Carl  Laszlo: "Ferien am Waldsee"

Dantes Hölle am eigenen Leib erleben

1955, zehn Jahre nach Kriegsende, erscheint Carl  Laszlos fiktionalisierter Überlebensbericht „Ferien am Waldsee“ zum ersten Mal, bleibt jedoch ohne nennenswerte  Resonanz. 1944  wird der 1923 im ungarischen Pécs in einer großbürgerlichen Familie geborene Autor nach Auschwitz deportiert, dann in die Todeslager Sachsenhausen, Buchenwald, Ohrdruf und Theresienstadt,  überlebt als einer der wenigen seiner Familie. Nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager  im Frühjahr 1945 lebt er in Basel als renommierter Kunstsammler, Schriftsteller und Psychoanalytiker bis zu seinem Tod im Jahr 2013.

Der Germanist und Verleger vergessener Bücher Albert C. Eibl, dem  die erneute Veröffentlichung von  Carl  Laszlos  „Ferien am Waldsee“ zu verdanken ist, vergleicht in seinem Geleitwort den Autor  zu Recht mit Primo Levi, Jean Améry,  Imre Kertész. Sie alle sind Zeugen und Überlebende des Völkermordes.          

Den „Waldsee“, Namensgeber für sein Buch,  habe es in Wirklichkeit nicht gegeben, erklärt Carl  Laszlo in seinem Vorwort. Eine Zeitlang mussten die  aus Ungarn Deportierten zur Beruhigung ihrer Angehörigen eine Karte mit dem Stempel „Am Waldsee“ senden. An Zynismus sind die Henker nicht zu überbieten.

„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird“

 

Gleich bei seiner Ankunft im Vernichtungslager begegnet  Laszlo dem berüchtigten Dr. Josef Mengele, Mediziner und SS-Massenmörder, dem  "Todesengel" von Auschwitz, wie ihn die  Häftlinge nennen.  Gefürchtet für seine Menschenversuche. Der als Lagerarzt bei der Selektion an der Rampe  „gelangweilt“ mit „nacktem Zeigefinger die Toten von den Noch-nicht-Toten“ scheidet.

Carl  Laszlo fiktionalisiert den KZ-Terror, basierend auf eigenen Erlebnissen. Offenbar wird das Willkürsystem, dem die Häftlinge ausgeliefert sind, deren Erniedrigung durch Misshandlung,  die Entkräftung durch Hunger, Sklavenarbeit  und Krankheit, die Vernichtung jeglicher menschlicher Würde.  Und: die Allgegenwart des Todes. Überleben lässt sich nur mit „Kraft, List und Ausdauer.“  Die Häftlingsgesellschaft  ist hierarchisiert. Neben und unter der SS herrschen die Kapos, ausgewählte Häftlinge, die als  Aufseher fungieren, die „Aristokratie“ des Lagers, welche Aufgaben für die SS wahrnimmt.  Oft gefürchtet wie die SS. Eine Menschenhölle, in welcher die Grenzen zwischen Täter und Opfer verschwimmen.  

Zufällig gelangt der Ich-Erzähler an ein zerschlissenes Exemplar von Shakespeares Tragödie  „Romeo und Julia“, beginnt  im Schatten des Krematoriums, beleuchtet durch „Riesenflammen“ aus der „Menschenfressermaschine“  zu lesen. Sein persönliches Schicksal drängt nach vorne, verknüpft  sich mit  der Welt des Hasses, in welcher täglich Tausende umgebracht und zu Asche verbrannt  werden.  Aliego, ein Mithäftling, des Erzählers Alter Ego, konfrontiert diesen mit unbequemen Wahrheiten, kommentiert das Geschehen voller Ironie und Trauer, zeigt so einen unverbrämten Blick auf die nihilistische KZ-Wirklichkeit.

Wie sehr das erlittene Grauen die Opfer verändert, erklärt Aliego illusionslos dem Erzähler im Kapitel „Der Teufel“, einer Kernstelle, überschrieben mit Nietzsches düsterer Einsicht  von der Gefährdung des Menschen: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. (…)“

Geschehnisse, die sich in ähnlicher oder veränderter Form wieder abspielen könnten

 

„Wir haben in dieser Welt nichts mehr zu suchen: zwischen uns und den anderen hat sich eine undurchdringliche  Wand aufgerichtet und trennt uns von all denen, die nicht hier waren. Während die SS wieder ihren Platz in der Welt finden  wird.  (…), stellt Aliego  lakonisch fest.

Den Menschen draußen seien sie   lästig, weil sie die menschliche Natur, die eigene wie die der anderen,  allzu nackt gesehen hätten. Abgeblättert die dünne zivilisatorische Tünche.  Aliegos Worte spiegeln hellsichtig die historische Realität der Nachkriegszeit: Die Opfer stören, die wenigsten Täter haben Schuldgefühle, führen rasch wieder ein Leben als angesehene Bürger. Während die Verbrechen von einer kollektiven Amnesie zugedeckt sind. Als ob nichts geschehen wäre.

Der alleinige  Sinn der Lager sei, Menschen systematisch umzubringen, heißt es im Buch. Seit Sommer 1944 werden Konzentrations- und Arbeitslager in Frontnähe geräumt, Spuren der Verbrechen beseitigt, da die  Alliierten  sich nähern, berichtet der Erzähler, welcher die  Todesmärsche als „lebender Leichnam“ übersteht.  Klar und nüchtern  berichtet Carl  Laszlo  vom unsäglichen Leiden der Opfer, zeichnet ein beklemmendes Bild des Lagerlebens. Gerade diese Nüchternheit wirkt erschütternd.

Schweigen, verdrängen, vergessen

 

Zehn Jahre habe er absichtlich gewartet, um Abstand  zu  gewinnen  und darüber sprechen zu können, schreibt Laszlo in dem Vorwort zu der Ausgabe von 1955. Geschehnisse, welche tatsächlich vor zehn bis zwölf Jahren inmitten Europas sich abgespielt und sich in ähnlicher oder veränderter Form wieder abspielen könnten, betont der Autor. Dass seine Erinnerungen damals auf so wenig Resonanz stoßen, ist nicht verwunderlich. Denn erst  seit den 1980er Jahren beginnt  die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Jahrzehntelang wird verdrängt, geschwiegen, gefordert, einen Schlussstrich zu ziehen.

Zu „Ferien am Waldsee“ schreibt der Journalist  Alexander von Schönburg, der den Verleger Eibl auf die Geschichte von Carl  Laszlo aufmerksam gemacht hat, ein  ausführliches Nachwort. Eine prägende Figur in seinem Leben sei Laszlo gewesen. Bestens vernetzt mit der internationalen künstlerischen Bohème. Eine schillernde beeindruckende Persönlichkeit, welche einen exzessiv  hedonistischen Lebensstil pflegte. Als mögliche Reaktion auf das Erlittene, mutmaßt Alexander von Schönburg. „Ich habe erlebt, was Dante sich nur vorgestellt hat, die Hölle“, zitiert er Laszlo. Dessen Triumph: überlebt zu haben. In einer Art „Dauerekstase“  lebt der Überlebende weiter, kompromisslos frei. Den größten  „Liebesdienst“, deshalb der Titel des  Nachwortes, erweise  man Carl  Laszlo, indem man sich an all das erinnert, was er zu erzählen hatte, resümiert Alexander von Schönburg treffend.

Erinnerung und Mahnung zugleich ist das Buch. Wie schnell doch die  dünne Schicht durchbricht, welche die Zivilisation von der  Barbarei trennt. Dem schmalen Werk wünscht man zahlreiche Leserinnen und Leser -  gerade in Zeiten,  in denen  totalitäres Denken jeglicher Couleur wieder  Raum ergreift.

 

Carl Laszlo,

Ferien am Waldsee

Erinnerungen eines Überlebenden

Herausgegeben und mit einem Geleitwort von Albert C. Eibl

Mit einem Nachwort von Alexander von Schönburg

160 Seiten

Dvb Verlag

 

 

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Aalener Kulturjournal