Dacia Maraini: Das Mädchen und der Träumer

"Träume sind wie Wolken, flüchtig und unbeständig." 

Die 1936 geborene Dacia Maraini ist eine der wichtigsten italienischen Autorinnen der Gegenwart. Ihr neuer Roman „Das Mädchen und der Träumer“ beginnt wie eine Kriminalgeschichte.

In einer norditalienischen Kleinstadt. verschwindet ein kleines Mädchen. In einem roten Mantel erscheint sie dem Grundschullehrer Nani Speranza  im Traum. "Träume sind wie Wolken, flüchtig und unbeständig." Er glaubt, seine eigene vergötterte Tochter Martina vor sich zu haben, die mit acht an Leukämie gestorben ist. Der Roman erzählt vom Verlust eines geliebten Kindes und welchen Weg die Zurückbleibenden finden, um damit zu leben. "Sieh nach vorne, stochere nicht in der Vergangenheit herum", wird ihm von allen geraten. Was er nicht kann.

"Einsam und allein, umgeben von  Gespenstern. Ich bin  ein Gefangener im eigenen Haus." Der Ich-Erzähler Nani Speranza,  ein verzweifelter einsamer Mann ,  der in seinem Inneren mit einem Raben, einem  "lästiges Federvieh" Zwiegespräche führt, das auf der Schulter sitzend, bohrt, höhnt, quält, ihn zurecht weist. Aber auch Selbstzweifel weckt.  Nanis Über-Ich. 

Maraini spannt den Bogen von Rotkäppchen über Pinocchio bis hin zu Alice

Am Morgen nach dem Traum erfährt er aus dem Radio, dass die achtjährige Lucia spurlos auf dem Schulweg verschwunden sei. Kommt ins Grübeln: Eine "Nachricht deines Unterbewusstseins." Die Welt der Träume sind für Nani wie auch für die Autorin selbst, wie sie in einem Interview berichtet, von immenser Bedeutung.

Nach Monaten stellt die Polizei die Suche ein. Die Zurückgebliebenen verhalten sich so, als ob es das Kind nie gegeben hätte. Nani hingegen  nicht, die Suche nach dem verschwundenen  Kind wird zur Obsession. Er stellt auf eigene Faust Ermittlungen an, vernachlässigt seine Arbeit als Lehrer, bekommt Schwierigkeiten, da er den Fall in seiner Klasse immer wieder thematisiert. Und gerät selbst in Verdacht.

Nani, in dessen Klasse sich die Konflikte der Gegenwart spiegeln, ist ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler. Sein Ziel: das Denken beizubringen. Kinder unterschiedlichster Herkunft, unterschiedlicher Religionen, Ethnien sitzen vor ihm. Auch völlig fanatisierte, bereits erzogen zum Hass. Mädchen, die von der Schule genommen werden, denn: "Gebildete Mädchen können niemals gute Mütter sein."

Nicht nur die Wirtschaft der Staaten globalisiert sich, das organisierte Verbrechen ebenfalls. Drogenhandel, Menschenhandel, bevorzugte Opfer sind Frauen und Kinder. Im Roman landet ein kleines Mädchen, vom Vater, der aufbricht zum terroristischen Kampf, nach Kambodscha entführt, in einem Bordell für Pädophile. Die globale Nachfrage existiert.

Wenn ein Kind verschwindet, kann das viel bedeuten: entführt, ermordet , unsichtbar gemacht unter einem Schleier. Dacia Maraini legt viele Spuren: Vergasung von Kindern durch die SS, Kinderbordelle in Kambodscha, in schalldichten Kerkern missbrauchte Kinder. In der Literatur spannt sie den Bogen von Rotkäppchen über Pinocchio bis hin zu Alice, die in einem Erdloch verschwindet. Nani, ein leidenschaftlicher Leser, findet immer wieder in der Mythologie, Literatur, Historie, Kriminalgeschichte Geschehnisse, die das Unglück spiegeln, die aber auch helfen,  Leid zu überwinden, die Hoffnung vermitteln. Die Grenzen zwischen Leben und Literatur verschwimmen. 

Kriminalroman und finsteres Sittenbild

Dacia Maraini, die Grande Dame und "die zornige Frau"  der italienischen Literatur, bleibt auch mit dem neuesten Roman „Das Mädchen und der Träumer“ ihrem Prinzip treu, sich einzumischen,  gesellschaftliche Missstände aufzudecken, was für sie die Aufgabe eines Schriftstellers sei.,  In einem Interview (Neue Züricher Zeitung)  spricht Dacia Maraini über Kindheit, über Feminismus und ihren neuen Roman. "Das Mädchen und der Träumer"  sei ebenso Kriminalroman wie "finsteres Sittenbild" des heutigen Italiens. Die Realität sei allerdings noch um einiges erschreckender.

Auch seien die Schulen durch eine falsche Reformpolitik ihrer zentralen Aufgabe beraubt worden, nämlich staatsbürgerliches Bewusstsein und Wissen zu vermitteln. In den Grundschulen, in denen vor allem Frauen unterrichten, habe sie junge männliche Lehrer voller Enthusiasmus erlebt. Wenn überhaupt noch etwas funktioniere, dann sei es solchen Lehrern zu verdanken. Denen wolle sie mit ihrem Roman ein Denkmal setzen (Süddeutsche Zeitung,).

Ein gut gebauter, spannend erzählter Kriminalroman vereint sich mit der Geschichte einer Trauerbewältigung. Ein bewegendes Buch.

 In Deutschland ist Dacia Maraini vor allem durch die Romane die "Die stumme Herzogin" und "Stimmen" bekannt geworden. Ihr  umfangreiches Werke - Romane, Erzählungen, Drehbücher, Theaterstücke, politische Essays - sind in über zwanzig Sprachen übersetzt. 

 

 

Dacia Maraini: „Das Mädchen und der Träumer“

Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler

Folio, Wien. 340 S., 22 €.

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal