Bachtyar Alis:  „Perwanas Abend“

  Kein Platz für Liebe und Menschlichkeit

Nach über 20 Jahren erscheint Bachtyar Alis 1998 im Irak verbotener  Roman „Perwanas Abend“    auf Deutsch.

„Das Leben ist ein Nebel. Die Wahrheit entsteht aus dem Zusammenfügen von Nebelfetzen.“ Die Ich- Erzählerin Khandan, Perwanas Schwester, begibt sich auf die Suche, versucht diese Nebelfetzen zusammenzufügen, um ihre ermordete Schwester vor dem Vergessen zu bewahren. Und sie stellt sich die Frage, warum die Überlebenden schweigen. Am Ende wird das Erzählen für sie zum einem Akt der Selbstbefreiung.

Die Geschichte spielt in einer archaischen Welt, in  der die  Frauen brutalen patriarchalischen Strukturen ausgeliefert sind. Das Land ist durch Krieg verwüstet, die Gesellschaft beherrscht von Gewalt, von dem Autor mit drastischen Bildern geschildert.                                      Perwana,  eine rebellische junge Frau, leidet an den Verhältnissen.  „Ich bin Perwana.“  Diesen „rätselhaften“ Satz habe sie immer wieder von ihr gehört, erzählt  Khandan.  Indem sie das Recht einfordert, als Frau ein eigenständiges  Individuum zu sein,  verwirkt sie ihr Leben. Aus Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung sei sie Affären mit Männern eingegangen und habe so allmählich ihr Leben zerstört, heißt es im Roman. Dass sie nur ein Spielzeug für die Männer ist, erkennt sie erst spät.

„Sie werden dich töten, sie bringen dich um. Wieso machst du das, du bist doch keine Hure“, warnt Khandan die Schwester. „Ich weiß es nicht. Aber die Vorstellung, in dieser Stadt, in diesem zerstörten Leben lebendig begraben zu werden, bringt mich um“, antwortet diese.

Eines Tages verschwindet Perwana mit ihrem Geliebten,  wie andere junge Frauen bereits vor ihr.  Die Familie fühlt sich entehrt. Und mit ihr alle hasserfüllten mit Dolchen bewaffneten Väter und Söhne. Die Brüder schlagen Khandan fast tot, um zu erfahren, wo sich Perwana aufhält.  Khandans  fanatische Tante, Anführerin der „Tamburin“-Frauen, stumme, schwarz verhüllte Gestalten, suchen nach Perwana, um sie zu töten. „Der Satan hat sich seiner Ketten entledigt und ist entflohen. Er muss wieder eingefangen werden.“  Ihre Religion teilt die Welt in „rein“ und „unrein“. Die  „Reinen“, fühlen sich in deren Namen befugt, die „Unreinen“, die alle Teufel sind, zu vernichten.  

 

Patriarchalische Traditionen und religiöser Wahn

 

Auch Khandan ist für die Tante „Satans Schwester“.  Im „Orden der Reumütigen Schwestern“ müssen  Khandan und die Schwestern  von  anderen "Verworfenen"  an deren Stelle büßen. Der Satan habe nirgendwo sonst so raffiniert gearbeitet wie am Körper der Frau, ein  Beben der Brüste könne alle Gesetze und Weisheiten ins Wanken bringen, belehrt der Mullah.  Frauen sind Werkzeuge  Satans.  Die jungen eingekerkerten Frauen will man brechen, ausgepeitscht werden sie jedoch nicht, denn das könnte Lustgefühle wecken. 

In diesem „Orden“ verbringt  Khandan in Einsamkeit ihre ganze Jugend, verliert sich, wie sie schreibt;  dennoch bewahrt sie in dieser barbarischen Welt ihre Menschlichkeit, beginnt jedoch an dem vermittelten Gottesbild zu zweifeln, stellt sich die Frage, wie ein Gott blutige Strafen für schlichte menschliche Sehnsüchte aussprechen könne.

Im Haus der Tante, in deren „Obhut“ sie nach Perwanas Flucht gegeben worden ist, gehen merkwürdige „Gäste“ aus und ein: „Manche hatten ihre Ehefrauen umgebracht, manche ihre Schwestern geköpft, manche Schulmädchen mit Säure verätzt. Andere hatten die Fatwa eines Mullahs erfüllt und einen Ungläubigen oder einen Ehebrecher erstochen.“  Religiöse Eiferer, Männer mit Bärten, mit Schwertern bewaffnet, selbsterklärte Herren über Leben und Tod. Frauenfeindliche patriarchalische Traditionen und religiöser Wahn verschmelzen.  Wobei die Frauen Täterinnen und Opfer zugleich sind.

