Neues vom Aalener Autor Dr. Jürgen Brater

Pfeif drauf - morgen hast du´s eh vergessen

(KH) Heute schon Gedanken übers Alter gemacht? Jetzt bloß nicht abwinken, denn insgeheim ist Altern doch das Dauerthema - zumindest ab einem gewissen Alter. Vielleicht sogar von Kindesbeinen an. Zunächst kann es nicht schnell genug gehen, lieber zwanzig als vierzehn sein. Doch irgendwann beginnt jeder die Jahre zu zählen. Möglicherweise zunächst noch scherzhaft, aber dann wird´s ernst. Und die Frage ist: Wie damit umgehen? Gesellschaftliche Erwartungen oder dem eigenen Gefühl folgen? "Es gibt kein Verbot für alte Weiber, auf Bäume zu klettern", soll die Schriftstellerin Astrid Lindgren geurteilt haben, was selbstredend auch für Männer gilt. Den Aalener Zahnarzt und Buchautor Dr. Jürgen Brater hat das Alter auf jeden Fall umgetrieben, obwohl er es eigentlich, nach eigener Aussage, so nicht wollte. Aber ein schockierendes Erlebnis hat ihn auf den Alterspunkt gebracht: Eine junge Dame hat ihm im Autobus ihren Sitzplatz angeboten. Einst eine Form der Höflichkeit junger Menschen gegenüber älteren, heute die unumstößliche Offenbarung: "Ich bin alt!" Eine Erkenntnis wie eine Hilfeschrei! Doch Dr. Brater bleibt gelassen, nimmt´s gar mit Humor. "Pfeif drauf!", schreibt er über seinen Lebensrückblick, über sein Altwerden. Er lässt sich von Cicero leiten: "So wie nicht jeder Wein mit dem Alter sauer wird, so wird auch nicht bei jedem Menschen das Alter sauer." Dementsprechend launig führt er auf 200 Seiten unterhaltsam durch seinen beginnenden "Ruhestand".

Vergnügt dem Alter begegnen

Für seine Buch-Fan-Gemeinde keine Überraschung, auch nicht, dass hinter manch humorvoller Wendung durchaus Tiefgang steckt. Wer den Autor nicht kennt, wird überrascht sein von der leichten, lockeren Sprache, von einem Schreibstil, der zum Lesen verführt, heitere Redewendungen bereithält und dennoch informativ, aber höchst subjektiv  das jeweilige Thema behandelt. Dazu passt die von Dorothea Dorsch gestaltete Umschlagseite mit den beiden Alten, der frohgemut dreinblickenden Oma und dem verdrießlichen Opa mit Strickmütze.

Dreizehn Kapitel stehen dem Leser bevor, wer das Büchlein nicht in einem Rutsch durchliest darf sich von Mal zu Mal mit all jenen Fragen beschäftigen, die ab dem … - ja, welches Alter meint nun der Autor? 60, 65, 70 oder älter. Jürgen Brater lässt die Antwort vorsichtshalber offen. Was soll er auch antworten! Autorenkollegin Alice Schwarzer wurde nach ihrem 75. Geburtstag gefragt, ob jetzt alles anders sei. Ihre Antwort: "Man ist mit 75 dieselbe, innerlich, wie mit 25. Es kommen nur ein paar Erfahrungen und Erkenntnisse dazu. Alt ist man immer nur in den Augen der anderen."  Dr. Brater würde anfügen: "Das Altern ist schön, wenn man weiß, wie es geht!" Zumal  er - fast noch beim Vorwort - darauf verweist, dass er zu jener Generation gehöre, die ein komplettes Leben in Frieden führen durfte. Angesichts gegenwärtiger politischer und gesellschaftlicher Zuspitzungen fast schon ein Luxus, der der Menschheitskatastrophen des 20. Jahrhunderts geschuldet ist.

Alt will jeder werden, Altsein keiner!

Ein Paradoxon? Der Autor verweist darauf, dass die individuelle Lebensspanne nur zu einem Viertel von den Erbanlagen bestimmt wird, für den Rest sorgt jeder mit seiner Lebensart selbst. Allerdings gesteht Dr. Brater ein wenig Neid auf die ganz Jungen schon ein, denn wäre er - ganz irrational gedacht - nicht kurz nach dem Krieg, sondern erst gestern geboren worden, stünden ihm zumindest statistisch deutlich mehr Lebensjahre bevor. Wobei er deren Anzahl eher für nebensächlich hält, da die "Alten" grundsätzlich fitter als Generationen zuvor seien, weshalb das "gefühlte" Alter ausschlagegebend sei.

Eine große Zustimmung darf hierbei erwartet werden, nicht zuletzt, da modernes Altern mit viel Zeit, sehr viel Zeit verbunden ist. Soviel, dass immer mehr Senioren einen Terminkalender führen. Mit was der gefüllt werde, sei höchst individuell. Dr. Brater gibt Beispiele zur Hand, berichtet von Freunden mit ausgeprägtem Fernsehtick und von jenen, die keinen Kulturtermin auslassen.  Und schaut in seinen eigenen Kalender. Leer! Nichts steht darin. Nach einem Berufsleben unter Strom, meide er im Ruhestand jedwede Hektik. Stress? "…allein bei dem Gedanken krampft sich in mir alles zusammen." Da ist schon ein Dasein als Leih-Opa für fremde Kinder oder irgendein anders Ehrenamt zu viel. Einfach mal wegfahren, für ein paar Tage in Urlaub. Zu zweit, mit der Ehefrau, aber bloß nicht Kreuzfahrt oder gar organsierte Busreisen.

Kein Grund zum Traurigsein

Spleens, Marotten und Schrullen - das Alter wartet mit manch merkwürdigen Sonderlichkeiten auf, unabhängig woher diese kommen. Sich neuen Herausforderungen stellen? Darauf pfeift Dr. Brater. Altersweisheiten nerven ihn ebenso wie endloses Labern. Apropos - ohne Stress, aber bei guter Ernährung wächst der Bauchumfang im Alter schneller als einst. Dennoch fügt man sich in sein Schicksal. Wie den sonstigen überall lauernden Beschwerden und tatsächlichen Krankheiten. "Ab 60 macht sich jedes einzelne Jahr bemerkbar, vor allem körperlich."

Das Gesprächsthema Nummer eins, wenn sich Altersgenossen treffen, schließlich leiden alle irgendwie an Abnutzungserscheinungen. Ganz zu schweigen von der Schwerhörigkeit, deren humoristisches Potential Dr. Brater selbstredend gerne aufnimmt.  Das Kapitel wird zur Bestandsaufnahme des seelischen wie körperlichen Status Quo. Bei allen sich mehrenden Einschlägen, Dr. Brater ist weit davon entfernt, in Hildegard Knefs Lied "Von nun an ging´s bergab" einzustimmen. Viel näher liegt ihm Udo Jürgens "Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an!" Fröhlich leben empfiehlt er, positiv dem Alter gegenüberstehen. Vor allem sich darauf einrichten und beispielsweise - auch wenn es schwerfällt - nutzlos gewordenen Ballast über Bord zu werfen. Das befreit, schafft Raum für das Wesentliche. Vor allem für Lebensfreude mittels Genuss, Fitness und Entspannung.

Dennoch warnt Dr. Brater vor manch einer Tücke des Alters. Als besonders gefährliche nennt er Einsamkeit und Siechtum, um im selben Atemzug positive soziale Kontakten in vielerlei Variationen als wirksames Gegenmittel zu empfehlen. Aber ohne sich von den eigenen Kindern in Geiselhaft nehmen zu lassen. Deren Lebensweise akzeptieren, auch wenn man nicht alles gut heiße, müsse die Devise sein.

"Leben so wie ich es mag!"

Dass er gegen den Tod nicht ankommt, dessen ist sich Jürgen Brater bewusst. Er sieht darin allerdings kein Schicksal, sondern das unausweichliche Ende seines Weges. Für ihn indes kein Grund zum Traurigsein. Auch keiner, um der längst vergangenen Jugend nachzutrauern. "… genießen Sie Ihren Lebensabend, nein, besser: jeden Tag Ihres Lebensabends nach Kräften."

Was bleibt also nach der Lektüre? Auf alle Fälle die Erkenntnis, am Altern geht kein Weg vorbei. Schlimmer noch: Gemäß dem sogenannten  Gompertz-Makeham´schen Gesetz klettert die Mortalitätsrate  mit steigendem Alter exponentiell. Dr. Brater rät dennoch zu Gelassenheit. Was man nicht ändern kann, muss man akzeptieren.

Allerdings, über manch eine seiner These lässt es sich trefflich streiten, schließlich darf die Gesellschaft nicht allein den Jüngeren überlassen werden. Auch im Alter bietet gesellschaftliches wie politisches Engagement die Chance, das letzte Lebensdrittel in sozialer und menschlicher Hinsicht verantwortungsvoll und mit Würde zu gestalten. Wie dies letztlich aussehen kann, bleibt aber eine individuelle Entscheidung. Der Autor votiert für Volker Lechtenbrinks "Leben so wie ich es mag". Das kommt seinem Lebensmotto "Es ist nur ein kleiner Schritt zu einem gelassenen, vergnügten Älterwerden"  nahe. Zugleich gibt er seinen Lesern - vor allem natürlich den älteren Jahrgängen zwar keinen perfekten Ratgeber, den gibt es sowieso nicht, aber eine launige Hilfe und ein immer wohlmeinender Denkanstoß zur Hand: Das zu meistern, was das Leben zwangsweise verordnet, das Älterwerden.

Jürgen Brater

Pfeif drauf - morgen hast du´s eh vergessen

riva - Verlag München

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