Whiteheads Roman "Underground Railroad", ausgezeichnet mit  dem Pulitzerpreis 2017 und dem National Book Award, erzählt von einem bitteren Kapitel der amerikanischen Geschichte. Der Titel erinnert an ein geheimes Netzwerk, welches bis Mitte des 19. Jahrhunderts Sklaven half, aus den Südstaaten in den Norden zu fliehen. Rund 100.000 Sklaven konnten so befreit werden. Weiße Gegner der Sklaverei, deren Motivation der christliche Glaube oder der Glaube an die menschliche Freiheit war, landeten genauso am Galgen, wenn sie entdeckt wurden. Die Fluchtrouten waren geheim, die Helfer nannten sich „Zugführer“ oder „Schaffner“, die  Geflohenen „Gepäck“ oder „Passagiere“, der „Bahnhof“ das nächste Ziel. Deshalb die Metapher „Underground Railroad“. Tatsächliche Eisenbahnlinien wie im Roman vorkommend gab es allerdings in Wirklichkeit nicht; der Autor nimmt die Metapher von der unterirdischen Eisenbahn wörtlich, gestaltet den realistischen Kern zu einer bewegenden Allegorie aus.

Die Erzählung, für die der Autor gründlich recherchiert hat, spielt um 1820. Dennoch habe er keinen historischen Roman geschrieben, so Colson Whitehead ("Literarische Welt"). Vielmehr  mische er Geschichte und Fiktion, halte sich nicht an Fakten. Ihm gehe es um "Wahrheit", um das Leben auf den Plantagen, wie es ihm psychologisch realistisch erschienen sei. Der Roman kommt ohne Südstaatenromantik aus.  Whitehead formt  glaubwürdige Charaktere, ohne Klischeelastigkeit; weder ein Onkel Tom noch eine Südstaatenschönheit findet sich im Repertoire.

Die Versklavten hausen eng zusammengepfercht, kennen nichts anderes als Gewalt und Willkür, bestehlen einander, sind Opportunisten, Denunzianten. Selbst Freigelassene verraten Entlaufene um der Fangprämie willen. Neid und Gehässigkeit als "zeitlose Gefühle". "Die Weißen fraßen einem auf, aber manchmal taten das auch die Farbigen." Das System verdirbt moralisch alle. 

 

Jeder Traum ein Traum von der Flucht

 

Die Erzählung beginnt mit dem Geschehen um Ajarry, der Großmutter Coras. Ajarry wird als Kind von Sklavenhändlern aus Afrika nach Amerika verschleppt, vergewaltigt, auf Sklavenmärkten verkauft. Ihrer Tochter Mabel gelingt  als einziger Sklavin die Flucht  aus der Plantage von Terrance Randall, einem besonders sadistischen Sklavenhalter. Cora, ihre  achtjährige Tochter, bleibt schutzlos zurück, wird "ins Elendhaus abgeschoben, und niemand war ihr zu Hilfe gekommen", hasst ihre Mutter, da sie sich verraten fühlt. Cora, die eigentliche Heldin des Romans ist eine Ausgestoßene, das Leben auf einer Baumwollplantage in Georgia so unerträglich, dass sie flieht, obwohl sie erlebt, wie bestialisch die wieder eingefangenen  Sklaven  zu Tode gefoltert werden. Zur Abschreckung öffentlich. Dennoch: „Jeder Sklave denkt daran, am Morgen, am Nachmittag und in der Nacht. Träumt davon. Jeder Traum ein Traum von der Flucht.“ Der berüchtigte wie erfolgreiche Sklavenfänger Ridgeway, dem der Autor ein ganzes Kapitel widmet, das dessen Werdegang wie Denken zeigt, jagt Cora mit größter Entschlossenheit. Seine Philosophie: „Hier war der wahrhaftige Große Geist, das göttliche Band, das alles menschliche Bestreben verknüpft – wenn du es behalten kannst, ist es deins. Dein Besitz, Sklave oder Kontinent. Der amerikanische Imperativ.“ Rücksichtslose Gewalt als legitimes Mittel.

Amerika ein Trugbild, das größte von allen

 

Zweimal  fängt Ridgeway Cora, zweimal entkommt sie ihm. Die Jagd nach Entflohenen gibt ihm und seiner Bande die Gelegenheit die gesamte farbige Bevölkerung zu terrorisieren, zu plündern, zu morden, zu vergewaltigen. "In einem anderen Land wären sie Verbrecher geworden, aber hier war Amerika." Für Ridgeway ist die Abolitionistenbewegung (Anti-Sklaverei-Bewegung) eine "kriminelle Verschwörung zum Diebstahl von Eigentum". In der Aufmachung des Ku Klux Klan werden auch sie überfallen. Auch einige der Helfer Coras  werden ermordet.

Anspielungen auf Massaker an den indigenen Völkern Amerikas finden sich; so sagt eine Figur: „Amerika ist ebenfalls ein Trugbild, das größte von allen. Die weiße Rasse glaubt – sie glaubt aus tiefstem Herzen –, dass sie das Recht hat, sich das Land zu nehmen. Indianer zu töten. Krieg zu führen. Ihre Brüder zu versklaven. Falls es irgendwo Gerechtigkeit gibt in dieser Welt, dürfte diese Nation nicht existieren, denn sie beruht auf Mord, Diebstahl und Grausamkeit.“

 

Schwarze und weiße Sklavenhändler

Auf der Underground Railroad - der Fluchtweg ist vorbereitet - rast Cora in die vermeintliche Freiheit, erhält eine neue Identität samt neuer Biographie. Sie ist zwar nun eine "freie Frau", keine Sklavin mehr, dennoch als Farbige ein Mensch zweiter Klasse. Eine Odyssee durch die Süd- und Nordstaaten beginnt, durch fünf Bundesstaaten. In jedem gelten andere Sklaven- und Rassengesetze. 

Der "Weg in die Freiheit" ist mit Leichen gepflastert. Cora erlebt, wie der Mob Lynchmorde zelebriert, überlebt selbst ein  grauenhaftes Massaker. In South Carolina arbeitetet Cora als lebendiges Ausstellungsstück in einem Museum. Ungenauigkeiten und Widersprüche mischen sich: Die Reihenfolge der gezeigten Stationen führt von 'Plantage' über 'Sklavenschiff' zu 'Finsterstes Afrika', "Die Wahrheit war eine wechselnde Auslage in einem Schaufenster, von menschlicher Hand verfälscht", schlussfolgert Cora.

Auf der Valentine-Farm, einem utopischen Zufluchtsort für schwarze Siedler, später vom Mob niedergebrannt, die Bewohner massakriert, hält sie in der Bibliothek mit der "größten Sammlung von Negerliteratur diesseits von Chicago" Berichte von "afrikanischen Reichen" (Herrschaftsgebiete) in Händen.

Ein frommes Wunschbild? Ausgeblendet wird im Roman die historische Tatsache, dass  viele afrikanische Kulturen selbst mit Menschen gehandelt, Sklaverei als selbstverständlich betrachtet haben. Der afrikanische Anthropologe und Wirtschaftswissenschaftler Tidiane N'Diaye stellt in seinem Buch "Le génocide voilé" - "Der verschleierte Völkermord" dar, dass vom 7. bis 16. Jahrhundert araboislamische Sklavenhändler über 17 Millionen Menschen verschleppt beziehungsweise ermordet haben. Ohne Mithilfe afrikanischer Herrscher sei das nicht möglich gewesen. Die Europäer  ergänzten vom 17. bis 19. Jahrhundert dieses System durch den transatlantischen Handel nach Übersee. Sie  mussten jedoch nicht selbst auf Menschenjagd gehen, die geforderte "Ware" wurde geliefert.  Sklavenhandel von Schwarzen mit Schwarzen. Den Schlüssel liefert Whitehead;  im Interview erklärt er, dass die menschlichen Antriebskräfte immer dieselben seien. Es gehe stets um Unterdrückung. Der Schwarzen, der Juden und auch der Frauen. Zu ergänzen wäre: sich mithilfe der Unterdrückung, zu bereichern und Macht zu verschaffen.

Cora flieht weiter nach North Carolina auf der Flucht vor Ridgeway, versteckt sich wochenlang auf einem Dachboden, von wo aus sie durch ein Loch beobachtet, wie der Lynchmob sich austobt.

 

 

 

Schriftstellerische Freiheit, um zu verschärfen und zuzuspitzen

 

 

Vorbild für Whitehead ist die Erzählung von Harriet Jacob,  die sieben Jahre lang auf einem Speicher ausharrt, bevor sie ihre Flucht fortsetzen kann. "Die neuen Rassengesetze verboten farbigen Männern und Frauen, einen Fuß auf den Boden von North Carolina zu setzen", erlebt Cora.  Söldner vertreiben, massakrieren die Unwilligen, auch deren Helfer. Colson Whiteheads North Carolina wirft seine schwarze Bevölkerung hinaus, um einen Idealstaat der „White Supremacy“ ("Weiße Vorherrschaft“), zu schaffen, einer Ideologie, welche die weiße "Rasse"  als überlegen sieht, deren Herrschaftsanspruch beansprucht. In den heutigen Vereinigten Staaten gehört zum Beispiel die Alt-Right-Bewegung dazu. Der Autor nimmt sich hier eine große dichterische Freiheit, baut phantastische Elemente ein, denn das  North Carolina im Roman gab es historisch nicht. Ein anderer Staat gleicht einer Wüstenei, wieder ein anderer ist von einer Seuche heimgesucht. Schreckensbilder. Im Roman gibt es weitere Beispiele für den freien Umgang mit der Geschichte. So  die medizinischen Experimente, welche tatsächlich zwischen 1932 und 1972 in Alabama an verarmten schwarzen Landarbeitern vorgenommen worden sind. Oder Erfindungen wie den Fahrstuhl, den es um 1820 noch nicht gegeben hat. Whitehead überzeichnet, verschärft, spitzt zu.

 

Freiheit bleibt eine Illusion

 

Er spannt einen großen Bogen, verortet seinen Plot in der Vergangenheit, mischt Vergangenheit und Gegenwart, Fakten und Fiktionen, um historisch-kulturelle Rahmenbedingungen zu sprengen. Eine Reise durch Raum und Zeit. Eingestreute Steckbriefe, Erfahrungsberichte von Schwarzen aus jener Zeit ("slave narrative")  schaffen Authentizität. Genauso authentisch die drastische Sprache, welche Verachtung und Gemeinheit der Sklavenhalter spiegelt. Mitreißende, packende, auch schmerzliche Szenen.

Cora entkommt zwar in den Norden, aber was sie mitnimmt, ist die Erkenntnis, dass sie nirgendwo als Farbige wirklich willkommen ist, dass Freiheit eine Illusion bleibt.

 

Es gibt kein klassisches Happy End, aber Whiteheads Roman erweist sich als höchst aktuelle Lektüre: Erinnert sei an den weißen Mob von Charlottesville, der bewiesen hat , wie virulent das rassistische Erbe in den USA ist.

Der 1969 in New York geborene Schriftstellers Colson Whitehead stammt aus einer Familie der oberen Mittelschicht, studierte in Harvard, an den renommiertesten Universitäten der USA, unter anderem in Princeton, Columbia und Richmond. Bisher veröffentlichte sechs Romane, alle preisgekrönt.

 

Colson Whitehead: Underground Railroad. Roman.

Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl;

Hanser Verlag, München

 
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Aalener Kulturjournal