Die jungen Männer träumen von einer Welt, in der Nationen und Religionen friedlich nebeneinander existieren, die Jugend in Freiheit leben kann und nicht zu Strenggläubigen „herangezüchtet“ wird. Ein Staat der Liebe "jenseits von Raum und Zeit" in einem verzauberten Tal in den Bergen als Gegenentwurf  zur menschenfeindlichen Realität. Dass dieser Ort tatsächlich existiert und  Perwana davon erfahren hat, offenbart sich im Laufe der Handlung.                                      

Barbarische Szenen sind eingebettet in lyrische märchenhafte Naturbeschreibungen mit „Blumen, Gärten, Bäumen und Wasserfällen“: eine trügerische Idylle. Schmetterlinge, zerbrechliche Boten einer mythischen Welt, tauchen auf. Ihre Schwester verwandelt sich in einen Schmetterling,  fühlt Khandan.  Eine „Wolke aus Schmetterlingsstaub“ umgibt sie, ein „Schwarm von Schmetterlingen“  steigt auf, als ein Exekutionskommando Perwana ermordet. 

 

Eine Lanze für die Menschlichkeit brechen

 

Blut als wiederkehrendes Kontrastmotiv im Roman.  Für das islamische Opferfest schwimmt die Stadt im Blut der Tiere, die Menschen beschmieren sich damit,  gleichen „blutroten Dämonen“.  Blutlachen“, „Blutbäche“,  „Blutmeer“. Das Blut geprügelter  Frauen, abgeschlachteter Rebellen.   „Sogar die durstigen Spatzen am Rande der Lachen waren blutverschmiert.“ Tod und Zerstörung überall. Perwana müsse sterben, da sie gegen muslimische Sittengebote verstoße, so der  Schriftsteller in einem Interview. „Die moralische Rebellion ist bei uns immer sehr viel gefährlicher als die politische Rebellion.“  Die Liebe habe hier sehr viel mit persönlicher Freiheit zu tun, sagt Ali. Persönliche Freiheit habe im Islam keinen Platz. Es gibt keine Islam-Herrschaft ohne Herrschaft über Frauen.  Eine freie Gesellschaft gebe es nicht ohne eine freie Lebensgestaltung, ist er überzeugt. Dazu gehört eine selbstbestimmte Sexualität der Frauen. Der Kampf um eine bessere Gesellschaft ist ohne Frauenrechte nicht zu gewinnen.

Bachtyar Ali ist der bekannteste zeitgenössische irakisch-kurdische Schriftsteller, dessen  umfangreiches Werk Romane, Gedichte und Essays umfasst. Seit Mitte der Neunzigerjahre lebt er in Deutschland. Schreiben helfe ihm, seine Erinnerungen zu verarbeiten.  Thematisch sei er  im Orient und in Kurdistan geblieben, weil die Menschen dort in Gefahr seien. „Extremismus und politischer Hass haben diesen Teil der Welt zerstört.“

2017 wird Bachtyar Ali mit dem Nelly-Sachs-Preis ausgezeichnet.  Angesichts von Erfahrungen genozider Gewalt, Kriegen und Flucht sei Bachtyar Alis Werk ein Manifest des Lebenswillens und der Poesie, so Jury-Mitglied und Schriftsteller Stefan Weidner. „Unter Rückgriff auf die Mythen und die Spiritualität des Orients sowie getragen von hohem moralischem Anspruch und großem Engagement bricht der Autor eine Lanze für die Menschlichkeit.“

Zwei Romane „Die Stadt der weißen Musiker“ und „Der letzte Granatapfel“, welche sich beide mit  dem Schicksal der irakischen Kurden auseinandersetzen,  sind bisher in deutscher Sprache erschienen.  Nun „Perwanas Abschied“, der das Los der Frauen in einer Welt voller Hass thematisiert, ein tieftrauriger, schmerzlicher Roman, den man nicht so schnell vergisst.

 

Bachtyar Ali: „Perwanas Abschied“

Aus dem Kurdischen (Surani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim

Unionsverlag 2019

228 Seiten

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Aalener Kulturjournal