Brigitte Riebe: "Die Schwestern vom Ku'damm. Jahre des Aufbaus."

Eine 50er-Jahre-Trilogie

Der Krieg ist zu Ende. Am 30. April 1945 begeht Adolf Hitler Selbstmord. Am 9. Mai unterzeichnet das deutsche Oberkommando die bedingungslose Kapitulation. Etwa 60 Millionen Tote als Folge des Zweiten Weltkrieges und des NS-Regimes. Deutschland ist nahezu zerstört. Wirtschaft und Infrastruktur liegen am Boden. Und Berlin in Trümmern.  Frauen und Kinder sind allein oder verschickt im einstigen Großdeutschen Reich. Männer sieht man selten auf den Straßen. Gefallen, verschollen,  kriegsgefangen.

Der  Schriftstellerin Brigitte Riebe, eine „leidenschaftliche Historikerin“ , die „Geschichte durch Geschichten erzählt“, schildert mit ihrem neuen lesenswerten Roman "Die Schwestern vom Ku´damm" das Leben der Familie Thalheim. Diesem stellt sie Mascha Kalekos Worte "Sei klug und halte dich an Wunder"  voran. Eine Haltung, welche die Autorin am Beispiel ihrer Protagonistinnen spiegelt.

Der erste Band "Jahre des Aufbaus " ihrer 50er-Jahre-Trilogie erzählt vom Mai 1945 bis Sommer 1951.  "Ihre einstige Welt lag begraben unter Tonnen von Schutt - und mit ihr so ziemlich alles, woran sie jemals geglaubt hatte." Das Familienoberhaupt Friedrich ist vom Krieg gezeichnet, Sohn Oskar in Russland verschollen. Die Villa der Familie von den Russen beschlagnahmt, das ehemalige Luxuskaufhaus in Trümmern. Zwischen den Ruinen vegetieren zerlumpte entwurzelte Menschen. Claire, die zweite Ehefrau Friedrichs, ist unfähig, die Führung zu übernehmen. Während die Frauen als Trümmerfrauen Schutt wegräumen,  schlägt für Berliner Baufirmen rasch  die "goldene Stunde". Rike, die älteste Tochter der  Thalheims, klug, verantwortungsbewusst, vor allem von ihr  handelt der erste Band der Trilogie, leitet während der Abwesenheit des Vaters die Geschäfte, muss jedoch verärgert feststellen, dass er sie nach seiner Rückkehr bei wichtigen Entscheidungen übergeht.  Rike,  die leichtlebige Silvie, schließlich  die jüngste der Töchter, die künstlerisch begabte  Florentine, planen das Kaufhaus wiederaufzubauen. "Wenn wir nicht an die Zukunft glauben, werden wir auch keine haben." Ihnen schließt sich die talentierte Miriam Sternberg an. Den NS-Terror hat sie als "blondiertes U-Boot" überlebt, so werden untergetauchte Juden im Volksmund genannt, während ihre Mutter, einstige Leiterin der Maßschneiderei, in Buchenwald  ermordet worden ist. Vor der Ruine des  Kaufhauses  organisieren die jungen Frauen die erste Berliner Trümmermodenschau, gegen die  allgegenwärtige Tristesse. "Wie einst Phönix aus der Asche ersteht im Frieden unsere neue Mode…" 

Während der NS-Zeit ist Eigenständigkeit nicht gefragt. Mit dem Machtantritt der NSDAP  sollten Frauen zu ihren „wesensgemäßen“ Aufgaben „zurückgeführt“ werden. "Die Frau hat sich zu fügen und Kinder in die Welt zu setzen. Dem Mann ergeben zu sein. Also eine Vorstellung von der Frau, die es normalerweise in modernen Staaten kaum noch gab“,  erläutert die Psychoanalytikerin, Ärztin und Autorin Margarete Mitscherlich-Nielsen treffend. Sondern dem „Führer Kinder schenken“, künftige Soldaten für Hitlers Armee. Das passive  Wahlrecht wird den Frauen entzogen, aus den höher qualifizierten Berufen werden sie hinausgedrängt, Ein Numerus Clausus an den Universitäten bestimmt, dass nicht mehr als zehn Prozent der Studierenden Frauen sein dürfen. 

