Daniel Kehlmann: "Tyll"

  Das Geheimnisvolle hinter der sichtbaren Welt  

Daniel Kehlmann, einem der erfolgreichsten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur,  gelingt mit seinem neuen Roman "Tyll" ein großartiges Epos vom Dreißigjährigen Krieg. Gleichwohl der Schalknarr Till Eulenspiegel Kehlmanns Protagonisten Tyll, der wohl im 14. Jahrhundert tatsächlich gelebt hat, den Namen leiht, handelt es sich nicht um dessen neu erzählte Lebensbeschreibung.

"Der Krieg war bisher nicht zu uns gekommen. Wir lebten in Furcht und Hoffnung und versuchten, Gottes Zorn nicht auf unsere fest von Mauern umschlossene Stadt zu ziehen, mit ihren hundertfünf Häusern und der Kirche und dem Friedhof, wo unsere Vorfahren auf den Tag der Auferstehung warteten." So beginnt Kehlmanns Roman. Eine Gauklertruppe taucht auf. Tyll ist dabei. Vorgetragen wird eine  Spottballade vom  "armen dummen Winterkönig", vom Kaiser, vom Krieg und der "Schönheit des Sterbens". Das Publikum ist begeistert. Nur eine alte Frau fürchtet, er rufe so den Krieg herbei. "Und ein gutes Jahr später kam der Krieg doch zu uns." Und mit ihm Brandschatzung, Plünderungen, Zerstörung - der ganze Irrsinn eben.

Das Geschehen wird nicht linear erzählt, sondern  mit heftigen Zeitsprüngen. Zum Beispiel erfährt man in einer Rückblende, dass Tylls Vater Claus, ein Müller, zugewandert aus dem lutherischen Norden, Philosoph und Magier, der verbotene Bücher besitzt, sich mit Zaubersprüchen und Naturstudien beschäftigt, um die "Rätsel der Welt" zu ergründen, als "Teufelsbündner" hingerichtet wird. Daniel Kehlmann geht recht frei mit Fiktion und historischer Realität um. Zwei Jesuiten, beide historische Figuren, Dr. Kircher und der Engländer Dr. Oswald Tesimond, Hexenjäger, werden auf ihn  aufmerksam. Höchst zwielichtige Gesellen. In England wird nach Tesimond gefahndet, da er 1605 am Gunpowder Plot beteiligt ist, dem Versuch britischer Katholiken  Jakob I.,  den protestantischen König von England, zu töten.  

Des Winterkönigs Traum  

Der deutsche Jesuit Athanasius Kircher steigt in Rom zum Universalgelehrten auf, von Kehlmann zum Universalbetrüger gemacht, wandert wie der deutsche  Barockdichter Paul Fleming, William Shakespeare oder der Schwede  Gustav Adolf  durch den Roman. Dann gibt es noch den sprechenden Esel Origines, der Tyll auf seiner Wanderschaft begleitet.  Und einen merkwürdigen Wissenschaftszweig: die Drakonologie, die Wissenschaft vom Drachen, Spezialgebiet Tesimonds.

Nach der Hinrichtung des Vaters muss Tyll fliehen, begleitet von der Bäckerstochter Nele. Was mit seiner Mutter geschieht, erfährt Tyll nie. Tyll und Nele schließen sich einer Gauklertruppe an, begegnen Friedrich V. von der Pfalz, dem "Winterkönig", und dessen Frau Elizabeth Stuart, Tochter des englischen Königs Jakob I. und Enkelin der unglücklichen Maria Stuart. Einst das Traumpaar von Europa fliehen sie aus Prag durch Deutschland, um  schließlich bei holländischen Verwandten im Exil zu enden.

1619 wird Friedrich V. von den protestantischen Ständen in Prag zum König von Böhmen gewählt, stellt sich damit gegen den katholischen Kaiser. Auslöser des Dreißigjährigen  Krieges. Nach der Schlacht am Weißen Berg verliert Friedrich nicht nur die böhmische Krone, sondern auch die Kurwürde von der Pfalz. Was bleibt ist der  Spottname  "Winterkönig",  da sein Königtum nicht länger als ein Winter dauert. Friedrich setzt seine Hoffnung auf den Schwedenkönig Gustav Adolf, der aber bietet ihm die Pfalz lediglich als Lehen an. Die Schlacht bei Lützen, bei der im November 1632 der unbesiegbar geglaubte Schwedenkönig fällt, die Belagerung von Brünn im Sommer 1645, die letzte Feldschlacht im Mai 1648, die Verhandlungen zum Westfälischen Frieden. Schlüsselereignisse des Dreißigjährigen Krieges bilden die historische Kulisse.

Der Narr als Spaßmacher und Tod 

So heiratet die fiktive Nele Adam Olearius, den Persien- und Russland-Reisenden, Schriftsteller, Gelehrten und Diplomaten, eine historische Figur, überlebt diesen, denkt aber bis zum letzten Atemzug an Tyll, der für sie wie ein Bruder ist.

