wird sie befreit oder liquidiert? Der Leser erfährt es nicht.

Um ihre Fiktion mit Fakten zu untermauern,  recherchierte Margaret Atwood  in extremistischen  religiösen Kreisen  der USA, bereiste Afghanistan, Chomeinis Iran, sammelte Zeitungsausschnitte, analysierte die Wirkung von TV-Predigern auf die Massen.

Zu viele Menschen ihrer Umgebung seien zu "sorglos", warnt Margaret Atwood in einem Spiegelinterview (Juni 1987), zu oft bekomme sie zu hören,  "so etwas wie in Chomeinis Iran zum Beispiel könne bei uns nicht passieren".

 Margaret Atwood stellt sich mit dem Roman "Der Report der Magd" , einer negativen Utopie, bewusst in die Tradition von George Orwell und Aldous Huxley.  Utopien seien letztlich politische Kommentare. "Wir fragen uns, ist diese Welt, in der wir leben, gut? Ist sie schlecht? Was meinen wir überhaupt mit gut? Wie wollen wir leben, und wo geht es hin? Denn man schreibt immer über die Gegenwart, auch wenn es um die Zukunft geht, oder die Vergangenheit", so Atwood. In ihrem Roman gehe es um Machtstrukturen, die mithilfe religiöser Ideologien sanktioniert werden. "Gilead", Konstrukt christlicher Extremisten, pflegt mit dem extremistischen Iran Chomeinis diplomatische Beziehungen. Der Autorin geht es  darum zu zeigen, dass die Füllung extremistischer Systeme austauschbar ist, dass es um die Versklavung des Menschen geht, der sich wiederum aus unterschiedlichsten Motiven oft bereitwillig dem Bösen unterwirft..

Atwoods "Report der Magd"  wurde  zu einem Kultbuch der damaligen jungen Generation. 2016 höchst lesenswert: Das Buch erscheint in der Gegenwart eher weniger als Utopie denn als Spiegel aktueller politischer Strukturen und Diktaturen.

 

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Aalener Kulturjournal