Mit Kriegsbeginn jedoch  fehlen die Männer als Arbeitskräfte.  Folglich müssen die „Mädel“ als Rüstungsarbeiterinnen, Flakhelferinnen und Helferinnen der Wehrmacht "ihren Mann stehen", tragen an der „Heimatfront“ Uniform.

 

Nach Kriegsende dürfen die Frauen die Trümmer wegräumen. Falsch wäre es , in ihnen nur Opfer zu sehen. Haben sie doch ihren Beitrag zum Funktionieren des NS-Regimes geleistet, den "Führer" verehrt, zackig den Arm nach oben gerissen zum  "deutschen Gruß", entsetzliche Verbrechen im Namen der barbarischen Ideologie verübt. Auf der anderen Seite die vielen Frauen, welche Opfer werden wegen  des Rassenwahns oder als politisch Verfolgte. Nach dem Krieg wachsen die in neue Rollen hinein, ergreifen neue Berufe, ernähren als Witwen die Familie. Kehren die Männer zurück, verlieren sie allerdings zu deren Gunsten nicht selten die Arbeit, in der Familie haben diese - garantiert durch das Gesetz - das letzte Wort. Studienplätze sind den Kriegsheimkehrern vorbehalten. Eine Erfahrung, die auch Rike macht. Manche begehren auf. Im Roman ist es Rike, die verlangt, auf Augenhöhe als Geschäftspartnerin anerkannt zu werden.

Den Alltag prägt der Mangel. In der sowjetischen Besatzungszone stärker als in den westlichen. Wobei die Autorin nicht vergisst, auf Ursache und Folge hinzuweisen. Woher der Hass der sowjetischen Besatzer rührt, fragt sich Rike. Rache für die Untaten im Osten? Die Währungsreform führt zu einem kurzen Aufschwung. Neue Parteien bilden sich. Das geteilte Berlin wird zum Schauplatz des beginnenden Kalten Krieges. Die Bundesrepublik Deutschland, die Deutsche Demokratische Republik werden gegründet. West-Berlin liegt nun isoliert im Staatsgebiet der DDR. Die Nürnberger Prozesse finden statt, führen im Roman zu Diskussionen zwischen den Töchtern und dem Vater, der sich verantworten muss vor einem Entnazifizierungskomitee. Ohne Unrechtsbewusstsein schimpft über alles und  jeden.  Historische Ereignisse, die das Leben der Thalheims beeinflussen, als Hintergrundrauschen, detailliert und aufschlussreich erzählt. 

Nicht nur von politischen Erfahrungen erzählt der Roman. Sondern auch von den  Liebesgeschichten der  jungen Frauen, von schmerzlichen Erlebnissen. Vom frühen Unfalltod der  Mutter Rikes, der für die Tochter eine andauernde seelische Belastung ist. Von Carl, Friedrich Thalheims unkonventionellem Bruder; zu feige für den Widerstand gegen das NS-Regime, wie er zu Rike sagt, wird er zum Nazi-Jäger unter den Sowjets.

 

Eine für den Leser hilfreiche Zeittafel als Anhang verschafft einen Überblick über die deutsche Geschichte in den Jahren 1945 bis1951.

Fortgesetzt wird die Trilogie mit dem zweiten Band „Wunderbare Zeiten“ voraussichtlich im Juli 2019. Der dritte Band trägt den Titel „Tage der Hoffnung“.

 

 

Brigitte Riebe

 

Die Schwestern vom Ku´damm.

Jahre des Aufbaus.

 

Wunderlich Verlag

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Aalener Kulturjournal