Heinrich Böll

Nicht nur zur Weihnachtszeit

(AK) Weniger bekannt ist  Heinrich Böll als Satiriker. "Nicht nur zur Weihnachtszeit" verfasst er  mit 35.  Im "Spiegel" ist damals zu lesen, seine Erzählung sei der Beitrag des enfant terriblen Schriftsteller-Kollektivs "Gruppe 47" zur Weihnacht 52.  Ein Jahr zuvor hat Heinrich Böll den ersten Preis für seine  Kurzgeschichte "Die schwarzen Schafe" erhalten.

Die "Gruppe 47" - der damals bekannteste Zusammenschluss von Schriftstellern in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, vergab erstmals 1950 den "Preis der Gruppe 47",  ein Förderpreis für noch unbekannte Schriftsteller, die auf der Tagung auch selbst vorgelesen hatten. 

Friede, Friede und ein hochsensibler Baum

 

"Tante Milla war in der ganzen Familie von jeher wegen ihrer Vorliebe für die Ausschmückung des Weihnachtsbaumes bekannt, eine harmlose, wenn auch spezielle Schwäche, die in unserem Vaterland ziemlich verbreitet ist. Ihre Schwäche wurde allgemein belächelt."  Mit diesen Sätzen beginnt Bölls besondere Weihnachtsgeschichte.

Die  Kriegsjahre 1939 bis 1945 werden von Tante Milla, Bölls Hauptgestalt,  nur insofern wahrgenommen,  dass ihr Weihnachtsbaum, durch die fallenden Bomben gefährdet ist. Denn: Sich bewegende gläserne Zwerge schmückten den Baum, ein "silbrig gekleideter, rotwangiger Weihnachtsengel  flüstert kraft eines konsequent gehüteten mechanischen Geheimnisses in gewissen Abständen ''Frieden, Frieden''.  Dazu Zuckerkringel, Marzipanfiguren, Engelhaar, Lametta - ein "hochsensibler" Baum eben. 

1947 kann Tante Milla das Weihnachtsfest endlich wieder so feiern wie vor dem Krieg. Mit verheerenden Folgen: Als der  Baum wieder abgeschmückt werden soll, gerät sie völlig außer sich, tobt, schreit. Weder Priester, Psychiater noch das Beruhigungsmittel  Luminal vermögen Abhilfe zu schaffen. Bis schließlich ihr Mann den Einfall hat, jeden Abend um 18.30 Uhr im Kreise der Lieben das Heilige Fest zu feiern. Die sogenannte "Tannenbaumtherapie". Selbst  im Sommer, wenn die Rosen blühen, die  Schokolade des Baumbehangs wegen der Hitze schmilzt, singt fortan die gutbürgerliche Familie:  "Weihnachtlich glänzet der Wald". Der  Tante geht es gut, was man von den anderen nicht sagen kann. Nervlich zerrüttet wird die Familie am Ende gegen Schauspieler beziehungsweise Wachspuppen ausgetauscht.

Aus Phantasie wird Realität

 

Und heute?  Seit das enfant terrible Heinrich Böll diese herrliche Satire auf den Weihnachtsrummel verfasst hat, sind mehr als siebzig Jahre vergangen. Ab September bei oft spätsommerlichen Temperaturen bieten die Geschäfte Lebkuchen an, ab November startet der übliche vorweihnachtlichen Zirkus: Weihnachtsgedudel aus Lautsprechern, Weihnachtsmärkte und Glühweindunst. Gekauft wird, was das Zeug hält. "Süßer die Kassen nie Klingen!" Gleichzeitig bringen  Umfragen vermeintlich Erstaunliches ans Licht: Viele  Bundesbürger haben offenbar keine Ahnung mehr, welche Bedeutung Weihnachten eigentlich hat. Nämlich die Feier der Geburt Jesu Christi, erstmals belegt im Jahr 336 in Rom. Nach christlicher Überlieferung schenkt  Gott Jesus, seinen Sohn,  den Menschen als Ausdruck seiner Liebe. Deshalb ist Weihnachten das Fest der Liebe.  Und so sollte auch der eigentliche Sinn von Weihnachten sein, Zeit zu verbringen mit den Menschen, die einem am Herzen liegen. 

 

Heinrich Böll

Nicht nur zur Weihnachtszeit

dtv

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