Brigitte Reimann: „In der Erinnerung sieht alles anders aus“

  Mehr als nur eine Biographie

 „In der Erinnerung sieht alles anders aus“, schreibt die ehemalige DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann am  30. April 1964 in ihr Tagebuch. „Es fällt mir so schwer, nachträglich zu werten. Hinterher korrigiere ich herum und weiß schließlich nicht mehr, was wahr ist, was zurechtgemacht.“ Eine Aussage, welche dem Bildband, einer Hommage an die Autorin, den Titel verleiht.

Geboren ist Brigitte Reimann am 21. Juli 1933 in Burg bei Magdeburg, gestorben mit knapp 40 Jahren nach langer Krankheit an Krebs  am 20.Februar 1973 in Ost-Berlin. Heide Hampel,  Herausgeberin von Büchern über Hans Fallada und Brigitte Reimann, hat gemeinsam mit Winfried Braun die Textauswahl für das Buch getroffen. Wie sie auch einleitend ein kenntnisreiches Porträt der Autorin voranstellt.

Mit 22 Jahren schreibt Brigitte Reimann ihr erstes Buch, mit 28 erhält sie den ersten Literaturpreis, mit 30 ist sie im Vorstand des Schriftstellerverbands - von außen betrachtet eine  Bilderbuchkarriere. Als junge Frau glaubt sie an die sozialistischen Ideale, nimmt jedoch zunehmend eine kritische Haltung ein, bis es dann 1968 aufgrund der Niederschlagung des Prager Frühlings durch Truppen des Warschauer Paktes zum Bruch kommt.

Bekannte Werke sind "Die Frau am Pranger" und "Die Kinder von Hellas ": Zwei Romanfragmente, heute unter dem Titel „Das Mädchen auf der Lotosblume" zu finden,    dürfen zu DDR-Zeiten nicht erscheinen, da sie "dekadent" seien.  Ihr bedeutendstes Werk - "Franziska Linkerhand"-– bleibt unvollendet.

"Erinnern" bedeutet  ursprünglich „etwas inne werden".  Genau das  erlaubt der schön gestaltete Bildband, wahrzunehmen und einzufühlen, den Blick zurück in das Denken der Brigitte Reimann, indem aus einer Fülle an Zitaten aus Briefen, Tagebüchern und dem literarischen Werk geschöpft wird.

Die 1963 in Berlin geborene Künstlerin Anke Feuchtenberger, eine der ersten Frauen in Deutschland, die sich  mit dem künstlerischen Comic und der "graphic novel" befasst, eine Bewunderin Brigitte Reimanns seit Teenagertagen und eine profunde Kennerin von Biographie und Werk, setzt sich in  26 Bildern „nachsinnend“ mit den Texten auseinander. Leitmotivisch wählt sie die metaphorische „Katze Erinnerung“ Uwe Johnsons. „Ein undurchschaubares Wesen mit vielen Leben, eigensinnig und eigenwillig, das sich jeglicher Domestikation widersetzt, ungerufen kommt und unerlaubt geht - die Erinnerung“, erklärt Heide Hampel die Assoziation. Bereits auf dem Buchcover taucht eine schwarze Katze auf,  überdimensioniert vor einer Industrielandschaft mit qualmenden Schloten, den Betrachter mit großen orangefarbenen Augen fixierend.

„Es ist so bequem, feige zu sein.“ 

Brigitte Reimann ist psychisch labil, depressiv, konsumiert exzessiv Alkohol und Zigaretten. Ihre große innere Einsamkeit, die abgrundtiefe Trauer, die Angst vor zu vielem, aber auch die Sehnsucht  dazuzugehören, nach Anerkennung spiegelt sich in der Textauswahl.  Der Erinnerungsreigen  beginnt mit Passagen aus  dem postum erschienenen Roman „Franziska Linkerhand“, welcher  die Geschichte einer lebenshungrigen jungen Frau in den 60er-Jahren  der stalinistischen DDR thematisiert, die sich nach Freiheit sehnt. Die vom Sozialismus träumt, doch desillusioniert wird.  Von der Liebe träumt, aber enttäuscht wird. Zu DDR-Zeiten darf das Buch nur in einer fragmentierten Ausgabe erscheinen.  Vergeblich ist auch der  Traum von einem besseren Deutschland nach dem Grauen des Zweiten Weltkrieges. „Wer  trennt sich schon gern von seinen Idealen?“ Das Leiden der Schriftstellerin an der Verlogenheit, auch an der eigenen, am Opportunismus kristallisiert sich in der Klage:  „Es ist so bequem, feige zu sein.“ 

