Marie von Ebner-Eschenbach:  Lotti, die Uhrmacherin

Unzeitgemäß, emanzipatorisch und widersprüchlich

Marie von Ebner-Eschenbach ist keine sentimentale verstaubte Dichterin. Hellsichtig thematisiert sie in ihrem Werk nicht nur soziale Missstände, sondern auch das Recht der Frauen auf Eigenständigkeit.  

In dem Ende des 19. Jahrhunderts spielenden Roman „Lotti, die Uhrmacherin“ erzählt Marie von Ebner-Eschenbach von einer Frau, die sich in einem Männerberuf behauptet.

„Fräulein Lotti“ ist  eine  selbstständige beruflich erfolgreiche Frau von fünfunddreißig Jahren, die  von sich sagt: „Ich habe das Leben, das ich brauche.“ Bei ihrem Vater, einem liebvollen gütigen Menschen, absolviert sie die Ausbildung zur Uhrmacherin, wird eine Meisterin ihres Faches. Als junge Frau hadert Lotti mit ihrem Aussehen, ist sie doch  laut Autorin äußerlich „kein angenehmer Anblick“. „Konservativ wie sie nun einmal war“ und  „jedem Blendwerk abhold“ kleidet sie sich altmodisch bieder. Mit Voraussetzung wohl, dass sie sich als Frau  ohne Anstandsbegleitung in der Öffentlichkeit bewegen kann. Für die damalige Zeit im Ganzen eine „Ausnahmeerscheinung“.

“Fräulein Lotti“ ist auch das literarische Selbstporträt Marie von Ebner-Eschenbachs. Was die Attraktivität und die eigene Haltung betrifft. Selbstständiges Auftreten und unabhängiges Denken, Eigenschaften, welche bei den weiblichen Figuren der Ebner nicht selten sind,  kennzeichnen auch die Autorin. Lotti und Marie teilen sich auch dieselbe Leidenschaft: 1879 hat Marie wie ihre Protagonistin eine  Ausbildung als Uhrmacherin absolviert. Ungewöhnlich für Frauen damals.  Begeistert sammelt sie  Formuhren, Schmuckuhren, welche  als Anhänger oder Brosche getragen werden können,  heute im Wiener Uhrenmuseum zu bewundern. Den Erlös ihrer kostbaren Taschenuhrensammlung vermachte die Autorin übrigens dem örtlichen Kindergarten.

Lottis Mutter ist früh gestorben, ihr Vater Johannes Feßler fördert die Tochter in jeder Hinsicht. Die kleine Familie wird vervollständigt durch den Ziehsohn Gottfried Feßler, ein entfernter Verwandter und Vollwaise. Ihm ermöglicht Johannes Feßler ebenfalls eine Uhrmacherlehre mit Aufenthalt in England. In der Gründerzeit, in welcher die Romanhandlung spielt, ist das Uhrmacherhandwerk bereits ein Anachronismus, denn Uhren werden inzwischen industriell gefertigt. Was die Romanfiguren beklagen. Als Lottis Vater stirbt, hinterlässt er der  Tochter eine äußerst wertvolle Uhrensammlung, welche über Seiten hinweg von der Autorin detailliert wie kenntnisreich beschrieben wird.

Gottfried,  ein ernsthafter junger Mann, liebt Lotti aufrichtig, betrachtet sie als gleichwertige Partnerin. So  schlägt er Lotti vor, gemeinsam einen kleinen Uhrmacher-Laden zu eröffnen: Mit dem Firmenschild „G. u. L. Feßler“. „Von jeher  widmete er Lotti seine ganze Sorgfalt, suchte ihr alles Unangenehme fernzuhalten, blieb immer der getreueste und aufmerksamste Freund.“

Eine Rückblende führt  15 Jahre zurück, in die Zeit,  in „böse Tage“, als „alles, was sonst ihr Leben erhellte, ihr gleichgültig geworden, und das Leben selbst eine Last“.  Verlobt war Lotti  damals mit Hermann von Halwig, einem kleinen Beamten und Poeten. Ihr „erste und einzige Liebe“. Halwig,  ein narzisstischer Charakter,  taucht im Hause Feßler auf, um für eine Novelle zu recherchieren. Lotti und er verlieben sich. Gottfried mag ihn nicht. Halwig verlangt von Lotti uneingeschränkte Offenheit, was allerdings nicht bedeutet, dass sie ihn kritisieren darf, vielmehr will er von ihr bestätigt, das heißt gespiegelt  werden.  Gegen Halwigs Widerstand löst Lotti die Verlobung, als sie fühlt, dass sie aufgrund seiner Launenhaftigkeit mit ihm nicht glücklich werden könne,  in ihrer „unwiderstehlichen Sehnsucht nach Frieden“ betrogen werden würde.

Indes verspricht sie ihm  ewige Freundschaft und Fürsorge.  “Bedrückte Seelen warten – das verstehe ich, das ist Kunst, die ich ausübe, das meine Virtuosität.“

Drei  Jahre nachdem  Lotti von  Hallwigs Heirat mit der adligen Agathe, einer  kindischen und berechnenden, aber schönen Frau, erfahren hat, erhält sie  ihr einstiges Verlobungsgeschenk an ihn, eine Taschenuhr zu Reparatur, ein „Notverkauf“.  Ihr Seelenfrieden ist dahin.

Das Ehepaar Halwig lebt über seine Verhältnisse, erfährt sie. Halwig, der  Lotti gegenüber gesteht er,  gegen sein eigenes künstlerisches Gewissen handeln zu müssen, da er als Lohnschreiber „mit der Feder“ den Haushalt bestreiten muss.  Lotti entschließt sich, ihre  wertvolle Uhrensammlung für 150000 Gulden zu verkaufen, damit mit dem Erlös das Landgut von Agathes  verschuldeten Eltern gekauft werden kann. Ohne dass Halwig erfährt, wer der geheime Wohltäter ist. Der Wohlstand ist jedoch nur von kurzer Dauer, verschwendet von Agathe und ihren Brüdern. Lottis Entschluss, Halwig finanziell zu unterstützen, hat nichts mit weiblicher Schwäche zu tun. Jedenfalls sind ihre Motive nicht auf einen einfachen Nenner zu bringen, wie die österreichische Schriftstellerin Eva Schörkhuber in ihrem Essay zu „Lotti, die Uhrmacherin“ betont.  „Es geht um freundschaftliche Verbundenheit, um Hilfsbereitschaft und Zuwendung, aber auch um das Gefühl einer Mitschuld an Halwigs unglücklicher Situation, und um die Möglichkeit, etwas dagegen zu unternehmen.“

 In der Nacht der Entscheidung, die Sammlung zu verkaufen vernimmt Lotti Halwigs Stimme in ihrem Kopf: „Du warst die Starke und ich war schwach, du hättest mich nicht verlassen sollen. Aber du suchtest Ruhe, du rangst nach Frieden und gabst mich auf.“ Am Ende finden Lotti und Gottfried endlich zusammen.

Der Roman sei eine „ literarische Anregung dafür, einem eigenen Rhythmus zu folgen, das Timing selbst zu bestimmen – ein Plädoyer  also fürs Unzeitgemäße, für sein emanzipatorisches und widersprüchliches Potential“,  Eva Schörkhuber. Und im Unzeitgemäßen liegt gerade das Überzeitliche.

 

Marie von Ebner-Eschenbach

Lotti, die Uhrmacherin

Reclam Verlag

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal