Bernd Brunner: Das Buch der Nacht

Für Nachtfreunde, Nachtschwärmer und Nachtgestalten

In den Mythen aller Kulturen gilt  die Nacht als mysteriöses Phänomen. Der Kulturwissenschaftler Bernd Brunner beleuchtet nun in seinem 192 Seiten umfassenden „Buch der Nacht“  mithilfe von Literatur, Kultur, Wissenschaft und eigenen Beobachtungen gerade diese Tageszeit. Leitmotivisch stellt er Georg Christoph Lichtenbergs Worte „Unsere ganze Geschichte ist bloß Geschichte des wachenden Menschen; an die Geschichte des schlafenden hat noch niemand gedacht“ dem Buch voran.

Brunners Streifzug beginnt mit dem Sonnenuntergang und endet mit dem Sonnenaufgang. Dazwischen schildert der Autor die Nacht, welche die gewohnte Wahrnehmung aller Lebewesen verändert, in all ihren Facetten. „Was gibt es nicht alles zu sehen, wenn aller Augen geschlossen sind!“, ruft Nicolas Rétif de la Bretonne aus, der nachts durch das vorrevolutionäre Paris flaniert.

Vom Verlust der Dunkelheit

Brunner erzählt von der Blauen Stunde, der Stunde vor Sonnenaufgang bzw. nach Sonnenuntergang, mit ihren beeindruckenden Himmelsfarben, von den  „Geschöpfen, für die der Mond die Sonne ist“, den nachtaktiven Lebewesen. „Ein Drittel aller Wirbeltiere ist nachtaktiv, unter den Wirbellosen sind es sogar etwa doppelt so viele.“

Im Laufe der Geschichte lernt der Mensch die Dunkelheit mithilfe künstlicher Lichtquellen aufzuhellen: Feuerstellen, Kerzen, Gaslaternen, Glühlampen, schließlich die  Energiesparlampen als neueste Entwicklung. Finstere Nächte werden folglich immer seltener. Beleuchtung und Ausleuchtung gelten als „Ausweis der Modernität“. Die Lichtverschmutzung als Begleiterscheinung der Industrialisierung habe sich in letzten 30 Jahren verdoppelt, so Brunner.  Dadurch habe sich der Schlaf- und Lebensrhythmus fundamental verändert. Und zwar von Mensch und Tier.

Die Nächte im alten Rom sind stockfinster, nur das Innere der Häuser beleuchtet. Dennoch sei das Leben ähnlich geschäftig gewesen wie in den heutigen Städten, belegen historische Quellen. Brandstifter, Räuber, Hehler, Prostituierte tummeln sich auf den Straßen. Im Rom

Noctavigant aus Leidenschaft

der späten Republik und frühen Kaiserzeit bilden „grassationes“, „junge Angehörige der Oberschicht“, Banden, um Einbrüche zu verüben, Passanten zu überfallen, zu vergewaltigen und zu morden. Wohlstandsverwahrlosung in der Antike.

Während Nachtwächter in den größeren Städten im Mittelalter für Ordnung sorgen, streifen heutzutage Nachtwanderer erlebnisorientiert durch die Finsternis, nicht zu verwechseln mit einem Nachtagenten, der im Paris des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts unterwegs gewesen ist. In wessen Auftrag ist mitunter strittig. Zum Amüsement trifft man sich im nächtlichen Paris Ende des 19. Jahrhunderts: Für Vergnügungssüchtige entwickelt sich bereits ein Nachtleben im Sinne von „Nightlife“, das allen Clubs als Blaupause dienen wird. Exzentrischer  vergnügt sich  hingegen Goethe. Überliefert ist, dass dieser ein „leidenschaftlicher Noctavigant“ gewesen sei, der  mit Vorliebe bei Mondschein schwimmen geht. Einen Bauern aus Weimar habe er dadurch gewaltig in Furcht und Schrecken versetzt, weil dieser in ihm eine Ilmnixe zu erkennen glaubt.

Traum und Albtraum

Diverse  Kapitel widmen sich dem Schlaf, dem Schlafwandeln (Sonambulismus), dem Nachtwandeln (Noktambulismus). Seit Jahrtausenden versuchen Menschen ihre Träume zu deuten: theologisch oder wissenschaftlich. Im Unterschied zu seinen Zeitgenossen sieht der antike Philosoph Aristoteles in diesen keine von den Göttern gesandte Botschaft, sondern ganz profan eine Tätigkeit der Sinne. Für Sigmund Freud, den österreichischen Arzt und Begründer der Psychoanalyse, sind Träume verdrängte Wünsche. „Königsweg zum Unbewussten“ nennt er sie, mit deren Hilfe Verborgenes entschlüsselt werden kann.

„Traum“ und „Nacht“ gehören auch in der Literatur zusammen. In seinen „Hymnen an die Nacht“ besingt der Romantiker Novalis deren Magie. Dass die Nacht die Phantasie beflügle, Künstler und Philosophen während dieser Zeitspanne besonders kreativ seien, ist eine auch heute noch gültige Ansicht. Jedoch vermag  sie auch Ängste zu wecken,  gehört sie doch den dunklen Geschöpfen, den Teufeln, Hexen, Dämonen, die zwischen Mitternacht und Morgengrauen ihr Unwesen treiben, um dem Menschen zu schaden. Hilfreichen Zauber und Gegenzauber kennt  der Volksglaube.

Durch Dunkelheit zum Licht der Erkenntnis

Umtriebe totalitärer Herrscher bzw. Bewegungen finden ebenfalls bevorzugt des Nachts statt: Brunner verweist auf die Bücherverbrennungen, auf die sogenannte „Reichskristallnacht“, den Ku-Klux-Klan, um einige Beispiele zu nennen. „Des Verbrechers Freund, der holde Abend“, steht in Charles Baudelaires „Blumen des Bösen“.

 „Licht“ und „Dunkelheit“ spielen in Philosophie wie Religion eine große Rolle. Bei Platon gelangt der Mensch durch die „Dunkelheit“ ins „Licht“, zu Erkenntnis und Klarheit. Eine direkte Linie führt so zu der bürgerlichen Bewegung der „Aufklärung“, welche die Finsternis fundamentalistischen Denkens „aufklaren“ will, um zu  größerer Freiheit zu gelangen. Christen sind „Kinder des Lichts". In der  christlichen Religion  symbolisiert das Licht Gott und seinen Sohn  Jesus. Deren Licht schenke der Seele Fröhlichkeit und Stärke.

Warum die Nacht so dunkel ist

Warum  es nachts überhaupt dunkel wird?, rätseln so manche. Obgleich Abertausende Sterne am Nachthimmel funkeln. Nicht nur dem Astronomen und Mediziner Heinrich Wilhelm Matthias Olbers (1758 -1840) wollte das nicht recht einleuchten.

Milchstraße, Polarlicht, leuchtende Nachtwolken, Lichter über dem Meer - mit all diesen Phänomenen setzt sich Bernd Brunner tiefgründig auseinander. In seinem akribisch recherchierten  „Buch der Nacht“ präsentiert er eine beeindruckende Fülle von Material. Zahlreiche Zitate von Dichtern und Denkern aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen sind mit dem Text verwoben. Souverän, brillant wie unterhaltsam geschrieben. Gebunden in nachtblaues Leinen mit silbrig funkelnden Sternen und dem Mond.

 

Bernd Brunner: „Das Buch der Nacht“

Galiani, Berlin 2021

192 Seiten

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Aalener Kulturjournal