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Das Lalebuch

Als die Schildbürger noch Lalen hießen

Wer kennt nicht die Geschichte von den Schildbürgern, die neben Till Eulenspiegel und Dr.  Faust zu den bekanntesten deutschen Volksbüchern zählt. Wenig bekannt ist allerdings, dass es sich bei dem Schildbürgerbuch nach heutigem Verständnis um ein dreistes Plagiat handelt. "Lale"  wurde einfach durch "Schildbürger" ersetzt.  Die Urform erscheint zum ersten Mal 1597 gedruckt in Straßburg unter dem Titel "Das Lalebuch".  Mit dem Untertitel „Wunderseltzame/ Abentheurliche/ unerhörte/ und bißher unbeschriebene Geschichten und Thaten der Lalen zu Lalenburg“. Die  Urheberschaft von Original wie Plagiat ist bis heute nicht geklärt. Der Grimmelshausen-Übersetzer Reinhard Kaiser hat nun den "ersten komischen Roman Deutschlands" kongenial in ein uns nahes Deutsch übertragen. Unter Beibehaltung des ursprünglichen Witzes.  

Die Handlung spielt in der fiktiven Stadt Laleburg im Kaiserreich Utopia. Im Zentrum steht das ganze  Narrenkollektiv der einst aus Griechenland geflohenen Lalen. Das Wort „Lale“ ist griechischen Ursprungs und bedeutet so viel wie „schwatzen“ und „belehren“. Wegen ihrer Weisheit sind die  Lalen als Ratgeber an den Höfen der Fürsten und Könige äußerst begehrt. Jedoch nimmt durch die dauernde Abwesenheit das  eigene Hab und Gut Schaden, sodass folgender Plan entwickelt wird:  Eine „närrische Lebensart“ soll es richten.

Ab dem 7. Kapitel berichten kurze aufeinander aufbauende Erzählungen von dessen Umsetzung. Beste Voraussetzungen brächten die Lalen mit, denn um einen echten Narren zu geben, müsse man weise sein. Damals sei Weisheit eher selten gewesen, meint der anonyme Erzähler mit spöttischem Seitenhieb auf seine Zeitgenossen, inzwischen jedoch wollten vor allem die größten Toren und Narren als weise und klug betrachtet werden. Fatal ist, dass die Dummheit den Lalen  zur Gewohnheit wird. Ihre Weisheit nehme ab wie das Licht einer Kerze, heißt es. Ein „Probestück der Narrheit“ folgt auf das andere. So tragen sie Licht ins Rathaus, säen Salz, stellen einen unschuldigen Krebs vor Gericht. Anlässlich eines Festes wundert sich der Kaiser von Utopien, dass ihn die Lalen mit „groben und törichten Zoten“ unterhalten wollen, erinnert er sich doch an sie als kluge Menschen. Gleichwohl garantiert er ihnen schriftlich Narrenfreiheit.

 

Die Komik feiert Urstände

 

Die   Streiche der Lalen werden immer toller. Wider jegliche Vernunft handeln sie, um für ihre Narrheit schneller berühmt zu werden als einst für ihre Weisheit. Was auch immer die Lalen tun, alles misslingt aufgrund ihres gestörten Verhältnisses zur Wirklichkeit. Zu blinden Narren am Ende geworden, bieten sie sich als leichte Beute an für schräge Gesellen, zerstören so die eigene vertraute Welt.

Welche Folge das nach sich zieht, weiß der Erzähler: „Sie ließen sich an vielen Orten nieder und pflanzten so ihre Zucht weit und breit aus“. Damit breitet sich auch ihre Narrheit aus, sodass die Menschen inzwischen alle Lale geworden seien.

Das  16. Jahrhundert ist die große  Zeit der Schwankliteratur. Noch im Erscheinungsjahr des „Lalebuchs“ 1597 (!)  wird im Herbstkatalog der Frankfurter Buchmesse ein Buch mit  dem Titel „Die Schiltbürger“ angekündigt. Niemand kann damals ahnen, dass   dieses „merkwürdige Werk“ über Jahrhunderte zum Bestseller werden würde. Wie bei „Till Eulenspiegel“ oder dem „Faust“ vereinigen sich  schwankhafte Geschichten, die im Umlauf sind, zu einer Sammlung. Dominieren anfangs bei den Schwankromanen moralische Belehrungen, so überwiegt später das Vergnügen an der Schadenfreude, am Brechen von Normen. Während im „Till Eulenspiegel“ ein bösartiger rücksichtsloser Schalksnarr agiert, verhält sich das Narrenvolk der Lalen zwar unglaublich dumm, aber unbedarft freundlich. Allerdings ist beiden gemein, dass sie mit einem desillusionierten Blick   auf die Unvernunft der Menschennatur die Brüchigkeit der Welt spiegeln.

„Das Lalebuch“ ist ein wahrer Glücksfund, ein großartiger deutscher Roman, den es  neu zu  entdecken gibt.

 

Das Lalebuch

Herausgegeben von: Reinhard Kaiser

Galiani Verlag

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Aalener Kulturjournal