Die große Unbekannte: Porträtfotografin  Charlotte Joël

Wenn nur Bilder bleiben

Charlotte Joël war eine der großen Porträtfotografinnen der Weimarer Republik. Nur noch ein Stolperstein - verlegt  am 6.Juni 2013 im   Hansa-Viertel Berlin-Mitte, Klopstockstraße 19  - erinnert an sie. Auf ihm ist zu lesen: „Hier wohnte Charlotte Joël, Jahrgang 1887, deportiert am 19.4.1943, ermordet in Auschwitz“.

Die gebürtige Charlottenburgerin eröffnet  1913 zusammen mit der Fotografin Marie Heinzelmann ein Fotoatelier nahe dem Bahnhof Zoo. 600 eingetragene Photoateliers gibt es in den 30er Jahren in Berlin, geführt von mehr als 100 Frauen. Auffällig viele sind gutbürgerlicher jüdischer Herkunft. Fünfundzwanzig Jahre lang wird Charlotte Joël das Atelier führen, bis sie 1933 nach der „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten als Jüdin ihren Beruf nicht mehr ausüben kann.

Mit dem schön gestalteten wie aufschlussreichen   Band „Das Werk der Photographin Charlotte Joël“ entreißen Friedrich Pfäfflin und Werner Kohlert sie  dem Vergessen. Während Kohlert in einem  einleitenden Essay schildert, was er über Leben, Arbeit und Schicksal Charlotte Joëls herausgefunden hat, sind im Bildteil  ihre Photographien zu sehen,  zusammengetragen von Pfäfflin, der  jahrelang öffentliche und private Sammlungen danach durchforstet. Verzeichnet werden zudem, sofern zu ermitteln, Kurzbiographien der Porträtierten.   

 Weder ist über Charlotte Joëls Aussehen noch über ihre Schul-und Berufsausbildung etwas bekannt. Auch nicht, warum sie nicht emigrierte. „Das Leben dieser Frau in Fundstücken fügen. Aber alles bleibt Torso. Die Biographie würde fast spurlos verschwunden sein, wäre da nicht ihr Werk. Charlotte Joël war Photographin. Alles Wissen über sie erfahren wir über ihre  Bilder, durch ihre Arbeit. Über die Personen, die sie porträtierte, aus Briefen, Beschreibungen, Erinnerungen ihres  Bekanntenkreises, vorzüglich aus dem Wirken ihres Bruders Erich Joël“,  schreibt Werner Kohlert.

Illustre Persönlichkeiten lassen sich von ihr portraitieren  

Der Mediziner Ernst Joël (1893–1929) ist als Student in der um 1900 aufkommenden Jugendbewegung, dem  Wandervogel, aktiv.  Mit dem Schriftsteller  und Mitglied der Münchner Räterepublik Gustav Landauer, dem Religionsphilosophen Martin Buber ist er bekannt, befreundet mit dem Philosophen Walter Benjamin, der sich mit seiner Familie von Charlotte Joël häufig fotografieren lässt. 1918 hat sie die damals noch unbekannte Marlene Dietrich in Backfischaufmachung vor der Linse, 1925 Bernhard Minetti, welcher einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schauspieler des 20. Jahrhunderts werden wird. Auch die Dichterin Hedwig Lachmann, Ehefrau Landauers, lässt sich porträtieren. Oder der Schriftsteller Karl Kraus, der sich für eine Reihe von Porträtfotografien -  31 Aufnahmen zwischen 1921 und 1930 - vor ihre Kamera setzt, ist damals bereits einer der bedeutendsten österreichischen Intellektuellen. Beide bleiben bis zu Kraus´ Tod 1936 in Verbindung. Porträts von  Hilde Benjamin, der Schwägerin Walter Benjamins, von den  Nazis als junge KPD-Anwältin verfolgt, ihr Mann ermordet. In  der DDR wird sie später Justizministerin, linientreu und gnadenlos.

Illustre Persönlichkeiten, welche zu dem Bekanntenkreis ihres Bruders Ernst gehörten. In vielen Büchern finden sich  deren Photographien, aufgenommen von Charlotte Joël.

Alle Abbildungen beweisen das hohe Qualitätsniveau, wie exzellent Charlotte Joël ihr Handwerk beherrscht hat. Über die zeitliche Distanz hinweg sprechen sie  den Betrachter an,  wirken zeitlos schön, klassisch schlicht, reduziert auf das Wesentliche, ohne Beiwerk,  sodass das Wesen der Porträtierten sich herauskristallisieren kann.

Einen  Zauber strahlen die Kinderporträts  aus, veröffentlicht in Zeitschriften,  als  Postkarten gedruckt; 1929  verwendet ihr Bruder Aufnahmen für die Hygiene-Ausstellung „Gesunde Nerven“. In besonderem Maße berühren gerade sie,  wissen wir Nachgeborenen doch um das kommende Grauen der NS-Zeit. Das weitere Schicksal der Porträtierten, welche nicht selten namentlich nicht zu identifizieren sind,  bleibt eine Leerstelle.

Ein jüdisches Schicksal

Ende der dreißiger Jahre freundet sich  Charlotte Joël mit Clara Grunwald an, einer der bedeutendsten  Montessori-Pädagoginnen in Deutschland und Gründerin der Volkskinderhäuser, die als Jüdin  Berufsverbot erhalten hat. Seit 1941 arbeitet Charlotte Joël mit ihr in dem Zwangsarbeiterlager Gut Neuendorf, das in den 1930er Jahren zur Hachschara-Bewegung gehört.  Dort konnten jüdische Jugendliche Landwirtschaft und Handwerksberufe lernen, um sie auf die Auswanderung nach Palästina vorzubereiten. 1941 wird das Gut in ein NS-Zwangsarbeiterlager, ab 1942 beginnen die  Deportationen in die Vernichtungslager.

Obwohl der Besitz eines Fotoapparats und fotografieren im Lager verboten ist, gelingt es Charlotte Joël,  Aufnahmen zu machen. Der Ort ist nicht zu erkennen. In  den Fokus rücken nun Porträts von Clara Grunwald, von Margarete Lachmund, eine der bekanntesten deutschen Quäkerinnen, Widerstandskämpferin und Friedensaktivistin, der Anthroposophin und Schriftstellerin Clotilde Schenck zu Schweinsberg. Frauen, die selbst verfolgt, den Verfolgten beistehen.

Am 19. April 1943 mit dem 37. Osttransport werden Charlotte Joël  und Clara Grunwald zusammen mit 688 Menschen, allein aus dem Arbeitslager 153 Personen,  in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet.

 

Werner Kohlert, Friedrich Pfäfflin

Das Werk der Photographin Charlotte Joël

Porträts von Walter Benjamin bis Karl Kraus, von Martin Buber bis Marlene Dietrich

Mit einem Essay von Werner Kohlert und einem Katalog des photographischen Werks von Friedrich Pfäfflin

332 Seiten

Wallstein Verlag Göttingen

 

 

 

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Aalener Kulturjournal