Deutsches Literaturarchiv Marbach 

 Ausstellung Rilke und Rußland

Rainer Maria Rilke, eigentlich René Maria. Geboren in Prag als Bürger der Habsburgermonarchie am 4.12.1875. Seit Heine ist kein deutscher Dichter  mehr so weltberühmt geworden wie Rilke. Verehrt wird Rilke vor allem von Frauen wie ein Heiliger, denen er als unermüdliche Briefeschreiber Seelentrost spendet. An mehr als hundert Orten lebt der Dichter. In Prag, München und Berlin studiert er Literatur, Philosophie und Kunstgeschichte. Mit  der aus Russland stammenden Intellektuellen  Lou Andreas-Salomé, mit der ihn eine lebenslange Freundschaft verbindet, besucht er 1899 und 1900 Russland, verliebt sich in das Land, die Menschen und die "russische Seele", trifft dort gar den greisen Lew Tolstoi, den "ewigen Russen", für Rilke das "Eingangstor zu Russland".

 

Bis zum 6.August 2017  zeichnet das Marbacher Literaturarchiv mit einer opulenten trinationalen Ausstellung, die anschließend in der Schweiz und im  kommenden Jahr in Moskau zu sehen sein wird, Rilkes Reise nach Russland und in die heutige Ukraine nach.

Was Italien für Goethe ist, sei Russland für Rilke gewesen, postuliert Thomas Schmid, der Kurator der Marbacher Literaturschau. 
 

„Russland hat mich zu dem gemacht, was ich bin, von dort ging ich innerlich aus, alle Heimat meines Instinkts, all mein innerer Ursprung ist dort“, sagt Rilke noch 1920. Russland sei die "die letzte, heimlichste Stube im Herzen Gottes", das Gegenbild zur westlichen Zivilisation. Rilke idealisiert das alte Russland, das Leben der Bauern, blendet die sozialen wie politischen Missstände, die ungeheure Armut aus, erschafft sich "sein goldenes Russland". „Ich fürchte nicht, dass das russische Volk an Hunger sterben könnte, denn Gott selbst ernährt es mit seiner ewigen Liebe.“ Rilke habe in Russland die Heimat seiner Seele gefunden, das, wonach er in Prag, in München und davor die ganze Zeit gesucht habe, so Thomas Schmidt. Zeitlebens sei Russland für Rilke Sehnsuchtsort geblieben.

Rilke ist ganz russisch

Für die Oktoberrevolution interessiert sich Rilke nicht, was ihm allerdings die Bolschewiki nicht übelnehmen. Das Russische ist auch die erste Fremdsprache, in welche Rilkes Gedichte übersetzt werden. Boris Pasternak, russischer Literaturnobelpreisträger, Übersetzer Rilkes, bekennt, wohl nur wegen des deutschen Lyrikers zum Schriftsteller geworden zu sein. Weiter meint er: „Rilke ist ganz russisch. Wie Gogol. Wie Tolstoi!“

Tagebücher, Dokumente und Bilder aus dem Deutschen Literaturarchiv, dem Schweizerischen Literaturarchiv, dem Rilke-Archiv in Gernsbach, dem privaten Lou-Andreas-Salomé-Archiv in Göttingen sowie Briefe aus russischen Archiven und Sammlungen geben in der beeindruckenden Literaturschau Zeugnis von Rilkes Russlandbegeisterung.

 Zwei zeitgenössische Künstlerinnen und ein Künstler zeichnen Rilkes Reisewege in Russland nach: Fotografien von Mirko Krizanovic und Barbara Klemm sowie ein Film von Anastasia Alexandrowa flankieren die historischen Materialien. Die ausgewiesene Russland-Kennerin Ilma Rakusa verfasst den literarischen Essay "Zauber und Gegenzauber" für den begleitenden Katalog.

1900 lässt sich Rilke in der Malerkolonie Worpswede nieder und heiratet die Bildhauerin Clara Westhoff, von der er sich 1902 wieder trennt. 1905 ist er für acht Monate Privatsekretär von Rodin in Paris. Reisen nach Nordafrika, Ägypten, Spanien, Schweden folgen. Oft lebt er in Schlössern unter der Patronage betuchter Mäzeninnen, was ihm einen zusätzlichen Glanz verleiht. Zum Beispiel 1911/12 auf Schloß Duino an der Adria bei der Fürstin Marie von Thurn und Taxis. Nach Kriegsende zieht er in der Schweiz: Seit 1921 auf Schloß Muzot im Kanton Wallis, welches seinem Mäzen Werner Reinhart gehört. Am 29.12.1926  stirbt er im Sanatorium Val-Mont bei Montreux an Leukämie.

Rilkes Nachlass liegt heute in Russland, der Schweiz und in Deutschland und befindet sich im Wesentlichen noch im Privatbesitz der Familie.

 

INFO

 

Ausstellung Rilke und Rußland

In Marbach bis zum 6. August 2017

Deutsche Schillergesellschaft e.V.
Deutsches Literaturarchiv Marbach
Schillerhöhe 8-10
71672 Marbach am Neckar
Telefon +49 (0) 7144 / 848-0
Telefax +49 (0) 7144 / 848-299

An jedem Sonntag im Juni und im Juli bietet das Literaturmuseum der Moderne jeweils um 11 Uhr eine öffentliche Führung an.

 

Ausstellung in der Schweiz und in Russland

Bern/Zürich: 13. September - 10. Dezember 2017 (Vernissage Bern 14. September, Zürich 15. September)

Moskau: Anfang 2018

 

Photos: Chris Korner, DLA Marbach

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Aalener Kulturjournal