Edgar Rai: "Ascona"    

    Über den ewigen Kreislauf der Idiotie

Ascona, die Perle am Lago Maggiore, ehemaliges Fischerdorf und späterer Kurort. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts ist der Hügel über Ascona, der Monte Verità, Kultort für Aussteiger. Später für die Schönen und Reichen. Weniger bekannt indes ist, dass dort ab 1932 Verfolgte aus Deutschland Zuflucht finden. So erzählt Edgar Rais neuester Roman "Ascona"  vom Exil des Schriftstellers Erich Maria Remarque, der einen Tag nach der Ernennung Adolf Hitlers  zum Reichskanzler in die Schweiz flieht. Verfolgt  von den neuen Machthabern wegen seines 1928 verfassten Antikriegsromans „Im Westen nichts Neues“, des meistverkauften Romans eines deutschsprachigen Schriftstellers aller Zeiten.

Die Aufführung der 1930 mit zwei Oscars ausgezeichneten Hollywoodverfilmung wird durch von den Nationalsozialisten geschürte Krawalle gestört. Ein Verbot des Films folgt. Schließlich landet 1933 Remarques Gesamtwerk auf dem Scheiterhaufen. Der Schriftsteller wird ausgebürgert, seine Bücher dürfen nicht mehr erscheinen. Das  Haus im Tessin hat Remarque bereits ein Jahr vor Hitlers sogenannter „Machtergreifung“ gekauft, den Hauptwohnsitz dorthin verlegt. Von 1933 bis 1939 wird er dort bleiben.

 

„Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg. Bis ich 'rausfand, dass es welche gibt, die dafür sind. Besonders die, die nicht hineingehen müssen", bemerkt Remarque treffend.

 

Von  Ascona  aus beobachtet der „militante Pazifist“ Erich Maria Remarque verzweifelt die Entwicklungen in Deutschland, zum Beispiel den Reichstagsbrand am 27. Februar 1933, welcher den Anlass liefert zur gnadenlosen Verfolgung von Regimegegnern. Ohne Grund dürfen Polizei und SA Verhaftungen vornehmen. Bereits am folgenden Tag wird die Notverordnung „Zum Schutz von Volk und Staat” erlassen, welche die Freiheits- und Grundrechte massiv beschneidet wie die Grundlage für das sogenannte „Dritte Reich“  bildet, für die „Tyrannei von Arschgeigen“, wie es im Buch heißt. Im Radio hört Remarque, wie der entfesselte „Volkszorn“ während der sogenannten „Reichskristallnacht“ tobt.

Seit Jahren arbeitet er an seinem Roman „Pat“, der nicht so recht gelingen will, den er jedoch 1936 im Exil abschließt, 1938 veröffentlicht im Amsterdamer Exil-Verlag Querido. Das Buch, das unter dem Titel „Drei Kameraden“ erscheint, ist der letzte Band einer Trilogie, nach „Im Westen nichts Neues“ und „Der Weg zurück“, welche vom Schrecken des Krieges erzählt.

Mehr als 2000 Autorinnen und Autoren müssen nach der sogenannten Machtübernahme Deutschland verlassen. Die „erwachte Nation“ vertreibt die begabtesten Köpfe. In Ascona begegnet Remarque Thomas Mann, Carl Zuckmayer, Else Lasker-Schüler, Ernst Toller neben zahllosen anderen. Remarques Haus ist immer offen für Verfolgte. Auch Otto Braun, der letzte demokratisch gewählte Ministerpräsident von Preußen, ist, um der Verhaftung zu entgehen, im März 1933 in die Schweiz geflohen. „Ascona war eine blühende, farbenprächtige, blühende Illusion.“ Denn mit den Exilanten kommen die Spitzel, der Arm der Gestapo reicht problemlos bis in die Schweiz. Selbst Entführungen und Morde gibt es. Der Hund Remarques wird als Drohung vergiftet. Viele der Verfolgten gehen zugrunde vor Armut, sterben auf der Flucht, töten sich selbst aus Verzweiflung, werden ermordet in Konzentrationslagern.

 

Leiden am Irrsinn der Welt

 

Edgar Rai zeigt einen haltlosen Schriftsteller, der am „Irrsinn der Welt“ leidet, sich mit Alkohol betäubt, gepeinigt von Selbstzweifel und Depression. Der fürchtet als Autor in seinem Exil von der Welt vergessen zu werden. Der sich seiner kleinbürgerlichen Herkunft schämt. Der Schuldgefühle hat, weil er im Luxus an einem sicheren Ort lebt. Ein Liebhaber der Frauen ist Remarque. Zweimal verheiratet mit der Tänzerin Jutta Zambona, zahllose Affären, etwa mit der „göttlichen“ Greta Garbo wie mit der Zarennichte Natasha Paley. Gerade an Marlene Dietrich, eine Getriebene wie er selbst, hänge der Schriftsteller seine Sehnsüchte und sein Herz, ist im Roman zu lesen, obgleich ihm die Vergeblichkeit bewusst sei. Niemand sei in Europa noch sicher, wird sie ihn warnen kurz vor Kriegsbeginn. „Komm zu mir nach Amerika.“ So folgt Remarque schließlich der Schauspielerin und Sängerin Marlene Dietrich in die Vereinigten Staaten.

Voller Furcht beobachtet die Exilgemeinde, wie in ganz Europa die Faschisten aufmarschieren, „von keinem Schlagbaum aufzuhalten, von keinem Argument und keinem Gewehr“. Mit dem Ziel, alle Andersdenkenden zu „eliminieren“. Klarsichtig erkennt Remarque, wie ein skrupelloser Despot der Weltgemeinschaft einen Krieg aufzwingt: Propaganda, inszenierte Vorfälle, Vorwände werden gesucht, um die Nachbarn zu überfallen, verbrecherische Allianzen geschmiedet.

Fiktion und Realität sind in dem sorgfältig  recherchierten Roman „Ascona“ miteinander stimmig verwoben. Tagebucheinträge Remarques und Radiomitschnitte, damals ein neues Medium, liefern die Fakten. Zum Beispiel wurde im  Radio übertragen, wie Erich Maria Remarques Schriften verbrannt wurden. Eine Szene, die heute noch unter die Haut gehe, so Edgar Rai.

Auch Rais kluger Tatsachenroman  „Ascona“ geht unter die Haut. 2021 veröffentlicht, liest sich dieser rasant erzählte Roman aktuell anders. Erschreckende Parallelen zeigen sich zwischen dem Überfall auf Polen und dem auf die Ukraine. Ob der Mensch so beschaffen sei, dass er sich immer wieder ins Verderben stürze, fragt sich Remarque. „Der ewige Kreislauf der Idiotie?“

 

Info

Edgar Rai:

Ascona. Roman.

Piper, München 2021.

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Aalener Kulturjournal