Dieser wiederum hat wenig gemein mit dem Till aus dem Volksbuch. Zum galligen Hofnarren der Mächtigen - sogar dem Kaiser liest er die Leviten -  lässt Kehlmann ihn aufsteigen. Mit dem Tod des Vaters entwurzelt, vertrieben,  durchwandert er als "dämonische" Gestalt, wie der Autor selbst seine Figur charakterisiert, eine verwüstete, aus den Fugen geratene Welt. Ein Zyniker, Jongleur, auch im übertragenen Sinn. Um dessen Schicksal die einzelnen Figuren und Geschehnisse sich ranken. So wenig fassbar, dass es im Dunkeln bleibt, ob er eigentlich nur ein Phantasiegebilde ist.

Als am Ende Elizabeth Stuart ihm in England eine warme Zuflucht anbietet, lehnt er ab. "Willst du mir Gnadenbrot geben, kleine Liz? Eine tägliche Suppe und eine dicke Decke und warme Pantoffeln, bis ich friedlich sterbe?" "So schlecht ist das gar nicht." "Aber weißt du, was besser ist? Noch besser als friedlich sterben?" "Sage es mir." "Nicht sterben, kleine Liz. Das ist viel besser." 

Irgendwann beschließt Tyll, unsterblich zu sein. In der Mythologie gilt der Narr seit alters her nicht nur als düsterer Spaßmacher; sondern Narr und Tod sind eins, stehen sie  doch für die Nichtigkeit der Welt, gerade als Vanitas-Gedanke zur barocken Zeit. Kehlmann spielt mit diesem Topos.

 

2014  anlässlich seiner "Frankfurter Poetik-Vorlesungen" spricht  Daniel Kehlmann ausführlich über seine Lieblingsautoren Gabriel Garcia Marquez, Leo Perutz, J.R.R. Tolkien und Jorge Luis Borges, Vertreter der phantastischen Literatur. Und bekennt sich zum magischen Realismus: "Als ich in Wien Germanistik studiert habe, galt die Wiener Gruppe als das Allergrößte und das Allerinteressanteste, aber mich hat das nie so gefesselt. Mich haben Borges oder Perutz mehr gefesselt, die eine geschlossene, nachvollziehbare syntaktische Struktur haben, die auch vordergründig Ereignisse der realen Welt erzählen, aber wenn man genauer liest, merkt man plötzlich, das ist gar nicht so."  Mythen und Märchen seien für ihn der Urstoff aller Literatur, gerade auch in der Moderne. Ihn  interessiere das Geheimnisvolle hinter der sichtbaren Wirklichkeit, was indes nicht gleichzusetzen sei mit Esoterik. So ist es auch nicht verwunderlich, dass wie selbstverständlich vom "letzten Drachen des Nordens" erzählt wird, der siebzehntausend Jahre alt stirbt, weil er es leid sei, sich zu verstecken. Geographisch konkret in der Holsteinischen Ebene verortet.

 

Versagt die Politik, folgt der Krieg

Obwohl die schillernde Geschichte in der Barockzeit handelt,  entscheidet sich Kehlmann bewusst für eine klare moderne Sprache. Der echte Barockstil sei heute unverständlich, so der Autor. Auch habe er den "Tyll" ganz "klassisch" erzählen wollen; keine Ironisierung des Erzählens, keine Metaebenen, fast keine versteckten Anspielungen (Süddeutsche, 30./31.Oktober,/1.November 2017).

Inspiriert wird Kehlmann durch drei Quellen: Der pfiffige Schalksnarr "Till Eulenspiegel". Wie bereits erwähnt. Die zweite Quelle: Grimmelshausens "Der  Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch",  der bei Bauern aufwächst , bis Soldaten die Idylle zerstören und Simplex zum Umherirrenden  machen, der schließlich Zuflucht bei einem Einsiedler findet. Weltflucht versus Bestialität des Krieges. Und die dritte - wohl am wenigstens bekannte - ist der Roman "Thyl Ulenspiegel" des Belgiers  Charles de Costers von 1867, der vom Freiheitskampf der Flamen gegen die Spanier erzählt.  Episoden, Motive aus den drei Romanen erscheinen  jedoch in neuen  Kontext. Fiktion und geschichtliche Wirklichkeit mischen sich permanent.  

Er verstehe seinen Roman ausdrücklich nicht als Kommentar zu unserer Zeit, betont Kehlmann, meint aber auch: "Ich glaube tatsächlich, wir überschätzen die Stabilität des Status  quo, egal wie er sei." Und: "Der Dreißigjährige Krieg ist das, was herauskommt, wenn Politik auf allen Seiten vollständig versagt." Alles hätte vermieden werden können, so der Autor. Über die Jahre hinweg habe sich indes ein ungeheurer religiöser Fanatismus aufgestaut, vermischt mit Machtpolitik.

Immer noch gilt, was einst Marcel Reich-Ranicki über Daniel Kehlmann sagte: "Er kann erzählen, und zwar vorzüglich, er ist intelligent, und zwar außerordentlich,
er hat Phantasie, und zwar eine ungewöhnliche." 

Daniel Kehlmann: Tyll. Roman. Rowohlt-Verlag. 480 Seiten, 22,95 Euro

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Aalener Kulturjournal