Michail Bulgakow: Das hündische Herz. 

ZK-Mitglied Leo Kamenew 1925 über das Buch: "Eine ätzende Attacke auf unsere gegenwärtigen Verhältniss; kommt auf keinen Fall für eine Veröffentlichung in Betracht ..."

Die 1925 verfasste Novelle "Das hündische Herz" Michail Bulgakows handelt vom Alltagsleben der noch jungen Sowjetunion. In Augen der Sowjetzensur  war sie allerdings so subversiv, so konterrevolutionär, dass  sie nicht erscheinen durfte.

"In der Hundelotterie hatte Lumpi das Glückslos gezogen", heißt es zu Beginn. Professor Preobraschenski - eine international anerkannte Kapazität  auf dem Gebiet der Verjüngungsforschung  mit Beziehungen zu höchsten Kreisen - lockt den ausgehungerten Moskauer Straßenköter Lumpi in seine Wohnung, päppelt ihn  auf,  um ihm Hoden und Hypophyse eines ermordeten Kleinkriminellen, der parteilos und Alkoholiker ist, einzupflanzen. Vorbild für die literarische Gestalt des Professors ist der russisch-französische Chirurg Serge Voronoff, der tatsächlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts Affenhoden und -ovarien Männern und Frauen einpflanzte zur Revitalisierung und Verjüngung.

 

Das Experiment gelingt: Der Köter wird zu Polygraph Polygraphowitsch Lumpikow, der sogar  ein Amt in der Moskauer Stadtverwaltung erhält. Seine Aufgabe: streunende Kater und Katzen zu erwürgen.

Ein Feuerwerk schwarzen Humors entzündet sich, Komik und Tragik, Wirkliches und Unwirkliches verschwimmen. Ein Panoptikum irrwitziger Szenen! Vorbild Bulgakows ist Nikolaj Gogol, von dem Thomas Mann weiß: "Seit Gogol ist die russische Literatur komisch."  Der Meister des absurden und doch so tiefsinnigen Humors liefert bis heute das Beispiel für die  russische  Literatur, um gesellschaftliche Missstände zu kritisieren. Erzählperspektiven wechseln:  die Ich-Form, distanziert berichtend, Gedanken, Kommentare der Protagonisten, zuweilen wird der Leser direkt angesprochen.  Äußerst modern im Ganzen.

Michail Bulgakows Erzählung "Das hündische Herz" kann nur im zeitlichen  Kontext verstanden werden. Die Oktoberrevolution schrieb sich die Utopie vom  sowjetischen "Neuen Menschen" auf die Fahnen, ein Heilsziel, welches allen Diktaturen des 20. Jahrhunderts gemein ist. Unter Führung der revolutionären Avantgarde sollte der "Alte Adam" liquidiert werden, um eine anthropologische Neugeburt des Menschen möglich zu machen. 

Die Operation, die Lumpi zu Lumpikow werden lässt, erinnert an eine schwarze Messe, der Arzt mutiert zum diabolischen Priester. Die Metamorphose glückt: Der Hund stirbt, um als neues Wesen wiederaufzuerstehen. "Kneipe" ist das erste Wort Lumpikows, er säuft, pöbelt obszön, spuckt, zankt, belästigt Frauen, Abbild des ermordeten Kleinkriminellen. Sofort schließt er sich dem Bolschewiken  "Schwonder mit der schwarzen Lederjacke" an, der ihn mit kommunistischen Parolen gegen den Professor aufhetzt. In fabelhaft absurden Dialogen widerspricht  Lumpikow dreist dem Professor, philosophiert zu dessen Entsetzen über Engels und Kautsky. Er denunziert und terrorisiert den Professor,  dessen Wohnung zur Hölle wird. Das Geschöpf entgleitet dem Schöpfer.  "Ein  Halunke", "ein Albtraum", "wuchernd wie ein Krebsgeschwür", charakterisiert ihn  der Professor, deprimiert beginnt er am Nutzen seines Experimentes zu zweifeln.  Literarische Bezugspunkte sind der "Homunculus" aus Goethes "Faust II", Mary Shelleys "Frankenstein"  und Gustav Meyrinks Roman "Der Golem", sowie russische Sagen.

Der Autor Michail Bulgakow (1891-1940) - von Beruf eigentlich Arzt -  wurde erst nach seinem Tod berühmt. Seine wichtigsten Werke durften zu Lebzeiten nicht erscheinen. Die Novelle "Das hündische Herz" war erst 1987 (!) in der ehemaligen Sowjetunion erhältlich.  Der Berufsrevolutionär und einflussreiches ZK-Mitglied Leo Kamenew ("Kamenew" = "der Steinerne")  urteilte: "Es handelt sich um eine ätzende Attacke auf unsere gegenwärtigen Verhältnisse und kommt auf keinen Fall für eine Veröffentlichung in Betracht". Kamenew wurde 1936 bei dem ersten Schauprozess im Rahmen der stalinistischen Säuberungen zum Tode verurteilt und hingerichtet.

dtv Klassik; Taschenbuch

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Aalener Kulturjournal