Zur  erzählten Erinnerung wird die historische Realität: „Keine Mauer ist so stark, daß sie  nicht eines Tages einfiele …“  Erinnerungsbilder steigen auf.  Die Schriftstellerin beklagt ihre  Situation als Frau – gesellschaftlich wie privat. Der Widerspruch zwischen der Rolle als Frau und der Leidenschaft zu schreiben. Wie eine Maschine müsse sie funktionieren. Frau, Geliebte, Schriftstellerin, Wäscherin und hundert anderes sein. Eine Frau missfalle grundsätzlich, gleichgültig ob sie Stärke oder Schwäche zeige.

 „Ich finde es schrecklich, daß man nur ein einziges, unwiederbringliches Leben hat“, so die verzweifelte Klage der seit 1968 unheilbar an Krebs erkrankten Autorin.  Die Trauer über die Sterblichkeit des Menschen trifft auf die Illusion, dass das Leben noch vor einem liege.

Symbolisch aufgeladen sind die  großformatigen flächigen Bilder Anke Feuchtenbergers. Auf der rechten Seite des Buches finden sich die Texte, links die Bilder, welche sich kongenial zusammenschließen.  „Begleitend ist jedem Bild der Ausschnitt eines Zitates mitgegeben wie  eine vage Erinnerung, ein Nachhall, verstörend, inspirierend“, so Heide Hampel.  

Entlarvender Surrealismus

In dem Anke Feuchtenberger Sujets aus dem Sozialistischen Realismus surrealistisch verfremdet, bringt sie die Mythen des Arbeiter- und Bauernstaats in einen neuen Zusammenhang.  Der sozialistische Alltag wird zum Albtraum,  die Heldinnen und Helden der Arbeit wirken entfremdet, statt den staatlich verordneten Optimismus auszustrahlen.

 Düstere Nuancen von Braun-, Grün-, Rot-, Blautönen dominieren die  Bildwelten, durch welche sich schemenhafte Gestalten  bewegen. Zuweilen taucht auf den Bildern  grell leuchtendes Rot als  dramatischer Punkt auf. Blaugraue Farbtöne lassen eine beklemmende Atmosphäre entstehen.  So starren drei Fabrikarbeiterinnen in einen Kessel mit rot brodelnder Glut. Eine dunkle Frauengruppe, zurechtgestutzt wie die gespenstischen Kopfweiden im Hintergrund, sitzt apathisch in einer blaugrauen Landschaft, in Blickrichtung eines übergroßen blauen Kinderwagens. Sichtbar wird der Konflikt zwischen Kinderwunsch und gesellschaftlicher Wirklichkeit. Ein bewaffneter Soldat vor braunrotem Hintergrund belehrt winzige, zu ihm aufschauende Menschen, indem er demonstrativ in Richtung der roten Sonne des  Kommunismus weist.

Am Ende  überqueren graue nackte Frauen und Männer in einer tristen Welt einen Fluss, der an den Fluss Styx aus der antiken Mythologie, der Grenze zwischen der Welt der Lebenden und dem Totenreich Hades, erinnert. „Siebzig Jahre  im Glücksfall“ steht unter dem Bild. Ein Angsttraum.

Brigitte Reimann war eine  Individualistin mit unbändigem Freiheitsdrang und Lebenshunger, im Privaten wie im Politischen unter jeglicher  Enge leidend. Und die folglich in einer Gesellschaft, welche  nicht nur definierte, wie ein Schriftsteller, sondern wie ein Mensch an sich zu sein habe, immer wieder an Grenzen stieß. In diesem Kampf um ein selbstbestimmtes Leben – gerade auch als Frau - liegt letztendlich die bleibende Strahlkraft der Autorin.

Der berührende Bildband „Brigitte Reimann – In der Erinnerung sieht alles anders aus“  könnte Anstoß sein, sich mit ihr wieder näher zu befassen.

 

„Brigitte Reimann – In der Erinnerung sieht alles anders aus“ 

Hrsg. von Heide Hampel. Illustriert von Anke Feuchtenberger.

 Berlin: Steffen Verlag 2019

 

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Aalener Kulturjournal